Der Lehrling des Soldaten – Alexis Jenni "Die französische Kunst des Krieges"

„Im Krieg fällt man völlig unvermutet. Und wenn dann mit lyrischen Worten darüber gesprochen wird, ist das eine fromme Lüge, um die Sache auszuschmücken; man erfindet eine Geschichte, walzt das Ganze aus und inszeniert etwas. In Wirklichkeit stirbt man sang- und klanglos, blitzschnell, in völliger Stille; und auch hinterher herrscht Stille.“

Zwei Männer: Einer kennt den Krieg nur aus der Geschichtsschreibung und dank der aktuellen Fernsehbilder des Golfkriegs, die über seine Mattscheibe flimmern. Der andere war leibhaftig dabei – im Zweiten Weltkrieg, in Südostasien, in Algerien. Beide lernen sich eines Tages in einem Bistro kennen. Der Erzähler, ohne Name und Alter, will das Malen von Victor Salagnon erlernen. Und der bringt dem anderen nicht nur die kunstvolle Tusche-Malerei bei. Er erzählt auch von seinem Leben, das vor allem ein Leben als Soldat ist. Krieg ist das große, alles umfassende Thema des Romans von Alexis Jenni, das sich auch direkt im Titel widerspiegelt.

Schon als Jugendlicher gerät Victor in die Fänge der Gewalt, er ist Zeuge der deutschen Besatzungszeit und wird wenig später an der Seite seines Onkels Mitkämpfer der Résistance. Was der plötzliche Tod bedeutet und das unermessliche Leid sowohl der Soldaten als auch der Zivilbevölkerung – erfährt er früh. Seine Zeichnungen, die er währenddessen anfertigt, sind Abbilder des Krieges und der Menschen. Eines Tages lernt er Euridice kennen, Tochter eines jüdisch-griechischen Arztes und Algerien-Franzosen. Als der Zweite Weltkrieg beendet ist, versucht Victor einen Neuanfang in Algerien, wo Euridice mittlerweile lebt. Doch er scheitert, zieht mit der  französische Kolonialarmee nach Indochina, wo der Krieg gegen den Kommunismus anhält, die Gefahr sich jedoch nicht in raumgreifenden Schlachten, sondern bei hinterhältigen Überfällen der sogenannten Vietminhs entsteht. Jahre ziehen ins Land und Victor verschlägt es schließlich wieder nach Algerien: als Hauptmann eines Fallschirmjäger-Korps. Während des Algerien-Konfliktes erlebt er eine andere Form der Gewalt: Terror-Angriffe und Hinrichtungen ohne jegliches Gerichtsurteil, Verteidigung und Bürgerkrieg. Zwischen all den Einsätzen trifft er Euridice wieder, für die er all die Jahre über Briefe geschrieben und  Bilder gemalt hat.

Der Erzähler bleibt indes eine weniger scharf umrissene Gestalt. Er scheint im Leben und in der Liebe gescheitert zu sein, als Verlierer am Rande der Gesellschaft stehend, Er berichtet nur von besonderen Wendepunkten in seinem Leben und blickt hingegen mit einem höchst wachen und intelligenten Verstand kritisch auf die Gegenwart und die gesellschaftlichen wie politischen Geschehnisse, die ihn umgeben: den Rassismus in Frankreich, wo die Kulturen und Vorurteile aufeinanderprallen, Hass und Gewalt entstehen. Gerade in der Person des einstigen Mitkämpfers Mariani, der in Indochina Victor gerettet hatte, wird dieser Rassismus und der übertriebene Stolz auf das „eigene Blut“ deutlich. Oft thematisiert der Autor zudem die Rolle von Ordnung, Disziplin und Gruppenzwang – in der Gesellschaft, in Polizei und Armee.

Nicht nur diese kritische Beschäftigung mit dem Krieg und den kriegerischen Auseinandersetzungen über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowie die Auswirkungen auf jeden Einzelnen machen diesen Roman zu einem Meisterwerk. Jennis Sprache und Stil ist vollendet und geprägt von ungemein präzisen Beschreibungen, die nahezu verschreckend atmosphärisch wirken. Einzelne Szenen erinnern an die Wucht von beachtlichen Anti-Kriegsfilmen. Hier gibt es keine Zensur, kein Weichzeichner, der sich über die allzu harte Realität legen kann. Es wird gekämpft und gestorben, meist entscheidet eine Zehntelsekunde über Leben und Tod. Der Körper wird grässlich verwundet oder in Stücke zerrissen. Der Mensch bleibt ein unscheinbar kleiner Teil des großen Ganzen.
Mittlerweile hat auch die Technik die Kraft des einzelnen Menschen ersetzt. Es wird maschinell gekämpft und in Massen gestorben. Während jedoch im Ersten und Zweiten Weltkrieg die Opferzahlen ins Unermessliche und Unbegreifliche gestiegen waren, wurde im Golfkrieg im Nahen Osten von den alliierten Truppen Technik eingesetzt, die es erlaubt, den Feind mit einem Knopfdruck aus der Ferne zu vernichten, die eigenen Opfer gering zu halten. Auch das schreibt Jennis.

Das einzige, was dieser Grausamkeit und Gewalt entgegensteht, sind Zuneigung und Liebe, die sich in verschiedenen Beziehungen zeigen: so in der Bindung zwischen Victor und Euridice, die Schüler-Lehrer-Beziehung zwischen Victor und dem Soldaten. Auch er hatte einen Lehrmeister an der Seite, der ihn in Indochina einst eben jene Technik der Tusche-Malerei gezeigt hatte.

Durch all die nahezu 760 Seiten wird der Leser tüchtig durchgerüttelt. Keiner wird ungerührt bleiben – wegen der sowohl unbarmherzigen Gewalt als auch den Gefühlen und Beziehungen der Helden. Einmal mehr zeigt dieser beeindruckende Roman, das es im Krieg nur Verlierer gibt und ein Krieg einen weiteren nach sich zieht, die Menschheit nahezu immer die Gewalt der Menschlichkeit vorzieht und dass selbst im Frieden gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Kulturen an der Tagesordnung sind. Ein Roman über eine Zeit ohne Krieg wird also weiterhin ein utopischer bleiben – mit einem Blick in eine weit entfernte Zukunft. Mit „Die französische Kunst des Krieges“, seinem Debüt, errang der 1963 in Lyon geborene Franzose den renommierten Prix Goncourt. Und das mehr als zurecht.

Der Roman „Die französische Kunst des Krieges“ von Alexis Jenni erschien als Taschenbuch im btbt-Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Uli Wittmann.

2 Comments

  1. Vielen Dank für Deinen Kommentar. Ja, die Welt rasselt wieder mit den Säbeln, eigentlich hat sie nie damit aufgehört. Das ist das Traurige. Aber es gibt auch Menschen, die eher in den Krieg ziehen, als den Frieden zu wahren. Was diese Menschen antreibt, werde ich nie nachvollziehen können.

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