„In alten Büchern steckt mehr als nur Worte.“
Der Vater stirbt – und hinterlässt ein Erbe. Ein Haus voller Bücher, das der Sohn ausräumen muss, als die Mutter acht Jahre später auszieht. Ein Schatz aus rund 4.000 Bänden, von Klassikern bis hin zu regionalen Schriften und Chroniken. Der Vater, Ólafur Ragnarsson, war Autor und Verleger, hat die Bücher des bisher einzigsten isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness (1902-1998) herausgegeben. Ragnar Helgi Olafsson ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und beschreibt in seinem Band „Die Bibliothek meines Vaters“ von Büchern, seinem Vater und noch viel mehr.
Selbst eine kleine Bibliothek
Ólafssons Werk ist auf den ersten Blick ein kleiner schmaler Band, der gut in eine Damenhandtasche passt. Bei der Lektüre erweist sich das Buch, das den Untertitel Requiem trägt, selbst als eine kleine Bibliothek und lädt zu einer Zeitreise ein. Wer einmal mit unzähligen Büchern umgezogen ist und diese in Kartons verpacken musste, kennt es: Man kommt nicht drumherum, diese in die Hand zu nehmen, sie sich auch noch einmal genauer anzuschauen, vielleicht ein Weilchen darin zu blättern und zu lesen.

Nicht anders ergeht es Ólafsson, der in seinem Buch von Büchern erzählt. Von bekannten Titeln, über die nordische Mythologie und Gedichtbände bis hin zu Büchern, die von Geistern, Feen und Bauern berichten. Eine wilde Mischung, in der auch immer wieder spezielle Funde ans Tageslicht kommen, wie ein Liste beweist, die einen Zeitungsartikel, einen Lotto-Schein, Fotos und eine getrocknete Glockenblume aufzählt.
Von Schrift und dem Schreiben
Das Buch des Isländers ist ein weitschweifiger und sprunghafter Gedanken- und Erzählstrom, der das Gestern mit dem Heute verbindet. Der Autor und Verleger erinnert an die legendäre Bibliothek in Alexandria, die einst ein trauriges Ende gefunden hatte, und historische bedeutsame Handschriften wie den Codex Regius aus dem 13. Jahrhundert, der die Lieder der Edda enthält. Er prognostiziert eine düstere Zukunft für das gedruckte Buch angesichts der Digitalisierung und verführerischer Algorithmen, die die Menschen ans Smartphone binden.
„Ein Buch ist von Natur aus ein unerfülltes Versprechen.“
Seine Gedanken kreisen um die Sammelwut und den menschlichen Drang, mit niedergeschriebenen Texten jeglicher Art, Ereignisse und Personen festzuhalten und vor dem Vergessen zu bewahren. Zugleich gibt er Einblicke in seine Kindheit und die Familie und berichtet von seiner eigenen Bibliothek. Zeitdokumente wie Fotos und Schriftstücke begleiten den Text. Am Ende des Buchs, das dem Vater und Großvater des Autors gewidmet ist, findet sich eine ausführliche Literaturliste.
„Könnte es sein, dass diese Sammelwut, dieser Drang, Stapel von Büchern und Papieren aufzubewahren, ja, alles, von dem man annimmt, dass es irgendwann in der Zukunft möglicherweise von Nutzen sein könnte, bei Menschen auf einer Insel wie dieser wegen der Tausende von Jahren frostiger Winter, Entbehrung, magerer Schafe, ständiger Verluste stärker ausgeprägt ist?“
Island gilt als Literaturland. Auf der Insel im Nordatlantik werden mehr Bücher pro Einwohner gedruckt als in einem anderen Land. Jedes Jahr erscheinen dort rund 1.500 Bücher – und das bei nur rund 320.000 Einwohnern. Hier nehmen das mündliche Erzählen, das Lesen und Schreiben im Leben der Menschen seit jeher einen großen Raum ein. Mehr als anderswo, wobei die Skandinavier bekanntlich generell lesefreudige Völkchen sind.
Für isländischen Literaturpreis nominiert
Ólafsson, geboren 1971 in Reykjavík, studierte an der Universität von Island Philosophie, Filmregie an der New York Film Academy sowie Französisch in Marseille und Kunst in Aix en Provence. Er arbeitet als Schriftsteller, Grafikdesigner, Musiker und Verleger. 2013 veröffentlichte er mit „Briefe aus Bhutan“ sein Romandebüt. Es folgten eine Sammlung mit Kurzgeschichten sowie 2015 der erste Gedichtband „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“, für den er mit dem Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis ausgezeichnet wurde, den die Stadt Reykjavík zum Andenken an den bekannten isländischen Schriftsteller und Lyriker (1901 – 1983) alljährlich vergibt. 2017 erschien seine Story-Sammlung „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“, mit der der Autor für den Isländischen Literaturpreis in der Kategorie Belletristik nominiert war.
Mit „Die Bibliothek meines Vaters“ gelang ihm hingegen nunmehr der Sprung auf die Liste der Nominierten in der Kategorie Sachbuch. Es ist ein wundervolles gedankenreiches Buch der Geschichten, eine teils wehmütige Ode an die Bücher und die Literatur und berichtet darüber hinaus von einem Teil der isländischen Seele und besonders vom Abschied und Loslassen – ob es sich dabei um Bücher oder auch Menschen handelt.
Ragnar Helgi Ólafsson: „Die Bibliothek meines Vaters“, erschienen im mikrotext Verlag, in der Übersetzung aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer; 208 Seiten, 25 Euro
Foto von Sergi Ferrete auf Unsplash


Im Namen des Autors sagen die Übersetzer-Komplizen herzlichst Dank!
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