„Man kann eine Landschaft nie ganz verlassen.“
Ihre Heimat im Norden Skandinaviens umgeben keine Staatsgrenzen. Ihre Kultur ist einzigartig. Etwa 80.000 Menschen zählen zum indigenen Volk der Sami, die Hälfte lebt in Norwegen. Mehr als 100 Jahre und bis in die 1960er erlebten sie massive staatliche und gesellschaftliche Unterdrückung und Diskriminierung. Welche Einflüsse die politische Assimilierungspolitik auch auf jüngere Generationen hat, erzählt die norwegisch-samische Autorin Kathrine Nedrejord in ihrem preisgekrönten Roman „Acht Jahreszeiten“.
Zwei prägende Ereignisse
Im norwegischen Original, 2024 erschienen, trägt das Buch den Titel „Sameproblemet“, „Das Sami-Problem“, der vor allem dem politischen Inhalt mit seiner Sprengkraft weit näher kommt. Der deutsche Titel verweist hingegen auf die traditionelle Einteilung des Jahres der Sami. Marie Engmo heißt die Hauptfigur des Romans, die viele Ähnlichkeiten mit der Autorin aufweist. Wie Nedrejord stammt sie aus einer Sami-Familie. Ihrer Heimat hat sie den Rücken gekehrt, seit einigen Jahren lebt sie in Frankreich. Sie arbeitet als Journalistin und Autorin. Zwei besonders prägende Ereignisse führen indes dazu, dass sie sich näher mit ihrer Herkunft und Identität auseinanderzusetzt: Sie wird Mutter einer kleinen Tochter, wenig später stirbt ihre Großmutter.

Ohne ihren Mann Clement und dem Baby reist sie nach Norwegen, in die Finnmark, wo die Familie die Beisetzung und Trauerfeier vorbereitet. Sie trifft ihre Eltern wieder, die Brüder, Cousins. Und mit den Begegnungen kommen die Erinnerungen. An die Großmutter, die, in den 1930er-Jahren geboren, in der Bibliothek arbeitete, sich im Ort vielseitig engagierte und beliebt war. Sie denkt zurück an ihre eigene Jugend. Für das Abitur zog sie in ein Internat in Alta, später mit dem Studium nach Oslo. Und sie erinnert sich, wie ihre familiären Wurzeln damalige Beziehungen belastet haben.
Denn zur offiziellen Politik, die Sami zwang, ihre Sprache nicht mehr zu sprechen und ihre Religion nicht mehr auszuüben, deren Lebensraum mehr und mehr eingeschränkt worden war, kam die Demütigung und Benachteiligung in der Gesellschaft hinzu. Kurz gesagt: Es ist nicht „schick“ ein Sami zu sein, man wird belächelt, muss Witze über sich ergehen lassen, man verrät deshalb oft nicht, dass man einer/eine von ihnen ist, um nicht scheele Blicke ausgesetzt zu sein. All das beschreibt die Erzählerin rückblickend.
Wütende Abrechnung
„Acht Jahreszeiten“ überschreitet Genregrenzen, vermischt romanhafte mit essayhaften Zügen. Der Leser, die Leserin springt zwischen diesen unterschiedlichen Passagen, die zum einen von Marie und ihrer Familie erzählen, zum anderen eine wütende Abrechnung mit dem norwegischen Staat ist, dessen Ziel es war, ein homogenes Land zu schaffen. Dieser Zorn – einige Passagen sind in Versalien geschrieben – erschreckt womöglich einen Außenstehenden, der Norwegen heute als modernes und in Sachen Gleichstellung vorbildliches Land kennt. Nedrejords Buch mit seiner anderen Sichtweise ist gerade deshalb wichtig – als Ergänzung, als Lehrstunde in Sachen Geschichte und Gegenwart des skandinavischen Landes.
Dabei entsetzt es einen zugleich, dass die Schicksale indigener Völker sich ähneln. Wie beispielsweise den Ureinwohnern Nordamerikas wird auch den Sami die Sprache und die Kultur geraubt, Kinder werden in Internate gesteckt. Das Selbst wird ausgelöscht, durch ein anderes ersetzt. Marie weiß wenig über ihr „Volk“, als sie beginnt, in einem Museum zur samischen Geschichte und Kultur zu jobben. Letztlich wird sie hin- und hergerissen. Am Ende fragt sie sich, was will und kann sie an ihre Tochter weitergeben. Mit der Rolle der Sprache setzt sich Nedrejord in ihrem Buch ebenso intensiv auseinander wie mit dem prägenden Einfluss der nordischen Landschaft auf das Bewusstsein und das Gefühl einer Zugehörigkeit.
