Zwei Getriebene – Patrick Modiano "Der Horizont"

„Alles, was man tagaus, tagein erlebt, ist gekennzeichnet von den Ungewissheiten der Gegenwart.“

Ihre Begegnung ist ein Zufall, wie es die meisten im Leben sind. Während einer Demonstration stoßen Margaret Le Coz und Jean Bosmans nahe der Pariser Metro zusammen. Womöglich hätten andere sich nach wenigen Sekunden mit einer kurzen Entschuldigung und einem Wort des Abschieds voneinander getrennt. Nicht Margaret und Jean, die fortan zusammengehören und ein Paar bilden. Er holt sie von der Arbeit ab, begleitet sie bei ihren Spaziergängen durch die Straßen der Stadt und ihren Besuche in einem der vielen Cafés. Was Jean erst nach einiger Zeit weiß: Er ist auch ein besonderer Beschützer für die junge Frau, die schon seit einiger Zeit von einem merkwürdig erscheinenden Mann verfolgt wird. Dieses geheimnisvolle Geschehen hat Patrick Modiano, der im vergangenen Jahr mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt wurde, in seinem Roman „Der Horizont“ niedergeschrieben. Doch in dem recht schmalen Band mit seinen etwas mehr als 170 Seiten gibt es weit mehr zu entdecken. Was auf den ersten Blick wie eine spannende Erzählung anmutet, ist bei näherer Betrachtung und nach intensiven Lesen ein Buch über die Rolle der Erinnerung und die Geschichte von zwei getriebenen Menschen, die auf eine gute Zukunft hoffen, auch wenn die Gegenwart alles andere als hoffnungsvoll erscheint. Jean hat einen Job in einem esoterischen Buchladen und schreibt nebenbei, Margaret arbeitet in einem Büro als Übersetzerin sowie als Kindermädchen. Genau wie die junge Frau hat auch Jean recht merkwürdige Verfolger. Eine Frau, die seine Mutter sein soll, und ein Mann, der einem Pfarrer gleicht, haben sich gemeinsam auf seine Fährte gesetzt und fordern bei den überfallähnlichen Begegnungen immer wieder sein Geld. Nachdem ein Ärzte-Paar, Arbeitgeber von Margaret, plötzlich verhaftet wird, verlässt die junge Frau kurzerhand Paris in Richtung Deutschland und lässt Jean zurück, ohne ihm ihr merkwürdiges Verhalten zu erklären.

Auf dieses Geschehen blickt Jean in einem Abstand von rund 40 Jahre zurück. Manches ist im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. Nur diese große Hoffnung auf eine glückliche Zukunft – dieser Gedanke findet als Vergleich mit dem Horizont Eingang in die Geschichte – prägt ihn auch nach all den  Jahren. Er macht sich auf die Suche nach Margaret und findet Personen aus der Vergangenheit, indem er alte Schauplätze in Paris aufsucht, die Straßen durchstreift, die er einst an der Seite von Margret durchlaufen hatte, bis er schließlich Margret aufspüren kann. Beide weisen dabei als Figuren durchaus Ähnlichkeiten auf: Sie sind Getriebene, ja Verfolgte, beide stehen am Anfang ihres Erwachsenen-Lebens. Womöglich haben diese Ähnlichkeiten die Bindung auch geknüpft.

Dieses recht reduzierte Figuren-Ensemble und nahezu kammerspielähnliche Geschehen, das zudem mit dem Gedankenstrom und Träumen des Protagonisten gefüllt wird, erinnerte mich an die Romane von Sándor Márai, ein Autor, dessen Werke ich sehr mag. Und die mit einer ebenfalls sehr reduzierten und prägnanten Sprache in meist kurzen Sätzen das Unaussprechliche im Leben in Worte fassen. Das ist große Literatur, in der dem Leser jedoch ein nicht unwesentlicher Part zukommt. Denn er soll die Lücken füllen mit seinen Gedanken, denn nicht jedes Detail, jede Information ist in der Geschichte zu finden. Viele Fragen bleiben offen und der Fokus liegt trotz eines großen Zeitrahmens auf nur wenige Geschehnisse und Handlungen. Warum flieht Margret, welche Beziehung hat sie zu Deutschland und Berlin, wo sie geboren wurde? Welche Kindheit haben sie erlebt? Was ist ihnen in den 40 Jahren alles erfahren? Doch gerade dadurch liegt auch der Reiz dieses Romans, der eine ungeheure Spannung aufweist und zusammen mit der alles entscheidenden Frage nach den vielfältigen Verbindungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein unvergessliches Lese-Erlebnis bietet.

Der Roman „Der Horizont“ von Patrick Modiano erschien im Hanser Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Elisabeth Edl.
176 Seiten, 17,99 Euro

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