Es war einmal Krieg – Denis Johnson "Ein gerader Rauch"

„Unmöglich, sich einen Reim auf die Welt zu machen, indem man alles hinterfragt und noch im Traum Zweifel hegt.“ 

 Sie sind gestrandet in der Hölle: der Gefreite James Houston und der CIA-Agent Skip Sands. Gemeinsam kämpfen sie in Vietnam, jeder an unterschiedlichen Fronten. Der eine direkt im Dschungel als „Tunnelratte“, der andere in den Abgründen des Geheimdienstes. Während sich der eine durch Drogen und Sex betäubt, lebt der andere zurückgezogen in einem Landhaus abseits der Kämpfe, um die geheime Kartei seines Onkels zu pflegen, einem hochrangigen und gefürchteten Colonel. Der plant großes: eine geheime Übung in psychologischer Kriegsführung mit dem Titel „Ein gerader Rauch“.

So heißt auch der Roman des Amerikaners Denis Johnson, der dafür den National Book Award, einen der wichtigsten Buchpreise, erringen konnte. Und wenn man das knapp 900-seitige Mammutwerk auch liest, weiß man warum. Gut, der Klapptentext der gebundenen Ausgabe nennt all die großen Autoren von Philip Roth bis Jonathan Franzen als Fans ihres Landsmannes. Aber es ist so: das Buch ist ein Geniestreich. Johnson, 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geboren, beschreibt in seinem Roman all dieses allumfassende Leid, das ein Krieg heraufbeschwört. Er löscht Leben aus, andere verändert er für immer. Houston und Sands geraten beide auf die schiefe Bahn. Der Soldat wird nach einem Verbrechen an einer Vietnamesin außer Landes geschafft und landet wie sein älterer Bruder Bill ebenfalls im Knast, der Geheimdienstler steht gut Anfang der 80er Jahre vor Gericht. Neben diesen beiden Männern erscheint Kathy Jones, die als Krankenschwester für eine Hilfsorganisation in Waisenheimen tätig ist und ihren Mann zuvor auf den Philippinen durch ein Attentat verloren hat, wie eine Heilige, ohne indes in ihrem Wirken unreal zu wirken. Ihr große Stütze ist ihr Glauben. Und da ist noch die Familie von Hao. Während ein Neffe den Freitod durch Selbstverbrennung wählt, wird sein Jugendfreund Trung als Doppelagent von den Amerikanern geworben.

Wie jeder Roman, der zahlreiche Schauplätze und Personen verbindet, stellt auch dieser eine Herausforderung an den Leser dar. Johnson nimmt den Leser mit in die Provinz Amerikas, in die Kriegszonen Vietnams sowie nach Thailand und auf die Philipinnen. Der Zeitrahmen umspannt dabei 20 Jahre und erzählt nicht nur vom Grauen des Krieges. Sie holt auch die undurchsichtigen Machenschaften der Geheimdienste ins Rampenlicht, die meist ganz eigenwillige Pläne verfolgen und sich schließlich selbst in die Quere kommen. So wird ein BND-Agent von einem Amerikaner erschossen, als er Trung töten will.

Der Roman wird so zu einem Sinnbild für die unfassbare Unmenschlichkeit im Krieg, der das Land verwüstet, ganze Generationen auslöscht, weder Gesetze und Moral noch Gewissen kennt. Nur die Gewalt und der schnelle Tod regieren. Nichts bleibt ungesagt: das Giftgas, die Attacken aus dem Hinterhalt, die Vergehen an der Zivilbevölkerung, das Vernichten ganzer Dörfer und Regionen finden sich an vielen Stellen des Buches wider. Bei der Lektüre entsteht deshalb ein widersprüchliches Gefühl, lässt doch dieses Buch über das Ensetzliche und oft Unbeschreibbare eine Faszination entstehen, obwohl die beschriebenen Szenen und die daraus entstehenden Bilder im Kopf einen schmerzen. Obwohl so viele Jahre bisher vergangen sind, das Land Vietnam so weit entfernt ist. Aber dennoch: „Ein gerader Rauch“ sollte ein Klassiker der amerikanischen Literatur werden, weil er nichts beschönigt und nicht den allseits bekannten amerikanischen Pathos versprüht, sondern eine ungeahnte Melancholie entstehen lässt und damit gegen das Vergessen wirkt.

Der Roman „Ein gerader Rauch“ von Denis Johnson erschien erstmals 2008 im Rowohlt Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Robin Detje. Das Taschenbuch verlegte ebenfalls der Rowohlt Verlag.
880 Seiten, 12 Euro