360 Grad – Elliot Perlman "Sieben Seiten der Wahrheit"

„Emotional leben wir in der Dunkelheit unserer eigenen Schatten. Wir frieren immerzu und meistens wissen wir nicht warum.“ 

Simon hat nichts mehr zu verlieren,  als er einen folgenschweren Plan fasst. Den Job als Grundschullehrer los, seit neun Jahren von der großen Liebe Anna weit entfernt, entführt Simon Annas kleinen Sohn Sam. Die Polizei kommt dem Entführer jedoch schnell auf die Schliche, da er von seiner Freundin Angel verraten wird. Simon sitzt bald hinter Gittern. Die Presse dichtet ihm weitere Entführungen und noch schlimmere Verbrechen an, auch jenen Fall des verschwundenen Jungen Carlo, den Simon als Lehrer in Obut hatte. Simon wird schließlich der Prozess gemacht, und eigentlich wäre die Geschichte mit dem Gerichtsurteil schnell erzählt gewesen.

Wenn nicht der Roman „Sieben Seiten Wahrheit“ des Australiers Elliot Perlman mehr als 850 Seiten hätte und die gefüllt werden müssten. Doch wie die Geschichte von Simon dem Leser berichtet wird, ist ein stilistischer Geniestreich. Wie es der Titel des Buches schon ahnen lässt, blicken sieben Menschen zurück und erzählen das Geschehen aus ihrer persönlichen Sicht: neben dem engagierten Grundschullehrer Simon sind das dessen Psychiater Alex Klima, Angela und Anna, deren Mann Joe, dessen Kollege Mitch sowie die Tochter des Psychiaters, die Jahre nach dem Vorfall eine Beziehung zu Sam führt. Beide studieren an ein und derselben Uni. Sowohl der Vor- und der Nachteil dieser besonderen Erzählweise liegen dabei klar auf der Hand: Das Geschehen wird von mehreren Seiten reflektiert, nahezu aus 360 Grad beleuchtet. Die Personen und ihre Intentionen erscheinen plastischer. Das Geschehen setzt sich für den Leser mit jedem Detail der erzählenden Personen wie ein großes farbiges Puzzle zusammen, bei dem jede Einzelheit deutlich wird. Darin liegt eine Faszination und Erzählkraft, der man schnell erliegt. Da nimmt man schnell in Kauf, wenn Redundanzen entstehen, einiges der Handlung mehrfach erzählt wird. Die Story nimmt trotzdem ihren Lauf und konzentriert sich weniger auf die Straftat, als die Personen, die damit direkt oder indirekt zu tun haben.

Perlman, 1964 in Melbourne geboren, erhält damit auch die Möglichkeit, die Handlung nicht nur auf die Tat und den Gerichtsprozess zu konzentrieren. An vielen Stellen webt er die Geschichten der Personen ein, ihr Leben, ihren Beruf, ihre Stärken und Schwächen, ihr „Schicksal“: So verlieren Mitch und Joe nach einem heiklen Geschäft ihren Job und jegliche berufliche Perspektive, erkrankt Angel an Multilpler Sklerose. Alex Klima wird selbst ein Fall für den Psychiater. Und es sind die großen Themen, die Perlman hineinarbeitet und dieses Buch zu einem weisen, sehr berührenden Roman und ein Stück großer Literatur werden lässt: So wendet sich die Kritik des Buches an die skrupellose Gier von Wirtschaftsunternehmen, die selbst im Gesundheitssystem Profit schlagen wollen, an die Medien, die mit ihrer Hetze den Ruf eines Angeklagten komplett zerstören, ohne Fakten und Beweise auf den Tisch legen zu können. Ebenso lässt Perlman an den Holocaust und das spätere Leid, das der Stalinismus über Osteuropa bringt, erinnern.

Und ein Thema, das immer wieder durchscheint, ist natürlich die Literatur und die Liebe zur Literatur. Denn Basis dieses Romans ist das gleichnamige Werk des britischen Dichters und Literaturkritikers William Empson. In „Seven Types of Ambiguity“ beschreibt Empson  die Mehrdeutigkeit von Poesie. Simon, verliebt in Literatur und Bücher, verehrt Empson und kennt seine Thesen aus dem Effeff. Und nicht nur deshalb wandelt sich das Bild, das der Leser von dieser Hauptfigur erhält: von dem Bild eines Entführers hin zu einem mehr als sensiblen und intelligenten Menschen, der den kleinen Sam eigentlich nur helfen wollte, wie all jenen „Stillen, die sich immer noch nicht daran gewöhnt hatten, auf der Welt zu sein.“

„Sieben Seiten der Wahrheit“ von Elliot Perlman erschien im btb-Verlag, mit der Übersetzung aus dem Englischen von Matthias Jendis.
880 Seiten, 12 Euro

An seiner Seite Dora – Michael Kumpfmüller "Die Herrlichkeit des Lebens"

