Das Böse – Ferdinand von Schirach "Schuld"

„Es waren ganz normale Männer, und niemand hätte geglaubt, dass so etwas passiert“, heißt es in der ersten Geschichte, in einem ihrer ersten Absätze. Man ahnt leise, das Böse findet seinen Weg in sonst harmonische Zeiten. Es schreckt vor nichts zurück und versteckt sich hinter der Maske der Harmlosigkeit und nutzt den Moment der Überraschung.

Ferdinand von Schirach, einer der bekanntesten Strafverteidiger in Deutschland und mit seinem Erstling „Verbrechen“ von der Literaturkritik gefeiert, legt mit diesem zweiten Band nach. Und der Zwillingsbruder des ersten Buches steht diesem in nichts nach. Wieder erzählt von Schirach von seinen Fällen und Klienten, denen er in seiner nunmehr 18-jährigen Laufbahn als Jurist begegnet ist. Und wieder erfasst jede dieser Stories den Leser hoch emotional.

Von Schirach liebt den Alltag, der plötzlich von einem unvorhergesehenen. schrecklichen und kriminellen Ereignis durchbrochen wird, wie die daraus erwachsenden Überraschungsmomenten. Schockiert hängt man an diesen Geschichten, die einen kräftig durchrütteln. Da sind jene Männer eines Orchesters, die gemeinschaftlich eine junge Frau vergewaltigen und demütigen, da sind Internatsschüler, die einen talentierten Jugendlichen nahezu zu Tode quälen. Da ist eine junge Frau, deren große Liebe sich als Sadist erweist, der die Ehe für sie zu einem Märtyrium werden lässt. Das Böse hat viele Gesichter und liebt das falsche Spiel und oft kommt es ungeschoren davon.

Von Schirach benötigt für das Erzählen, für den Rückblick auf seine Erlebnisse und Erfahrungen keine von sprachlichen Verschnörkelungen strotzende Beschreibungen, keine Metaphern und Vergleiche, sondern vielmehr nur Schilderungen von Handlungen, Menschen und Orten. Knapp gefasst und schlicht sind seine Sätze, die sich in ihrer Kargheit jedoch zu fesselnden Berichten verbinden. Der Autor konzentriert sich ganz auf das Geschehen, löst jedoch regelmäßig Vorahnungen aus, um kommende Ereignisse vorauszueilen. Dafür reicht ihm meist nur ein einziger, kurzer Satz. Von Schirach erklärt zudem juristische Besonderheiten, das Spezielle an einem Fall für seine Person, ab und an scheut er sich nicht vor Selbstkritik, gerade in seinen Anfangsjahren.

So erzählt der bekannte Jurist viel mit seinen kurzen Geschichten in dem dünnen, knapp 200-seitigen Band. Jede Story verursacht konkrete Bilder im Kopf und ein schnell kreisendes Gedankenkarussell, das sich den Fragen zu Schuld und Unschuld, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit und zu der Rolle der Justiz stellt. Denn zahlreich sind die Erscheinungen der Schuld, die selbst bei scheinbar kleinen Handlungen ungeahnte und weitreichende Folgen hat. Von Schirachs Werk ist mehr als nur ein Pageturner, der einen schier an sich reißt. Es ist ein Meisterwerk, das den Leser von vielen Seiten prägt.

Der Band „Schuld“ von Ferdinand von Schirach erschien 2010 im Piper-Verlag.
208 Seiten, 17,95 Euro

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