„Denn die einen sind im Dunkeln und die anderen sind im Licht.“
1810 erscheint erstmals vollständig in einem Band mit Erzählungen die Novelle „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist (1777-1811). Erzählt wird darin die Geschichte des gleichnamigen Pferdehändlers, der für erfahrenes Unrecht zur Selbstjustiz greift, zum Mörder und Räuber wird. Mehr als 200 Jahre später holt Heike Geißler die Geschichte ins Hier und Jetzt – mit einer Frau als Hauptfigur, die allerdings einen etwas anderen Weg geht.
Aussteigerin auf Wanderschaft
Michaela Kohlhaas, Mittvierzigerin, arbeitet als stellvertretende Friedhofsverwalterin. Ihr Chef ist schon seit Wochen krank. Auf dem Friedhof macht sie Selfies mit dem unsichtbaren Tod an ihrer Seite. Die Leipzigerin lebt ein bescheidenes Dasein als unbescholtene Bürgerin. Eines Tages gerät sie allerdings im Rathaus mit der Security aneinander. Wohl der letzte Stein des Anstoßes. Michaela verschwindet Stück für Stück aus ihrem Umfeld, wird zu einer Aussteigerin, nicht weil sie muss, sondern weil sie will. Sie geht nicht mehr zur Arbeit, verlässt ihre Wohnung und streift im Land umher. Und keiner ist da, der sie wirklich vermisst. Ihre Kreise weiten sich. Über den Speckgürtel der Stadt ins Umland, nach Markranstädt und Lützen. Bis nach Erlabrunn schafft sie es.

Zwischendurch bricht sie in ein Schloss ein, begegnet Zimmermannsgesellen auf der Walz und rauscht in eine Feier zum 90. Geburtstag hinein. Sie spürt überall die Unzufriedenheit der Menschen. Ein Planwagen wird schließlich zu ihrem Gefährt. Man denkt unweigerlich an das im 30-jährige Krieg spielende Brecht-Drama „Mutter Courage“.
Schließlich kehrt die Heldin nach Leipzig zurück. Als eine andere, die mit abschätzigen Blicken bedacht und als Aussätzige behandelt wird. Sie fällt auf – wegen ihres Aussehens, ihres Geruchs und ihres Tuns. Sie klaut Essen, sammelt Fundstücke, wirft Müll vor das imposante Leipziger Rathaus. Mit einem Holzschwert greift sie den Barbesitzer Tronka an – eine weitere Parallele zu Kleists Klassiker. Michaela wird Stadtgespräch, klar, die Medien berichten über die wunderliche Frau.
Rückblick auf ein Jahr
Erzählt wird die Geschichte der Kohlhaas rückblickend von einer Bekannten, die die Friedhofsmitarbeiterin einst getroffen hatte. Beide halten lose per Handy Kontakt. Sehen werden sie sich allerdings nicht mehr, die Erzählerin wagt es nicht, sich der Kohlhaas anzuschließen. Wie im Fall von Kleists Held erwartet auch auf seine weibliche Wiedergeburt kein gutes Ende. Schon zu Beginn der auf zwölf Monate angelegten Handlung wird das traurige Schicksal angedeutet.
„Das Miteinander wurde in die Knie und unter die Erde gezwungen.“
Statt der Gewalt und des Blutes in Kleists Novelle erwartet die Lesenden nunmehr eine andere, nahezu friedlichere Verhaltensweise. Gut, Michaela Kohlhaas überschreitet Grenzen, der Schaden ist allerdings ein weit geringerer. Denn vielmehr sind Worte ihre Waffe. Sie schaut den Menschen aufs Maul, widerspricht ihnen auch, flucht und verwünscht. Immer wieder scheint die Stimmung von heute durch als ein Abgesang auf unsere Zeit – mit Krieg und Klimakrise, Bürokratie und Ungleichheit, „den neuen garstigen Stürmen“. Geißlers obdachlose Protagonistin strebt keine Selbstjustiz an, sie will einfach nur raus, sie hat all das satt. Auf was sie trifft, sind pure Ausgrenzung und Unmenschlichkeit, die letztlich den schrittweisen Niedergang der Heldin bis zur Selbstauflösung nur beschleunigen.
„Inmitten der ungeheuren Unordnung der Welt zuckte in ihr eine Zufriedenheit hervor. Sie konnte sich selber in plötzlicher und neuer Ordnung sehen.“
Sprachlich bereitet „Michaela Kohlhaas“ eine herausfordernde Lektüre. Hier ist nichts mit rutsch und durch. Hier gibt es Anspielungen, reichlich Doppelbödigkeit, spannende Kontraste – ein Schmied eines Mittelaltermarktes hat einen Stand in der Nähe einer Sportcheck-Filiale – und tiefgründigen Witz. Und Geißlers Roman verlangt darüber hinaus Original und Wiederaufnahme zu vergleichen, vielleicht sogar in das Leben des kohlhaasschen Original zu schauen, das im 16. Jahrhundert als Kaufmann in Brandenburg gelebt hat und nach einem Rachefeldzug hingerichtet wurde.
Und wer sich in Leipzig und im Umland der Messestadt auskennt, wird noch eine andere Lesefreude erleben, wenn er Handlungsorte wiedererkennt. Wie in Lützen das Schloss und die Gustav-Adolf-Gedenkstätte zur Erinnerung an die Schlacht 1632, bei der der Schweden-König sein Ende fand. Ein neues Museum – unbedingt besuchen! – erzählt nun ebenfalls über diese grausame Zeit. Und das im Roman beschriebene Eiscafé nahe dem Schloss gibt es im Übrigen auch.
Heike Geißler: „Michaela Kohlhaas“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 253 Seiten, 24 Euro


Oh, du machst mich neugierig. Danke für den Tipp. Ein bisschen kenne ich mich in und um Leipzig aus ;)
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Sehr gern! Danke für den Kommentar. Ich glaube, Du kennst Dich mehr als nur ein bisschen aus ;) Liebe Grüße
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