Unendliche Weiten – Marc Deckert "Die Kometenjäger"

„Er benutzte seine Augen, und ich schaute ihm dabei zu – ich vermute, das macht ihn trotzdem wichtiger als mich.“

Nicht einmal mehr die tiefste Nacht ist dunkel genug. Tom sucht die perfekte Finsternis – dort, wo kein Licht den Blick nach oben trübt. Lichtsmog nennt man das, wenn der Sternenhimmel nicht in seinem wirklichen Glanz wahrgenommen werden kann. In Deutschland, ja Europa gibt es nur noch wenige Orte, die nicht vom Licht der Straßenbeleuchtung, von Häusern und Industrieanlagen verunreinigt sind. Tom ist Hobbyastronom. Zwischen Gelegenheitsjobs bleibt ihm genug Zeit, ganze Nächte in seiner eigenen kleinen Sternwarte zu verbringen. Schon sein Großvater besaß diese Leidenschaft für den weiten Nachthimmel. Von ihm stammt auch das imposante Teleskop, das er einst von einer Reise in die USA nach Deutschland mitbrachte, und durch das nun Tom kleine und große Körper im All beobachtet.

An seiner Seite und zweiter Held im Roman des Journalisten und Autors Marc Deckert ist Philipp. Auch er Anfang 20, auch er findet so richtig keine Spur für sein Leben. Die Beziehung zu seiner Freundin Vera ist in eine Abkühlphase getreten. Philipp versucht sich als Illustrator und während er sich auf eine Suche nach Inspiration und Wissen für ein künftiges Buch über den Weltraum begibt, lernt er Tom in der Münchner Volkssternwarte kennen. Eine Freundschaft beginnt trotz ihrer recht verschiedenen Charaktere. Als Tom wegen seines erkrankten und mittellosen Vaters sein kostbares Teleskop verkaufen muss, wagen beide die Flucht aus dem Alltag und der Tretmühle des Lebens. Sie fliegen über den großen Teich in die USA, wo in Los Angeles ein Händler von Teleskopen auf sie wartet, der einen Interessenten ausfindig gemacht hat. Philipp will jedoch jenen künftigen Besitzer selbst kennenlernen. Die Tour führt sie in die Wüste Arizonas, wo sie auf einen wahren Kometenjäger, einen Vertreter einer fast ausgestorbenen  Art treffen, der nur mit seinem Teleskop, schier unermesslicher Geduld, Instinkt und den eigenen Augen auf die Suche geht – im Wettstreit mit anderen Kometenjägern und vor allem aber gegen die schier übermächtige Macht der modernen Observatorien, die mit Hilfe von Computern und riesigen Linsen den Weltraum erforschen.

„Du denkst, dass du noch ewig Zeit hast, um das zu machen, was du eigentlich machen willst. Aber vielleicht stimmt das gar nicht und du bist längst geworden, was du tust.“ 

 Auf dem Rücken des nun als Taschenbuch erschienenen Romans steht ein Ausschnitt einer Besprechung der Süddeutschen Zeitung. Darin heißt es, dass das Buch „Die Kometenjäger“ an Wolfgang Herrndorfs Bestseller „Tschick“ erinnert. Wer dieses Buch kennt und nun dieses Werk in die Hand nimmt, wird wahrlich Parallelen finden. Auch Deckert beschreibt wunderbar ein „schräges Duo“, das gemeinsam auf eine verrückte Tour geht und auf dieser viel über das Leben und Lebensziele lernt. Am Ende haben Philipp und Tom ihr Leben austariert, auf ihr jeweils gewünschtes Gleis gehoben, das jedoch in unterschiedliche Richtungen verläuft. Es ist wunderbar zu lesen, wie sie sich gegenseitig animieren, aber auch sich ab und an wie Plus- und Minuspol voneinander abstoßen, weil ihre Ansichten oft verschieden sind. 

„Wahrscheinlich braucht der Weltraum kein weiteres Marketing.“ 

Wie Deckert vor allem diese besondere Faszination für den Sternen- und Planetenhimmel, für die unvorstellbaren Kräfte und Ereignisse in den Weiten des Alls beschreibt sowie Fiktion mit realen Fakten rund um die Astronomie verbindet, zeigt, wie intensiv er sich mit diesem Thema beschäftigt hat. Und ein weiteres Thema macht diesen spannenden wie charmanten und lehrreichen Roman so überaus lesenswert und nachdenklich: Immer wieder finden sich kritische Töne – sowohl allgemein zu den Auswirkungen der westlichen Zivilisation als auch speziell zur „geschmacklosen Kultur“ in den USA, die einen herben Kontrast zur grandiosen Natur des riesigen Landes entstehen lässt. Der 1970 geborene Journalist, der unter anderem für die Zeitschrift „Neon“ schrieb und heute das „jetzt“-Magazin der Süddeutschen Zeitung leitet, lässt mit seinem Buch eine Vorliebe für die stillen Orte erkennen. So erscheint trotz Schüssen aus einer Schrotflinte und eines Autocrashs in der Pampa Arizonas auch dieser Roman, der teils melancholisch, teils humorvoll letztlich den Leser sanft in eine besondere Welt führt: in die faszinierende Unendlichkeit des Himmels und die Tiefe des Alls.

„Die Kometenjäger“ von Marc Deckert erschien als Taschenbuch im btb-Verlag.
416 Seiten, 9,99 Euro