„Geografie siegt immer über Geschichte.“
Alma kehrt nach Jahren in der Fremde zurück in ihre Heimatstadt. Ihr Vater ist gestorben. Zuvor hat sie einen Brief mit seinem letzten Willen erhalten. Ein Nachlass wartet auf sie. Sie will reinen Tisch machen – mit der Familie, der Vergangenheit, ihren Wurzeln, den Toten. In Triest kommen die Erinnerungen zurück – an die Kindheit, an Vili, der eines Tages als Kind vor der Tür stand, als junger Mann vom Balkankrieg verschluckt wird, an den Vater, der die Familie immer wieder verließ und für einige Zeit verschwand. Die italienische Autorin und Verlegerin Federica Manzon erzählt in ihrem Roman „Alma“ von der Suche nach Zugehörigkeit und Identität und einer geschichtsträchtigen Stadt zwischen Ost und West.
In verschiedenen Kulturen aufgewachsen
Alma arbeitet als Journalistin. Sie wächst auf in verschiedenen Welten. Ihre Großeltern vermitteln ihr die Liebe zur Kultur und die deutsche Sprache. Ihr Vater, ein Grenzgänger, nimmt sie mit auf die Insel des „Marschalls“ Tito, Präsident Jugoslawiens. Die Mutter arbeitet in einer Psychiatrie. Dem stetigen Verschwinden ihres Mannes ist sie wie ihre Tochter hilflos ausgeliefert. Eines Tages bringt Almas Vater einen Jungen mit: Vili, der zehnjährige Sohn von Belgrader Intellektuellen und Dissidenten. Er lebt fortan in der Familie, wächst mit Alma auf. Jahre vergehen. Aus Fremdheit wird Freundschaft, aus Freundschaft schließlich Liebe.

Doch Vili zieht es trotz der Warnung von Almas Vater in seine alte Heimat, wo ein erbitterter Krieg herrscht, ganze Familie ausgelöscht werden, Brüder gegen Brüder kämpfen. Mittlerweile lebt Alma in Rom, als Reporterin soll sie auf den Balkan reisen, um über die Geschehnisse berichten. Und sie will Vili, der mit seiner Kamera besondere Momente einfängt, finden. In Belgrad trifft sie auf ihn. Vili hat sich den Milizen angeschlossen. Alma verlässt überstürzt wieder das Land und wird Triest erst Jahre später wiedersehen, als die Nachricht vom Tod ihres Vaters, dessen Leben aus einigen weißen Flecken besteht, erreicht.
Vom stillen Verschwinden
Manzon macht es den Lesenden ihres mit dem Premio Campiello, einem der höchsten literarischen Preise Italiens, ausgezeichneten Roman nicht leicht. Wie die Figur des Vaters und von Alma, die seine Eigenschaft des stillen Verschwindens nahezu geerbt hat, entwindet sich die Handlung jeglicher zeitlichen Einordnung. Die Zeitebenen gehen nahezu nahtlos ineinander über. Vergangenheit vermischt sich mit der Gegenwart und umgekehrt, gegenwärtige Erlebnisse und Beobachtungen erwecken Erinnerungen an einstige Zeiten. Wenige Tage des Osterfestes, an denen Alma in Triest und auf Titos einstiger Insel weilt, nehmen mehrere Jahrzehnte eines ganzen Lebens auf. Immer wieder will man den berühmten roten Faden finden. Und nach einer gewissen Harmonie sucht man ebenfalls vergebens. Wie jedoch Manzon am Ende ihre Geschichte auflöst, dabei auch die Rolle Vilis erklärt, ist meisterhaft – und berührend.
„Man nennt sie ‚Stadt aus Papier‘, weil sie sich stets als Teil einer Nation begriffen hat, die nicht die ihre ist, sie dachte an Österreich, träumte von einem Slawenreich, sogar von der garibaldischen Nation, doch dann ist sie allen fremd geblieben, vor allem sich selbst.“
Die in Mailand lebende Italienerin ist Verlegerin des Guanda Verlags und zugleich Autorin. 2008 erschien ihr Debüt „Come si dice addio“ („Wie man Abschied nimmt“). Ihrem mittlerweile fünften Roman, 2024 im Original erschienen und im neuen Imprint Pfaueninsel unter dem Dach des Verlags Bastei Lübbe in deutscher Übersetzung herausgegeben, merkt man den Anspruch in der sprachlichen Gestaltung an. Manzon gelingt nicht nur eine komplexe Verdichtung der Handlung, sie erschafft sowohl tiefgründige Charakterisierungen der Protagonisten als auch bemerkenswerte Bilder der Schauplätze allen voran der Stadt Triest.
Hafenstadt mit wechselvoller Geschichte
Triest – Hafenstadt und Handelsmetropole, Ziel und Sehnsuchtsort zahlreicher prominenter Künstler wie James Joyce und Rainer Maria Rilke, Schmelztiegel der Kulturen mit einer wechselvollen Geschichte. Einst zum Habsburger-Reich, später zum Kaiserreich Österreich-Ungarn gehörend, fiel die Stadt nach dem Ersten Weltkrieg letztlich zu Italien. Nur wenige Kilometer sind es heute zur kroatischen Grenze. Von den Kapiteln dieser Geschichte, die den heutigen Charakter der Stadt prägen, erzählt auch der Roman.
„Dieser Spruch, jeder habe sein Schicksal selbst in der Hand, stimmt nicht, er ist völlig falsch, das eigene Schicksal liegt immer auch in den Händen irgendeines anderen.“
„Alma“ ist ein intensiver und atmosphärischer Roman, der nicht einfach zu lesen ist, wohl auch eine Wiederlektüre verlangt, aber dank einer poetischen Sprache und einer Geschichte, die die stetige, manchmal auch verzweifelnde Suche nach Identität und Herkunft deutlich vor Augen führt, letztlich entschädigt. Eine Suche, die wohl viele Menschen stets und ständig umtreibt.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „letteratura“.
Federica Manzon: „Alma“, erschienen im Verlag Pfaueninsel, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Verena von Koskull; 320 Seiten, 24 Euro
Foto von Nikola Ristivojević auf Unsplash

