Festgefroren – Jón Kalman Stefánsson "Der Schmerz der Engel"

„Der Überlebenskampf und die Träume passen nicht zusammen, Poesie und Salzfisch sind Gegensätze, keiner kann seine Träume essen. So leben wir.“

Am Pferd festgefroren erreicht der Landpostbote Jens den rettenden Gasthof und damit die Wärme. Seine Tour quer übers Land und durch den isländischen Winter hat alles von ihm abverlangt. Doch ihm wird nur kurze Zeit der Ruhe in seinem Heimatort vergönnt sein. Der Apotheker und Postobermeister Sigurdur schickt ihn erneut auf eine Reise. Beide können sich nicht wirklich riechen, der Drogist spekuliert auf einen Fehler des Boten. Die Tour führt in den Norden, übers Meer, die Berge und Hochebenen – mitten im Winter, mitten durch die eisigen Winde der Stürme. Der Winter ist in diesen Breiten erbarmungslos und hat gemeinsam mit der Stärke des Meeres zahlreichen Menschen das Leben genommen. 

An die Seite des Postboten wird ein Junge gestellt. Ein Waise, der nicht nur seine Eltern, sondern auch einen treuen Freund verloren hat. Er wohnt im Gasthof, gilt als Traumtänzer. Für die Gäste wie den blinden Käpt’n Kolbeinn und die beiden Frauen, die das Lokal führen, liest er jeden Abend vor, meist aus Shakespeares Werken. Gemeinsam brechen der Erfahrene und das Greenhorn schließlich auf. Ihr Weg ist steinig und steil, die Temperaturen tiefgesunken, der Sturm unerbittlich. Ab und an machen sie Bekanntschaft mit Familien an diesem „Ende der Welt“, die das karg besiedelte Gebiet bewohnen. Oft stoßen Jens und der Junge an ihre körperlichen Grenzen, ab und an ist der Tod nur einen Augenblick weit entfernt.

Diese Extreme, das leere Land, und die Wetterunbilden hoch im Norden, spielen neben den Schicksalen der Charaktere die Hauptrolle in dem neuen Roman „Der Schmerz der Engel“ des Isländers Jòn Kalman Stefánsson. Er ist bekannt, wie viele andere Kollegen aus der skandinavischen Autorenschaft, für die enge Verbindung von Mensch und Natur in seinen Büchern. Einmal mehr stehen sie gegenüber. Der Mensch trotzt diesen rauen Verhältnissen in einer herbschönen Landschaft und  muss jedoch immer wieder Opfer bringen, ein Kind, das erkrankt und stirbt, ein Seemann, der von der Fahrt raus aufs Meer nicht mehr wiederkehrt. Der eigentlich wortkarge Jens und der Junge sprechen immer wieder über das Leben und den Tod, die Unerbittlichkeit des Seins, ab und an widmen sie sich allerdings auch der Liebe. Der Postbote liebt eine Frau in einem anderen Ort, die nach ihren entsetzlichen Erlebnissen auf einem Gut Zuflucht gefunden hat, der Junge macht seine ersten Erfahrungen. Immer wieder zudem thematisiert: das Schreiben und die Macht von Worten. Das Buch erscheint als eine Hommage an die Sprache, an das einfache, aber bewusste Leben mit allen Sinnen.

Wenn einige das Buch mit Blick auf den Titel „Der Schmerz der Engel“ – gemeint ist damit der Schnee als Ausdruck der Tränen – den Roman mit dem Gedanken an eine gewisse Kitschigkeit zur Seite legen, werden sehr viel verpassen. Der Isländer Stefánsson hat mit diesem Roman großartige, weil spannende und zugleich weise und sensible Literatur verfasst, die einen förmlich in das Geschehen hineinsaugt. Sein poetischer Roman, dessen Helden und ihre Erlebnisse werden so schnell nicht vergessen, obwohl man derzeit die Wärme jeder Kälte vorzieht. Aber Wärme findet sich auch in diesem „Winter“-Buch  – menschliche Wärme.

„Der Schmerz der Engel“ von Jón Kalman Stefánsson erschien im Piper-Verlag aus dem Isländischen übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig
Originaltitel: „Harmur Englanna“
352 Seiten, 19,99 Euro

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