Josephine Johnson – „Ein Jahr in der Natur“

„Einmal mehr manifestierte sich das seltsame Wunder. Eine stille, wartende Welt der reinen Verzauberung.“

Josephine Johnson (1910-1990) war gerade mal 24 Jahre alt, als sie als bis heute jüngste Preisträgerin 1935 für ihren Debütroman „Die November-Schwestern“ mit dem renommierten Pulitzerpreis geehrt wurde. Nach der deutschen Erstausgabe des preisgekrönten Buches 2023 im Aufbau Verlag kann nun auch ihr mehr als 30 Jahre später erschienenes Werk „Ein Jahr in der Natur“ wiederentdeckt werden – in einer zugleich wunderbar illustrierten Ausgabe.

Auf einer großen Farm

Der Band, unter dem Titel „The Inland Island“ 1969 im Original erschienen, gilt als frühes Werk des Nature Writing. Die New York Times verglich es mit Henry David Thoreaus Klassiker „Walden“. Es führt auf die mehr als 30 Hektar große Farm der Familie in Clermount County, Ohio, die sie allerdings nicht bewirtschaftet, sondern sich weitgehend selbst überlässt. Das Gelände ist abwechslungsreich, wenngleich ohne die herausragenden Landschaftsformen wie die Berge und das Meer. In Sichtweite des Hauses gibt es einen Wald. Darüber hinaus beschreibt Johnson den Teich und die Hügel. Vor allem aber das Leben in all seiner berauschenden Vielfalt und in all seinen Formen – ob Pflanzen oder Tiere.

Das Register am Ende des Buches zählt alle erwähnten Vertreter aus Flora und Fauna auf und lässt staunen. Über die Vielzahl, aber auch über manch kuriosen Namen wie Kappennaschvogel oder Maiswurzelblattlaus.  Ihr Buch führt durch ein ganzes Jahr, eine Zeit der stetigen Veränderungen, die sie beschreibt. Die einzelnen Monate vom Januar bis zum Dezember und indirekt damit die vier Jahreszeiten geben dem Werk seine wenn auch etwas strenge Struktur.

Ehrfürchtiges Staunen

Johnson beweist einen genauen Blick für Details und fokussiert sich auf noch so winzige Einzelheiten,  zugleich erscheint ihr Erzählen wie ein Schweifen über die Landschaft – das große Ganze. All dem wohnt eine Liebe zur Natur und ein ehrfürchtiges Staunen inne, wenngleich sie nicht jedes Tier, jede Pflanze mag, wie sie aufrichtig an mehreren Stellen betont. Humorvoll beschreibt sie das Gebaren eines Spottdrosselmännchens, wie durch ein Mikroskop indes das Treiben von Marienkäfer und Blattlaus. Vor allem die Vogelwelt hat es ihr angetan – und die Schildkröte.

„Goldene Käfer, gelbe Schmetterlinge, orange Lilien. Was tun mit dieser schimmernden, duftenden Pracht? Nun, sie festhalten. Du wirst sie brauchen in künftigen Tagen.“

Zu den sinnlichen und detailreichen Naturbeschreibungen stellt sie philosophische, aber auch gesellschaftskritische Gedanken. Johnson äußert klar ihre Abneigung gegenüber dem Vietnamkrieg und übt damit Kritik an der US-amerikanischen Regierung. Sie zeigt sich erschüttert über die Umweltzerstörung und fordert Respekt und Demut vor dem Leben in all seinen Formen ein. Bestes Nature Writing ist immer auch Mahnung. Erst durch das bewusste Erleben der Natur entsteht Hingabe und das Bedürfnis, sie zu schützen. Die Autorin zitiert aus anderen Werken, formuliert zugleich ihre Sehnsucht, eine große Schriftstellerin zu sein. Ihr Buch ist eine eindrückliche wie klare Meditation über die Vielfalt des Daseins, die sprachlich in seiner Poesie mal an ein Langgedicht, mal an ein Tagebuch erinnert.

„Wir brauchen jetzt einen ruhigen Moment. Gezeiten des Lebens und Gezeiten des Verfalls, und alle stiller als das Meer.“

Geboren 1910 in Missouri, ist Johnsons Weg zum Schreiben und der Literatur teils ein autodidaktischer. Sie nahm zwar an der Washington University in St. Louis ein Studium auf, das sie jedoch nicht mit einem Titel abschloss. 1955 verlieh ihr die Universität die Ehrendoktorwürde. Ihr Schaffen umfasst neben Romanen und dem Essay „Ein Jahr in der Natur“ auch Kurzgeschichten, Gedichte sowie ein Kinderbuch. Mehrfach erhielt sie den O. Henry Award. Mit ihrem Mann Grant G. Cannon, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Farm Quarterly“, und den drei gemeinsamen Kindern zog sie schließlich nach Ohio auf die Farm.

Eindrucksvolle Illustrationen

Die deutsche Erstausgabe ist indes nicht nur durch die großartige Übersetzung von Bettina Abarbanell und damit letztlich dank des Sprungs über den großen Teich ein großes Geschenk. Der Band enthält zauberhafte Illustrationen der kanadischen Künstlerin Andrea Wan, die in Vancouver und Berlin lebt. Jeder Monat beginnt mit einem Bild. Manche der Illustrationen sind naturalistisch, manche fantasievoll. In dieser wundervollen Symbiose aus Text und Bild ist dieses nun wiederzuentdeckende Buch ein großer Schatz und ein Muss für jeden Naturfreund.


Josephine Johnson: „Ein Jahr in der Natur“, erschienen in der Reihe „Die andere Bibliothek“ beim Aufbau Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und mit Illustrationen von Andrea Wan; 276 Seiten, 28 Euro

Foto von Kevin Cress auf Unsplash

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