Alte neue Zeit – Hansjörg Schertenleib „Jawaka“

„Schafft der Zufall Bedeutung, oder hängt alles zusammen, geordnet nach einem Plan, den wir Menschen nicht verstehen können?“

Katastrophenmeldungen beherrschen die Nachrichten. Städte stehen durch den ansteigenden Meeresspiegel unter Wasser. Woanders ist Dürre. Tierarten sterben aus. Terroranschläge fordern unzählige Tote. Es gibt Aufstände und Unruhen in Europa. Nur etwas mehr als 30 Jahre später soll die Erde nicht mehr so sein, wie wir sie kennen. Nach einer globalen Katastrophe leben die Menschen wie im Mittelalter; in kleinen Siedlungen, von Ritualen und Bräuchen geprägt. Die moderne Technik gibt es nicht mehr. Das Geld wurde abgeschafft.

image_1_13445Jetzt werden womöglich einige meinen, schon wieder ein Endzeit-Roman, schon wieder ein Abgesang auf die menschliche Zivilisation. Es gibt doch bereits eine ganze Reihe, gerade in der vergangenen Zeit neu erschienen, muss denn immer alles so negativ gestimmt sein. Und womöglich ist diese Meinung nachvollziehbar und berechtigt. Doch Hansjörg Schertenleibs neuer Roman „Jawaka“ zählt für mich zu den eindrücklichsten Leseerlebnissen des Jahres. Und nicht nur, weil ich Dystopien gern lese und das Buch mit seiner besonderen Optik –  der Band ist in Weiß gehüllt, Titel, Autor und Verlag werden mit Prägedruck hervorgehoben, der Schnitt ist blutrot – besticht. Vielmehr hat der Schweizer ein wortgewaltiges und gedankenreiches Buch geschrieben, dessen Geschichten den Leser hineinziehen, ihn berührt, wenn nicht so gar am Ende verstört zurücklässt.

Ja, es sind mehrere Geschichten, drei um es genauer zu sagen. Ein Schweizer Schriftsteller arbeitet in Südafrika an der Fertigstellung seines neuen Buches, beginnt aber an einer weiteren Story zu schreiben. Es ist das Jahr 2021. Die Welt bewegt sich auf den Abgrund zu. Die Katastrophen-Meldungen sind Vorboten des kommenden Geschehens. Während er auf die Ankunft seiner Freundin wartet, versucht der Autor zu schreiben. Er beobachtet das Leid und Elend auf den Straßen Kapstadts und wird schließlich von einem jugendlichen Bettler im Hotel bedroht. Nach und nach wird klar, dass die beiden weiteren Geschichten aus der Feder des Schriftstellers stammen. Auch jene, die eben von der post-apokalyptischen Zeit im Jahr 2057 berichtet. Darin flieht der 21-jährige Anatol, ein Tischler, aus seinem Heimatdorf, da er den Geliebten seiner Mutter niedergestochen hat. Sein Vater hat bereits vor einigen Jahren das Dorf mit einer jungen Frau verlassen. Noch bevor die dramatische Tat entdeckt wird, wählt er trotz tiefen Schnees und grimmiger Kälte die Verbannung und reitet von dannen. Er kommt in ein Dorf, dessen Bewohner als Katzenfresser verschrien sind, und wird dort herzlich aufgenommen. Mit dem Bewohner GisliChrigel tauscht er sich aus – über die verschiedenen Lebensweisen der beiden Orte und den Glauben. Als dem Dorf ein Angriff der bewaffneten Gruppe namens „Stahlhelme“ droht, flieht Anatol, um in der unwirtlichen Bergwelt der Alpen seinen Vater zu suchen. Lina, eine junge Frau, mit der er eng verbunden ist, folgt ihm.  Eine Vater-Sohn-Beziehung bestimmt schließlich auch die dritte Geschichte: Sean Berger,  ein Schweizer Bildhauer, lebt seit Jahren in Irland, zurückgezogen in einem einstigen Schulhaus. Eines Tages erfährt er, dass aus der Verbindung zu seiner einstigen Geliebten ein Sohn hervorgegangen ist. Deren Ehemann, mittlerweile schwer an Krebs erkrankt, übermittelt ihm die besondere Botschaft.

All diese Handlungsstränge an verschiedenen Orten und Zeiten, aus verschiedenen Perspektiven erzählt, verwebt Schertenleib grandios zu einer spannenden Geschichte, in der man sich verlieren kann und sollte, Zeit außer Kraft gesetzt wird. Dabei steht nicht nur das Thema Vater-Sohn-Beziehung im Mittelpunkt. „Jawaka“ ist auch ein Buch, dass sich der Frage nach der Identität und der Authentizität stellt: Welche Rolle spielt das Selbst in einer Gemeinschaft, welche Bedeutung haben dabei das Bewusstsein, die eigenen Erinnerungen,  vielleicht sogar das Unbewusste. Traumsequenzen begleiten den Weg Anatols.  Und nicht nur diese: Früh ist der junge Mann in seiner Kindheit dank seines Vaters mit Literatur in Berührung gekommen. Fantasie hat ihm geholfen, schwierige Aufgaben, so ein Initiationsritual, zu bestehen. Die Sprache, die Worte großer Autoren scheinen die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden und bringen ihn letztlich auch zu seinem Vater, der zuvor Zitaten an die Wand eines Bergstollens gemalt hat.

„Wir sind unsere Träume, so steht es geschrieben. Wir sind das einzige Lebewesen, dem bewusst ist, alles kann sich von einer Sekunde zur nächsten ändern. Nichts ist sicher, nur der Tod. Kein anderes Lebewesen muss mit dieser Gewissheit leben, mit diesem Schatten.“

Die Literatur als Zitat ist die eine Seite. Doch Schertenleib spielt mit dem Leser, hinterfragt tiefgründig die Rolle des Autors, die Bedeutung von Fiktion. Denn er setzt sich schließlich selbst in den Roman – als eben jenen Schriftsteller in Südafrika , der, laut eines Zeitungsberichtes, den Anatol im Bergstollen findet, 2021 von den Ereignissen überrollt wird und ein tragisches, ja gewalttätiges Ende nimmt. Dieser Griff in die Trickkiste überrascht und verstört ungemein. Ohne dass es die besondere Qualität des Romans mindert, sondern vielmehr ein Gedanken-Karussell in Gang setzt und es auch für lange Zeit in Bewegung hält. Schertenleibs Blick in die Zukunft ist ein Meisterwerk, reich an eindrücklichen Bildern und Szenen, erschaffen mit einer poetischen Sprache, an die nur wenige deutschsprachige Autoren herankommen.

Der Roman „Jawaka“ von Hansjörg Schertenleib erschien im Aufbau-Verlag; 384 Seiten, 25 Euro

Foto: pixabay.com

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