Patenkind und Preisträger – Ein Rückblick auf die Buchmesse 2015

Uwe Tellkamp und Preisträger Mircea Cărtărescu

Wo anfangen, wenn die Leipziger Buchmesse nahezu undurchdringlich erscheint, einen in ihrem Übermaß an Büchern und Besuchern überwältigt? Am besten mit einem Zitat. Das sind bekanntlich Worte, an denen man sich festhalten kann. „Ich lebe mit und in der Literatur, ohne sie wäre ich nichts“, sagte Mircea Cărtărescu. Der rumänische Autor, der in diesem Jahr mit dem Preis zur europäischen Verständigung der Leipziger Buchmesse geehrt wurde, hatte im Café Europa Platz genommen, einem Leseort des Auswärtigen Amtes in Halle 4. An seiner Seite: „Turm“-Autor Uwe Tellkamp. Beide verbindet nicht nur ihr gemeinsamer Beruf. Beide kennen die Werke des anderen, seien zu Freunden geworden, bemerkte Tellkamp während des Gesprächs. Obwohl beide aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten stammen. Dem Deutschen Buchpreisträger oblag es, einen Tag zuvor während des Festaktes im Leipziger Gewandhaus die Laudatio auf den Rumänen und seine „Orbitor“-Trilogie zu halten. Tellkamp nannte Cărtărescu den „Weltenschöpfer von Bukarest“.Als Mircea Cărtărescu diese Worte sprach, seine innige Bindung zur Literatur  und dem Schreiben erklärte, erlebte ich ein Déjà-vu. Genau jene Beschreibung erinnerte mich an das Leben und Wirken Kafkas – eben an die Kafka-Biografie von Reiner Stach, deren dritter und abschließender Band „Kafka. Die frühen Jahre“ mein „Patenkind“ war. „Patenkinder“ – das waren die Bücher der Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung, die von Blogger-Paten gelesen und besprochen werden sollten. Eine Aktion, die erstmals in der Geschichte der Leipziger Buchmesse stattfand. Doch dazu später mehr.
Bereits vor und auch während der

Kafka-Experte Reiner Stach   Foto: Tobias Nazemi

Preisverleihung drückte ich natürlich für „Kafka“ und Reiner Stach fest die Daumen. Doch mein Wunsch und mein innerlicher Tipp gingen nicht in Erfüllung. Weder brachte es Moshe Kahns Übersetzung des voluminösen Bandes „Horcynus Orca“ von Stefano D’Arrigo noch Reiner Stachs Werk auf das Siegertreppchen. Dafür gewann jeweils Miriam Pressler für die Übersetzung des Romans „Judas“ von Amos Oz und das Sachbuch „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa“ von Philipp Ther den Preis.
Doch in einer Kategorie war mein inneres Bauchgefühl dann doch in die richtige Richtung unterwegs gewesen: Mit dem Band „Regentonnenvariationen“ holte sich der Lyriker Jan Wagner den Preis. Eine Entscheidung, die mutig und richtig ist. Ein besonderes Zeichen, dass die Lyrik mehr Aufmerksamkeit erhalten sollte. Weil gerade in unseren hektischen Zeiten wir einen Anker brauchen – in der Ruhe und in der Stille und in besonders ausgewählten Worten.

Meine Zeit auf der Buchmesse – trotz meines gewissen Unbehagens gegenüber jeglichen Menschenmassen – gestaltete ich – wie in den Jahren zuvor – mit Rundgängen durch die Messehallen, Besuchen von Ständen und Lesungen. Und auch der eine oder andere Prominente war zum Greifen nah. Doch dieses Mal war es anders: Nicht nur, weil den Blogger-Paten die beiden Preisverleihungen offenstanden. Es kam zu Treffen und Gesprächen mit den anderen Bloggern und jene Begegnungen haben mich bereichert. Gewünscht hätte ich mir ein Gespräch mit dem Schöpfer

Sicherlich baldige Lektüre!

