Verloren gegangen – Katharina Hartwell "Das fremde Meer"

„Das Leben ist ein raues, ein stürmisches, ein gefährliches, ein unendlich weites, ein wildes, viele Geheimnisse und viele Gefahren und viele Riffe beherbergendes Meer. Und es gibt nicht viele milde Tage, und es gibt viele Möglichkeiten, Schiffbruch zu erleiden. Und auf jeden Sturm folgt der nächste und auf jede Untiefe eine weitere.

Eine immer währende Sicherheit im Leben gibt es nicht. Nur der Glaube daran existiert und lässt uns vergessen, welche Schicksalsschläge und Katastrophen möglich wären. Nur so können wir jeden Tag vor die Haustür treten, jeden Tag am Abend einschlafen. Ständige Gedanken an das Nichts, an Verluste, an den Tod würden uns die Luft zum Atmen nehmen. Über diesen allmächtigen Moment des Schicksalsschlages. der einen den Boden unter den Füßen wegreißt, hat Katharina Hartwell den Roman „Das fremde Meer“ geschrieben – besser gesagt: zehn Geschichten, die sich jedoch wie ein Mosaik zusammenfügen, um das große Bild zu erschaffen. Dazu später mehr. „Verloren gegangen – Katharina Hartwell "Das fremde Meer"“ weiterlesen

Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"

„Nichts anderes war gut genug, nichts anderes ging. Nur dorthin, zum Wesentlichen, zum innersten Kern menschlicher Existenz würde ich mich bewegen.“ 

Das Leben zieht seine Bahn, füllt den Alltag mit Menschen und Dingen, Begegnungen und Erlebnissen. Nach dem ersten Kind folgt das zweite. Die Stadt wird verlassen, um in eine andere zu ziehen. Freundschaften verstärken sich oder werden gebrochen. Auch wenn dieser Lauf für viele bekannt erscheint, nichts Spannenderes zum Erzählen gibt es. Einer beweist es: der Norweger Karl Ove Knausgård. Sein auf sechs Bände angelegtes Romanprojekt „Min kamp“ feiert Erfolge – nicht nur in seinem nordischen Heimatland. Mittlerweile soll das Virus auch den Rest Europas und Teile Amerikas befallen haben. Nach dem ersten Band „Sterben“, wo der Autor vor allem den Tod seines alkoholabhängigen Vaters in den Mittelpunkt stellt, ist vor einiger Zeit der zweite Band „Lieben“ als Taschenbuch erschienen. „Familienmensch?! – Karl Ove Knausgård "Lieben"“ weiterlesen

Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"

„Aber ist es nicht immer das Unpassende, das, was nicht so recht funktioniert, was uns komischerweise am liebsten ist?“

Wenn die Welt um einen zusammenbricht, hält man sich am Unbekannten fest, weil das Bekannte nicht mehr existiert. Theo macht diese schmerzliche Erfahrung. Gemeinsam mit seiner Mutter besucht der 13-Jährige das New Yorker Metropolitan Museum of Art mit berühmten Kunstwerken der Malerei. Vor allem ein Bild hat es Theos Mutter angetan: die kleine Miniatur „Der Distelfink“ des holländischen Malers Carel Fabritius (1622-1654), eines der wenigen Gemälde, die von dem Künstler geblieben sind. Bei einer Explosion der Delfter Pulvermühle 1654 starb nicht nur Fabritius. Ein Großteil seiner Werke wurde bei dem Unglück vernichtet. Auch Theo erlebt eine Explosion – mehr als drei Jahrhunderte später: Eine Bombe geht im Museum in die Luft. Seine Mutter stirbt, mit dem Ölgemälde unter der Jacke flieht Theo aus dem Museum. „Bild des Lebens – Donna Tartt "Der Distelfink"“ weiterlesen

Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"

„Begeisterung und Panik wogten wie parallele Welten durch die Hitze der Nacht, in einem Fieber von Karneval und Katastrophe.“

Das Chaos zerreißt sein bisheriges Leben. Ignacio Abel, ein anerkannter Architekt und Bauhaus-Schüler, sieht sich 1936 an einem Abgrund stehen. Der Krieg hat Spanien erfasst. Die Hauptstadt Madrid wird Schauplatz des Klassenkampfes, die Gewaltspirale dreht sich und fordert unzählige Opfer. Männer, Frauen und Kinder, die durch Bomben, Straßenkämpfe und Hinrichtungen getötet werden. Mittendrin Ignacio auf der Suche nach seiner Geliebten Judith, die er ein Jahr zuvor kennengelernt hatte. Die Amerikanerin ist spurlos verschwunden, nachdem Ignacios Frau Adela dessen heimliche Beziehung entdeckte hatte und nachfolgend einen Selbstmord verübte, den sie indes überlebte. Mit den zwei Kindern zieht sich Adela in das Wochenend-Haus in den Bergen zurück. Nicht nur die erkaltete Beziehung des Paares auch Adelas Freitod-Versuch und das kritische Verhältnis zwischen ihren Eltern und ihrem Bruder Victor zu Ignacio belastet diese Ehe. „Flucht – Antonio Muñoz Molina "Die Nacht der Erinnerungen"“ weiterlesen

Schicksalhafter Wurf – Chad Harbach "Die Kunst des Feldspiels"

„Es war immer etwas Unnahbares in seinen Augen, wie bei einem Solisten, der so sehr eins mit der Musik ist, dass man nicht zu ihm durchdringt. Hierher könnt ihr mir nicht folgen, schienen die blauen Augen zu sagen. Ihr werdet niemals wissen, wie das ist.“

Er galt als dürrer und unscheinbarer Sonderling. Nichts sprach für eine große Zukunft, geschweige denn für eine herausragende Karriere als Baseball-Spieler. Bis er eines Tages entdeckt wird. Mike Schwartz, Spieler am Westish-College, sieht Henry Skrimshander und erkennt dessen einzigartige Begabung als Shortstop. Er wirft nicht nur zielsicher, er erkennt schon früh die Bahn des Balles, um schnell reagieren zu können. Schwartz holt Henry an das College und in die Mannschaft, die fortan den Meisterschaftskurs einschlägt . Henry wird zu einem Star in der College-Szene, umkreist von Agenten, die ihn verlockende Angebote unterbreiten. Doch während eines Spieles geschieht ein Unglück: Henry trifft mit dem Ball seinen Zimmerkollegen Owen, der vertieft in einen Schmöker auf der Mannschaftsbank sitzt. „Schicksalhafter Wurf – Chad Harbach "Die Kunst des Feldspiels"“ weiterlesen

Rückkehr nach dem Schrecken – Irène Némirovsky "Feuer im Herbst"

„Das Kriegsgebiet hatte die Männer gepackt, hatte sie zermahlen, und diejenigen, die noch nicht gefressen worden waren, gab es nur ungern wieder her.“

Beide ziehen in den Krieg. Martial als gestandener Arzt mit Unwillen, Bernard als 18-jähriger Jungspund mit reichlich Euphorie. Martial lässt seine Ehefrau Therese zurück, die er kurz vor dem Einzug in die Armee geheiratet hatte, Bernards Eltern können ihren Sohn nicht halten. Wie Europa mit Jubel den Beginn des Ersten Weltkrieges feiert, um später nach einer beispiellosen Vernichtung von Menschen und Land Millionen von Opfern zu betrauern – darüber gibt es bekanntlich viele Bücher. „Rückkehr nach dem Schrecken – Irène Némirovsky "Feuer im Herbst"“ weiterlesen