„Meine Erinnerungen beginnen mit meiner Wut.“
Schon als kleines Kind lebte sie in einem unterirdischen Gefängnis, hier ist sie aufgewachsen. Weder hat sie Erinnerungen an das Davor, noch wird ihr irgendetwas gelehrt. Sie existiert nur, beobachtet, stellt Fragen. So vergehen Jahre, bis eines Tages ein unvorhergesehenes Ereignis geschieht. Gemeinsam mit den 39 weiteren Frauen unterschiedlichen Alters schafft es die Jüngste der Gruppe ans Tageslicht – und in die Freiheit.
Unterirdisch festgehalten
Es ist ein unfassbares Geschehen, das die belgische Autorin Jacqueline Harpman (1929-2012) in ihrem dystopischen Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ erzählt. Von seinem Beginn bis zum Ende. 40 Frauen sind in einem Gefängnis unter der Erde eingesperrt. Sie wissen nicht, warum, wie die Welt da draußen aussieht. Sechs männliche Wärter in Uniform und mit Peitschen ausgerüstet bewachen sie. Es gibt harte Regeln. Die Frauen dürfen sich nicht berühren oder in ihrer tiefen Verzweiflung sich das Leben nehmen. Alle sind in einem Raum, eine Intimsphäre gibt es nicht. Von außen erhalten sie nur Lebensmittel und Stoffe. Durch einen Zwischenfall gelingt der Gruppe die Flucht. Und die Frauen begeben sich auf eine lange Wanderung – auf der Suche nach den Menschen und einem Ort zum Leben.

Harpmans Roman erschien bereits im Jahr 1995. Unter dem englischen Titel „I Who Have Never Known Men“ wurde er 30 Jahre später in den USA zu einem BookTok-Hit und galt als eine Wiederentdeckung des Jahres. Harpman, 1929 im belgischen Etterbeek geboren, musste mit ihrer jüdischstämmigen Familie 1940 vor den Nationalsozialisten nach Casablanca fliehen und konnte erst nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkehren.
Nach einem Literatur-Studium begann sie eine Ausbildung zur Ärztin, die sie jedoch wegen einer Tuberkuloseerkrankung nicht beenden konnte. Sie wandte sich dem Schreiben zu. Harpman verfasste über 15 Romane und gewann zahlreiche Literaturpreise. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete sie auch als Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin. Ihren nunmehr neuerlichen Erfolg erlebte sie indes nicht mehr. Harpman starb 2012.
„Wir hatten das Gefängnis überlebt, die Ebene, den Verlust aller Hoffnung, und nun stellten die Frauen fest, dass überleben nichts anderes bedeutete, als den Zeitpunkt des Todes immer weiter hinauszuzögern.“
„Ich, die ich Männer nicht kannte“ wird mit mehreren Klassikern verglichen. Mit „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood genauso wie mit „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Wenngleich Harpmans wiederentdecktes Werk als feministischer Roman betitelt wird, hat es mich stark auch an den Roman „Die Straße“ von Cormac McCarthy erinnert, worin Vater und Sohn durch ein postapokalyptisches Amerika ziehen. Mittlerweile erleben dystopische Romane eine Renaissance.
Dann und wann auch sesshaft
Auch die Frauen in Harpmans Roman wandern. Da ihnen in der Gefangenschaft das Zeitgefühl abhanden gekommen ist, wissen sie nicht, welche Jahreszeit oder welches Jahr herrscht, wie alt sie mittlerweile sind. Nur schwere Krankheiten oder das Altern des Körpers sind gewisse Signale, das ein Lebensende absehbar ist. Die Landschaft ist karg, außer dem Horizont ist nichts zu sehen. Die Frauen, die unter anderem Clotilde, Dorothea oder Francine heißen, finden sich je nach Alter oder Sympathie zu einzelnen Gruppen. Thea wird zur Mentorin des jungen Mädchens. Auf ihrer Wanderung stoßen sie auf weitere düstere Gefängnisse, aus denen die Frauen Vorräte holen, dann und wann lassen sie sich nieder, errichten Häuser, eine Siedlung. So vergehen Jahre, Jahrzehnte, und die Zeit ohne andere Menschen zermürbt die meisten Frauen.
„Wir bildeten eine lange, unregelmäßige Reihe, die sich wie ein Strich quer durch die Landschaft zog, eine stille Prozession durch das Unmögliche, mit der wir, ohne es zu wollen, Besitz von der Leere ergriffen.“
Die Jüngste der Frauen erzählt das Geschehen rückblickend in einer einfachen und klaren Sprache. Eine Art Memoir, das nichts beschönigt oder verbirgt. Harpmans Buch ist allerdings nicht nur eine düstere und beklemmende Geschichte, die den Lesenden sehr stark mitnimmt. Mit der Erzählerin hat die belgische Autorin eine besondere Figur geschaffen. Das Mädchen/die Frau ohne Namen, die zu Beginn von allen nur „Kleine“ genannt wird, zeichnet sich durch einen starken Charakter aus. Sie versucht, die Frauen zu motivieren, später wird ihr in der Gruppe eine schwierige Aufgabe zuteil, wandert sie letztlich allein durch das Land, das nahezu einer Mondlandschaft gleicht.
Vom Leben und Überleben
Viele Fragen lässt der Roman offen, Fragen, die sich auch die Frauen immer wieder stellen: Warum sind sie eingesperrt worden, wo befinden sie sich? Weshalb gibt es keine anderen Menschen? Welches Ereignis hat die Welt zur menschenlosen gemacht? „Ich, die ich Männer nicht kannte“ erzählt von einer männerlosen Welt, von der Gemeinschaft unter Frauen, von Hoffnung und Enttäuschung, vom Leben und Überleben und vom unwiderruflichen Verrinnen der Zeit. Es ist ein Roman, der emotional sehr fordert und nachdenklich stimmt, über vieles sinnieren lässt. Ein großes Buch, das glücklicherweise wiederentdeckt wurde und hoffentlich so schnell nicht wieder in Vergessenheit gerät, denn es kann sich einreihen in die Klassikerreihe dystopischer Literatur.
Weitere Besprechungen sind zu finden auf den Blogs „Binge Reading & more“ und „Petras Bücherapotheke“.
Jacqueline Harpman: „Ich, die ich Männer nicht kannte“, erschienen im Klett-Cotta Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Luca Homburg; 224 Seiten, 24 Euro
Foto von Christina Boemio auf Unsplash

