„Komm zum Händeschütteln (mal 8) vorbei, wenn Du Zeit hast.“
Er hat acht Arme, drei Herzen und blaues Blut. Sein Gehirn verteilt sich auf den Kopf und die Extremitäten. Oktopoden sind auf den ersten Blick befremdliche, bei näherem Hinschauen jedoch faszinierende Wesen. Das Buch der US-amerikanischen Naturwissenschaftlerin und Autorin Sy Montgomery „Rendezvous mit einem Oktopus“, in dem sie ihre Begegnungen mit den intelligenten Meerestieren beschreibt, ist vor einigen Jahren zu einem Bestseller geworden. Nun erschien ihr neues Buch, in dem sie den Schutz der Schildkröte in den Mittelpunkt rückt. Grund genug, beide Bücher über Tiere mit besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten in einer neuen Folge meiner Blogreihe „Im Duett – ein Autor, zwei Bücher“ vorzustellen.
Auf Shortlist des National Book Award
Sy Montgomery ist als Tochter eines in Deutschland stationierten US-Soldaten 1958 in Frankfurt/Main geboren worden. Sie studierte an der Syracuse University Journalismus, Französische Sprache und Literatur sowie Psychologie. Schon früh interessierte sie sich für Tiere. Für ihr Schaffen ist sie bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Sie schrieb über das Schwein, den Kolibri und das Glühwürmchen und folgte den rosa Delphinen im Amazonas. Mit „Rendezvous mit einem Oktopus“ – in deutscher Übersetzung zuerst im mare Verlag erschienen – stand Montgomery auf der Shortlist für den National Book Award 2015 in der Kategorie Non-Fiction.

Darin beschreibt sie ihre Begegnungen mit verschiedenen Oktopoden im New England Aquarium in Boston. Alles beginnt mit Athena, einem Pazifischen Riesenkraken. Nach ihrem Tod kommt ein neuer Krake ins Becken: Octavia. Es folgt später Kali. Zu jedem Tier baut Montgomery eine besondere Beziehung auf, regelmäßig zieht es sie ins Aquarium, wo sie die Mitarbeitenden und ehrenamtlichen Helfer begleitet, hinter die Kulissen des Hauses blickt und sie schließlich zur Tintenfisch-Beauftragten ernannt wird.
Die Autorin beschreibt die erstaunlichen Fähigkeiten der Oktopoden, die multitaskfähige Verwandlungskünstler sind, extreme Empfindungen haben, unter anderem einen Menschen über seine Haut erkennen können. Knutschflecken durch die Kraft der Saugnäpfe oder kräftige Duschen sind Folgen wie auch Beweise der intensiven Begegnungen.
Intelligenz und Bewusstsein
Über allem steht dabei das Thema Intelligenz und Bewusstsein. Darüber hinaus setzt sich die Autorin mit Abschied, Trauer und Vergänglichkeit auseinander, wenn eines der geliebten Tiere, die unterschiedliche Charaktereigenschaften besitzen, verstirbt – sei es auf natürliche Weise, sei es durch einen tragischen Unfall. Montgomery fordert ein anderes Denken ein, um sich den wirbellosen Tieren mit der speziellen Gestalt zu nähern, denen sie auch bei mehreren Tauchreisen unter anderem in Mexico und Polynesien begegnet.

An zahlreichen Stellen zitiert sie aus der Literatur, sorgt für eine spannende wie erhellende Lektion – auch abseits des Themas. Montgomerys Blick ist all umfassend, ihr Verhältnis zu den Tieren – auch im Band „Tête-à-Tête mit einer Schildkröte“ – von absoluter Offenheit und Hingabe geprägt. Die oftmals auch berührenden Begegnungen geschehen auf Augenhöhe und mit einer großen Portion an Neugierde.
„Offenbar habe ich gerade eine Welt betreten, die ich nicht nach den Regeln beurteilen kann, die an Land und unter Wirbeltieren gelten.“
Montgomerys neuester Band führt zu Menschen, die sich für den Schutz der Schildkröten in den USA einsetzen. Während sie vor Jahrmillionen das Massenaussterben in der Kreidezeit überlebt haben, sind aktuell viele der Arten weltweit, knapp 70 Prozent, vom Aussterben bedroht. Mit dem Illustrator Matt Patterson, der auch die Zeichnungen des Buches schuf, besuchte sie das Turtle Survival Center in Charleston, South Carolina. Der größte Part des Buches berichtet von einer Rettungsstation in Southbridge, Massachusetts, der sich Montgomery und Patterson als freiwillige Helfer anschließen. Sie gehen Alexxia und Natasha zur Hand, deren Geschichte die Autorin ebenfalls erzählt. Es ist die Zeit der Pandemie, die sich durchaus positiv auf die Natur auswirkt.
„Einen Moment lang hat man das Gefühl, dass der Blick dieses Jungtiers das Wissen eines ganzen, zeitlosen Schildkrötenstammes in sich trägt, der gleichzeitig in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sehen kann.“
Die Hilfseinsätze sind oftmals hart, die Suche, Rettung und Pflege verletzter Tiere und ihre mögliche Wiederansiedlung erfordern alles und jeden. Schildkröten werden überfahren, fallen Hunden oder Raubtieren zum Opfer und werden ausgesetzt. Eine besonders berührende Szene: das Massenbegräbnis von mehr als 30 Schildkröten unterschiedlicher Art, die ihre Verletzungen erlegen waren. Ein Einsatz führt die Schildkrötenfreunde zudem an die Küste Neuenglands, um gestrandete Meeresschildkröten zu retten. Der Klimawandel hat fatale Auswirkungen auf die Populationen. Nicht nur verändern sich Wanderrouten durch veränderte Meeresströmungen, zerstören Sturmfluten und der Meeresspiegelanstieg, die Nistplätze die höheren Temperaturen führen auch dazu, dass mehr Weibchen als Männchen geboren werden, was zu einem Ungleichgewicht führt.
Beide Bücher Montgomerys sind jedoch vor allem eins: Sie bereiten eine großartige Lektüre für jeden Naturfreund und sind eine Liebeserklärung an die Tierwelt in all ihren Facetten, die mehr denn je unseren Schutz bedarf.
Sy Montgomery: „Rendezvous mit einem Oktopus“ und „Tête-à-Tête mit einer Schildkröte“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Heide Sommer beziehungsweise Stefanie Schäfer; 384 Seiten, 15 Euro (Taschenbuch) beziehungsweise 432 Seiten, 26 Euro
Fotos von Takashi Miyazaki auf Unsplash und Diane Picchiottino auf Unsplash

