Im Fadenkreuz von Politik und Religion – Amy Waldman "Der amerikanische Architekt"

„Die Trauer war ein Land, das sie sich nicht ausgesucht hatte, aber sie konnte entscheiden, wann sie es wieder verlassen wollte, obwohl sich das ein bisschen  nach Verrat anfühlte.“

Das Bild hat sich in das Gedächtnis der Menschheit eingebrannt: Zwei Flugzeuge fliegen über New York und schließlich in die beiden Türme des World Trade Centers hinein. Flammen schießen in die Höhe. Menschen springen aus den Fenstern. Die beiden hohen Gebäude stürzen zusammen. Eine Wolke aus Schutt und Asche legt sich über die Stadt. Rund 2.900 Menschen kommen am 11. September 2001 ums Leben, Männer und Frauen, die in den Häusern gearbeitet haben, die Insassen der beiden Flugzeuge sowie eine große Anzahl an Rettungskräften. Von vielen Opfern bleibt nur noch Asche und Staub zurück.

Diesem Trauma eines Landes hat sich die Literatur bis heute nur mit wenigen Werken gewidmet. Eines hat die amerikanische Autorin Amy Waldman verfasst. Ihr Roman „Der amerikanische Architekt“ beschreibt den fiktiven Konflikt um den Bau einer Gedenkstätte. Zwei Jahre nach dem Anschlag muss sich eine unabhängige Jury im Rahmen eines anonymen Architektur-Wettbewerbs für einen Entwurf entscheiden. Das Gremium gibt einer Gedenkstätte in Form eines Gartens die meisten Stimmen. Als der Name des Architekten genannt wird, herrscht indes Entsetzen. Der Schöpfer des Gartens trägt den Namen Mohammad Khan. Eine Diskussion entbrannt im ganzen Land, als der Name durch die Boulevard-Presse bekannt wird. Anti-Islamische Gruppierungen beginnen eine beispielslose Hetze. Ein Teufelskreis nimmt seinen Lauf. Es kommt zu Demonstrationen und Drohungen, islamischen Frauen werden die Kopftücher heruntergerissen. Nur wenige stellen sich auf die Seite des Architekten, der ein gebürtiger Amerikaner ist, in seinem bisherigen Leben kaum Berührungen mit dem Islam erlebt hatte und von Freunden nur Mo genannt wird.

Inmitten dieser heftigen Auseinandersetzungen, die sich später nicht mehr nur auf die USA beschränken, befinden sich Jury-Chef Paul sowie Claire, eine Hinterbliebene und damit Stimme der Angehörigen. Ihr Mann war während des Terroranschlags ums Leben gekommen. Eine geradelinige Entscheidung für und wider des Garten-Entwurfs haben beide nicht. Allzu sehr schwanken sie im Verlauf der Geschehnisse, in denen sich schließlich auch die hohe Politik einmischt, die Presse die Stimmung weiter aufwiegelt und kräftig im Dreck der Beteiligten wühlt. Die Gedenkstätte gerät in diesem Propagandakrieg in den Hintergrund, ehe Kritiker in den Plänen den vermeintlichen Entwurf eines islamischen Paradieses für die Terroristen erkennen. Mo versucht mit Hilfe einer Organisation, seinen Garten zu verteidigen. Doch die Zahl der Befürworter ist gering und wird sich mit der Zeit weiter mindern. Bis Asma, eine Frau aus Bangladesh, die ihren Mann bei den Anschlag verloren hat und mit ihm illegal im Land lebte, während der öffentlichen Anhörung ihre Stimme erhebt. Doch die Lage eskaliert, als sie vor ihrer Ausreise erstochen wird.

In all diesen heftig geführten Diskussionen eines geteilten Landes findet Waldmann besondere Worte für die Trauer und den Schmerz der Hinterbliebenen, auf die sie neben der charismatischen Person des Architekten ihren besonderen Blick lenkt. Sensibel beschreibt sie den tiefen Schmerz, eindringlich dieses gewaltige Ausmaß der Zerstörung und der Gewalt. Ihre Protagonisten hat sie nicht nur in Schwarz und Weiß gekleidet. Vielmehr erscheinen die verschiedenen Charaktere inmitten ihres unterschiedlichen Lebensumfeldes in verschiedenen Schattierungen und wandelbar. Selbst Mo, der über eine lange Zeit selbstbewusst und auch in gewissem Maße egozentrisch sein Werk verteidigt – im Fadenkreuz von Staaten und Religionen. Am Ende ihres ungemein spannenden wie vielstimmigen und mutigen Buches entwirft Waldmann, 1969 geboren und viele Jahre lang als Journalistin unter anderem für die „New York Times“ und „The Atlantic“ tätig, einen Blick in die Zukunft 20 Jahre voraus. Der Abschluss ohne wirkliches Happy-End lässt den Leser nachdenklich gestimmt zurück. Es gibt weder wirkliche Gewinner noch eine Entwicklung, in denen Toleranz und Menschlichkeit letztlich gegen Engstirnigkeit und Rassismus, Oberflächlichkeit und Leichtgläubigkeit gewinnt. Was bleibt, ist weiterer Schmerz und in all diesen Anfeindungen und Ränkespielen keine Zeit und kaum eine Möglichkeit, den Opfern des 11. September auf angemessene Weise zu gedenken.

Der Roman „Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman erschien im Schöffling-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Brigitte Walitzek, und wird am 8. September auch als Taschenbuch erhältlich sein, in einer Ausgabe des Heyne-Verlages.
512 Seiten, 24,95 Euro