„(…) und deshalb rissen sie unsere Wurzeln aus dem Boden, bis wir keinen Halt mehr hatten. Wir brauchen eine Geschichte. Wir müssen wissen, wo wir herkommen, um den richtigen Weg in die Zukunft einzuschlagen.“
Für ihren Roman erhielt Nedrejord mehrere literarische Auszeichnungen: den renommierten Brage-Preis, den Sult-Preis des Gyldendal Norsk Forlag sowie den schwedischen Per Olov-Enquist-Preis. Sie debütierte 2010 mit dem Roman „Transit und verfasste seitdem weitere Romane, Kinder- und Jugendbücher sowie Theaterstücke. Seit 2018 ist sie Hausdramatikerin am Nationaltheater Oslo. Nedrejord wurde 1987 in Kjøllefjord in der Provinz Finnmark geboren. Bereits seit 2011 lebt sie in Paris.
„Die Mehrheit genießt das Privileg, laut zu schreien, ohne dass man ihnen vorwirft, sie seien zu aggressiv. Die Minderheit muss leise sprechen, um gehört zu werden.“
Obwohl in den 1960er-Jahren die samische Kultur und Sprache von der norwegischen Regierung anerkannt und seit 1989 auch ein samisches Parlament existiert, das aus 39 direkt gewählten Vertretern besteht, erfahren die Sami, die um ihre Kultur und Identität ringen, sichtbarer werden, noch heute Unterdrückung, existenzgefährdende Probleme und Diskriminierung. „Acht Jahreszeiten“ gewährt nicht nur einen Blick in die Vergangenheit, sondern ist vielmehr zugleich ein starker Ausdruck des Heute und Jetzt und ergänzt auf herausragende Weise die Literatur Skandinaviens der vergangenen Jahre, die sich verstärkt dem Thema widmet.
Kathrine Nedrejord: „Acht Jahreszeiten“, erschienen im Eichborn Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Stefan Pluschkat; 400 Seiten, 24 Euro


Liebe Constanze, mich hat das Buch, wie du so schön sagst, tatsächlich „erschreckt“. Diese Wut, diese fehlende Differenzierung hat mir bei aller Berechtigung von Enttäuschung und Zorn so gar nicht gefallen. Ich finde, das schadet nicht nur dem Text, sondern auch dem Anliegen.
Aber mich hat auch erstaunt, wie ähnlich sich die Schicksale der indigenen Völker beispelweise Kanadas und Skandinaviens sind. Die Bücher von z.B. Richard Wagamese haben mir aber diese grauenhafte Geschichte deutlich näher gebracht als Kathrine Nedrejord.
Aber das ist sicher ein persönliches Ding, diese Abneigung gegen flammende Wut. Viele Grüße, Petra
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Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Petra. Du hast es ja schon bei Insta anklingen lassen. In gewisser Weise kann ich aber diese Wut sehr gut nachvollziehen. Wie hätte eine Differenzierungen aus Deiner Sicht geschehen können? Viele Grüße
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Liebe Constanze, ich kenne mich mit Norwegen nicht wirklich gut aus. Aber ich denke, bei aller erlittener Zurücksetzungen, Missachtungen oder sogar Angriffen, sollte eine 1987 geborene Frau anerkennen, dass die norwegische Gesellschaft sich in der Behandlung ihrer indigenen Bevölkerung (sicher zu spät, aber immerhin) enorm weiterentwickelt hat. Und das deutlich früher als z.B. Kanada.
Jedenfalls finde ich die hasserfüllten Ausbrüche in Versalien ebenso misslungen wie die die mehrfache Bezeichnung Norwegens als MÖRDERSTAAT. Und auch da keinerlei Differenzierung zwischen den Menschen zu machen. Alle Norweger sind hier durchweg Sami-Hasser. Deswegen musste sie ja nach Frankreich emigrieren.
Diese Wut und Spaltung hilft nun wirklich nicht. Auch nicht für die Aufarbeitung des tatsächlich begangenen Unrechts in der Vergangenheit oder für den respektvollen Umgang miteinander heutzutage.
Meine Meinung – wie gesagt von jemandem, der denkt, nur Verständigung und Miteinander bringt uns weiter. Spalterei gibt es leider genug.
Liebe Grüße!
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Vielen Dank, liebe Petra, für Deinen ausführlichen Kommentar. Ich sehe das Ganze etwas anders. Zum einen ist die Hauptfigur nicht die Autorin, auch wenn es zahlreiche Parallelen gibt und Nedrejords Buch sicherlich auch politische Sprengkraft besitzt. Zum anderen denke ich, dass das erlittene Unrecht und die Politik Norwegens sich auch auf jüngere Generationen auswirkt. Letztlich gibt es noch immer Diskriminierung. Zum anderen denke ich auch, dass wir, die dieses Leid nicht wirklich erfahren haben, diese Wut und Kritik nicht verurteilen dürfen. Ich bin da eher für eine Begegnung auf Augenhöhe und ein gewisses Hineinversetzen, als von den Sami zu verlangen, sie sollen doch bitte nicht das Miteinander stören. Der Ausdruck „Mörderstaat“ bezieht sich wohl eher im übertragenen Sinne auf das Auslöschen der Kultur und Identität. Liebe Grüße
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