„Ist nicht alles Weg?“


Die letzte Zeit bricht für ihn an, für den ganz Großen, für den Literat mit der traurigen Gestalt. Er, der mit seinen Werken, den Erzählungen und Romanen, noch immer unzählige Leser vor Rätsel stellt, über den mehr geschrieben worden ist, als ihm selbst gelungen ist, wird wieder ein Teil der Literatur. Michael Kumpfmüller beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ die letzten Monate im Leben von Franz Kafka und damit die Zeit seiner großen Liebe.  Man schreibt das Jahr 1923. Im Sommer lernt der hagere „Doktor“ im Ostseebad Müritz Dora Diamant kennen, die Köchin des dortigen Ferienheims. Mit langen Spaziergängen entlang des Strandes und langen Gesprächen verknüpft sich  ihr Leben. Beide fühlen eine tiefe Verbundenheit und Liebe zueinander, obwohl zwischen ihnen ein Altersunterschied von 15 Jahren besteht, Kafka selbst Schwierigkeiten hat, eine Beziehung einzugehen.

Kafka verlässt mit seinen Schwestern Ottla und Elli nach einigen Tagen den Ferienort, die Reise geht zurück in die Heimat Prag.  Der Schriftsteller und die aus Polen stammende Köchin halten mit Briefen den intensiven Kontakt aufrecht. In Berlin sollen sie schließlich beide nach mehrmaligen Umzügen in einer bescheidenen Wohnung  ein gemeinsames Zuhause finden. Auch wenn die Situation nicht immer ungetrübt ist: Das Geld ist knapp, die Inflation herrscht.  Franz leidet unter den Beschwerden seiner Tuberkulose-Erkrankung. In der Großstadt macht sich zudem der Antisemitismus breit, der Jahre später ein Großteil von Kafkas Familie in den Vernichtungslagern von Chelmno und Auschwitz den Tod bringen wird. Der große Schriftsteller wird dies nicht erleben: Er stirbt genau einen Monat vor seinem 41. Geburtstag im Juni 1924 im Sanatorium Kierling in Niederösterreich. An seiner Seite: Dora. Auch wenn ihr Vater, ein orthodoxer Jude, die Heirat mit dem pensionierten Angestellten einer Versicherungsanstalt und bereits bekannten Künstlers verweigert.

All jene gegensätzlichen Stimmungen fließen in jenem wunderbaren Roman zusammen, jene heitere und hoffnungsvolle, ausgelöst durch die Beziehung, sowie jene erdrückende und düstere Atmosphäre, die durch den kritischen Gesundheitszustand Kafkas und die gespannte Situation in Berlin verursacht wird.
Wie Kumpfmüller das Wachsen der Gefühle beschreibt, ist meisterhaft, nicht minder, wie er ehrlich und unumwunden den Niedergang des weltbekannten Schriftstellers und das Leid des Paars erzählt, das nur wenige gemeinsame Monate erlebt hat. Doch neben den privaten Seiten Kafkas widmet sich Kumpfmüller auch dem Thema Schreiben. Immer wieder finden sich in dem Roman, wie dem große Autor die Schaffenspausen  aufgrund seiner Erkrankung  zu schaffen machen. Selbst sein größter Unterstützer Max Brod kann ihm wenig helfen. Kaum eine Zeile bringt er zu Papier, kommen wieder gute Zeiten, zeigt sich Kafka glücklich. Selbst in den letzten Tagen bringt ihm die Korrektur von Druckfahnen frohen Mut.

Kumpfmüller, der 1961 in München geboren wurde, heute in Berlin lebt und für seinen Roman „Nachricht an alle“ mit dem Döblin-Preis geehrt wurde, webt in seinen wunderbar poetischen Roman Kafkas Texte behutsam ein, Tagebücher, Briefe und Notizen und eine ganze Zeit finden so ihren Weg in ein großes Stück Literatur. Ein Teil der Korrespondenz sowie Notizen wurden indes 1935 von der Gestapo beschlagnahmt  und gelten bis heute als verschwunden. Dem Verfasser standen zudem die beiden Germanisten Prof. Peter-André Alt und Prof. Klaus Wagenbach zur Seite.

Wer sich vor den meist düsteren Werken Kafkas bis jetzt fürchtete, wird mit dem Roman einen anderen, weil persönlicheren Bezug zu Kafka finden und möglicherweise seine Texte in einem ganz anderen Licht sehen. Zu wünschen wäre es. Und eines darf nicht vergessen werden. Mit dem Buch wird auch einer besonderen Frau ein Denkmal gesetzt:  Dora Diamant, die ihre Liebe um 20 Jahre überleben wird. Sie starb 54 Jahre alt in London.

Der Roman  „Die Herrlichkeit des Lebens“ von  Michael Kumpfmüller  erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch im August 2011.
240 Seiten, 18,99 Euro