meines Patenkindes, eine Erwähnung der Blogger-Paten-Aktion im offiziellen Rahmen. Enttäuscht bin ich trotzdem nicht. Schon allein die Ernennung war eine große Ehre und ein Erlebnis für mich. Mit diesem Schub im Rücken erlebte ich zudem, wie positiv Verlage auf die Blogger-Szene reagieren. Der Verlag Diogenes gestaltete eine Blogger-Treffen (ein Dank an Mara von „Buzzaldrins Bücher“ für den Tipp). Am Stand des Suhrkamp Verlages gab es die Begegnung mit Demian Sant’Unione aus der Webredaktion, am Mare-Verlag kam ebenfalls ein Kontakt zustande. Mit meiner einstigen Kommilitonin Kristin Voigtländer, nun im Verlag Hoffman und Campe tätig, gab es nach nahezu 13 Jahren ein Wiedersehen. Eine Gesprächsrunde, moderiert von Wolfgang Tischer von literaturcafé.de, gemeinsam mit den Blogger-Paten Antonia Ganzer, Jacqueline Böttger und Arndt Stroscher bildete den perfekten Schlusspunkt für die Leipziger Buch-Zeit.

Auch wenn ich jetzt womöglich Kopfschütteln aus der Blogger-Szene ernten werde: Klickzahlen sind mir erst in zweiter Linie wichtig. Ich bin kein Werbeträger für Handytarife oder Brillen im Sonderangebot und verdiene kein Geld damit. Und Ruhm ist bekanntlich vergänglich – gerade in dieser kurzlebigen Welt des Internets. Für mich zählen die Menschen, ihre Meinung zu Büchern (auch in Form von Kommentaren) und damit die Gespräche mit ihnen weit mehr. Die Buchmesse 2015 war eine besondere. Denn es ist immer wieder schön zu erleben, dass es noch andere gibt, die „in und mit der Literatur leben“. PS: ein großes Dankeschön an Vera Lejsek für die Betreuung!

2 Comments

  1. Hat eigentlich der Autor oder der Verlag mit dir mal Kontakt aufgenommen? Mich überraschte, dass Fischer mit drei Büchern im Rennen war, von denen zwei – deins und der Orca – klare Favoriten waren. Leider erfährt man ja nicht, wie die Jury ihr Votum gegen Bücher begründete. Doch besonders bei der Auszeichnung der Übersetzung empfand ich es fast als Demütigung Moshe Kahns, dass man betonte, Miriam Pressler explizit nicht damit auch ihr Lebenswerk auszuzeichnen.

    Der Fischer Verlag mit vier nominierten Büchern war offenbar der große Verlierer – wenn man die Nominierung mal als Auszeichnung aussen vor lässt. Als Aussenstehender ist es zwar etwas müßig, darüber weiter zu spekulieren, doch komme ich nicht umhin, zumindest zu vermuten, dass der Verlag womöglich auch ein Lobby- und Imageproblem hat. Man gibt sich vielleicht etwas zu zugeknöpft. Zeigt sich mir auch in der Tatsache, dass man auf meine Patenschaft nicht mal mit einer Mail persönlich reagierte.

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    1. Hallo Torsten, nein der Verlag hat sich nicht bei mir gemeldet. Ich wollte mich selbst allerdings auch darum kümmern – entweder über die Presseabteilung oder direkt über die Internetseite von Reiner Stach. Vielleicht habe ich Glück. Ich war am Messe-Sonntag noch einmal am Fischer-Stand, allerdings war da kein Vertreter der Presse-Abteilung mehr vor Ort. Ich habe allerdings aus dem Blogger-Umfeld gehört, dass der Verlag den Bloggern eher aus dem Weg geht. So weit ich weiß hat der Verlag auch keine FB-Fanseite.
      Ich war auch überrascht, dass Moshe Kahn nicht den Preis erhalten hat. Meiner Meinung war die Entscheidung für Oz/Pressler auch eine politische mit Blick auf das Thema der Messe. Auch habe ich eher die Kafka-Biografie als Favorit gesehen. Als Würdigung eines Lebenswerkes, was ja die drei Bände durchaus sind. Viele Grüße

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