Abstieg – Stewart O’Nan „Westlich des Sunset“

„Er war kein Kind mehr. Er hatte seine eigenen Gespenster, denen er nicht davonlaufen konnte, egal, wie weit er flüchtete.“ 

Mit seinem Roman „Der große Gatsby“ hat sich Francis Scott Key Fitzgerald unsterblich gemacht. Der Verlag Modern Library listet das 1925 erschienene Werk auf Platz 2 der besten 100 englischsprachigen Bücher ein – Platz eins belegt „Ulysses“ von James Joyce. Dabei gab es eine Zeit, in der der amerikanische Schriftsteller vergessen, sein Ruhm verblasst war. Von jenen Jahren, die die letzten im Leben des großen Autors waren, erzählt Stewart O’Nan in seinem neuen Roman „Westlich des Sunset“. 

978-3-498-05045-0.jpgDer Leser begegnet dem berühmten Schriftsteller schon zu Beginn in einer misslichen Lage. Infolge einer Lungenentzündung mit nachfolgender Tuberkulose ist Fitzgerald gesundheitlich angeschlagen, Tabletten und Trinks sind seine treuesten Begleiter, Ehefrau Zelda ist Patientin in einer Nervenheilanstalt in Asheville (North Carolina), die Tochter in einem Internat. Da ereilt ihn der Ruf nach Hollywood. Fitzgerald hofft auf Erfolg und Geld, denn er ist finanziell nahezu am Ende. Im Auftrag der Filmgesellschaft Metro Goldwyn Mayer soll er Drehbücher schreiben. In der Traumfabrik trifft er auf große Namen wie Dorothy Parker, Humphrey Bogart und Marlene Dittrich. Auch sein einstiger Freund, nunmehr literarischer Rivale Ernest Hemingway ist ganz in der Nähe. Doch der Traum auf die Rückkehr in die Ruhmeshalle und in ein sorgenlosen Leben zerplatzt wie eine Seifenblase. Film-Projekte werden abgebrochen, Fitzgerald von Drehbüchern abgezogen. Seine Name gilt nicht mehr viel. Zwischen all den Prominenten ist er nur noch ein Mitläufer und geringfügig Beschäftigter, ja nahezu eine austauschbare Figur, die man ersetzen und wie ein unliebsames Kulissen-Stück zur Seite schieben kann.

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F. Scott Fitzgerald

Einzig und allein die frische Liebe zu Sheilah, eine Klatsch-Kolumnistin, erfüllt ihn mit Leben. Er beginnt eine Beziehung zu der um einige Jahre jüngeren Frau, die ihn an Zelda erinnert. Die Besuche in der Anstalt und mehrtägigen Reisen mit seiner nervenkranken Ehefrau werden sporadischer. Auch die weite Entfernung zwischen Osten und Westes des riesiges Kontinents trägt dazu bei. Nur Briefe gehen als Kontaktzeichen zwischen der ansonsten zerrissenen Familie hin und her. Doch die noch junge Partnerschaft ist nicht frei von Spannungen: Die Sorgen um den Job und ein geregeltes Einkommen, um auch Schulden abzuzahlen, fressen Fitzgerald auf, er greift öfter zur Flasche, zum Ärger von Sheilah, die trotz seiner Abstürze zu ihm hält, ihn umsorgt und auch nach kurzzeitigen Trennungen zu ihm zurückkehrt. So wie Hollywood eine oberflächliche und schnelllebige Scheinwelt aus Trickserei und Illusionen ist, so ist jedoch auch die Biografie Sheilahs ein Produkt ihrer eigenen Einbildungskraft, stammt sie doch nicht aus gutem Haus, wie sie andere zu glauben vermag.  Zur glamourösen Glitzer-Welt der Stars und Sternchen setzt O’Nan den kritischen Blick hinter die Kulissen, die selbst zwar Großes darstellen, aber meist aus billigem Material sind.

„War nicht jede Welt letztlich eine untergegangene Welt, jede Erinnerung ein Schatz? Als Autor konnte er das in ästhetischer Hinsicht glauben, aber hier, im richtigen Leben, empfand er das nicht so. Was vorbei war, war vorbei.“

Fitzgerald beginnt schließlich, an Erzählungen und einem Roman zu schreiben; meist in den Morgenstunden, am Tisch im Morgenmantel und in Hausschuhen sitzend. Das Schreiben füllt ihn aus, treibt ihn an. Doch auch die Zeitungen, die seine Erzählungen abdrucken könnten, lassen den einstigen Star im Stich. Es hagelt Absagen. Zudem bereiten ihn die Entwicklungen in Europa große Sorgen. Das Dritte Reich unter Hitler zeigt erste Drohgebärden, die schließlich in den Zweiten Weltkrieg münden, der die Welt in den Abgrund reißen wird. Der allzu frühe Tod des Schriftsteller-Kollegen Thomas Wolfe (1900 – 1938,“Schau heimwärts, Engel“)  versetzt ihn zudem in einen Schock.

O’Nan ist ein vielschichtiger und fesselnder Roman gelungen, der den Leser immer weiter in die Geschichte und immer näher an den Helden zieht, vor allem auch durch die Erinnerungen Fitzgeralds, die als Rückblick auf seine nicht immer leichte Kindheit, auf die erste Liebe und auf das spätere illustre Leben an der Seite von Zelda dienen. War man zu Beginn nur ein Beobachter, der das Geschehen aus einer gefühlt langen Distanz betrachtet, rückt man näher und spürt mehr und mehr eine gewisse Betroffenheit angesichts dieses tragischen Schicksals. Fitzgerald war und ist in diesem beeindruckenden Roman, der Zeitporträt und literarische Biografie zugleich ist, bis zuletzt ein Schreibender, ein Getriebener, aber vor allem auch ein Mensch mit Begabungen und Stärken sowie Schwächen und Leiden. O’Nan legt Fitzgerald als letzten Gedanken die Worte „Aber ich bin noch nicht fertig“ in den Kopf. Der Schöpfer von „Der große Gatsby“ starb mit nur 44 Jahren am 21. Dezember 1940 nach zwei Herzinfarkten.

Weitere Besprechungen auf „literaturleuchtet“, „Herzpotenzial“und „Literaturcafé“

Der Roman „Westlich des Sunset“ von Stewart O’Nan erschien im Rowohlt-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Gunkel; 416 Seiten, 19,95 Euro

Fotos: Unsplash/pixabay, Wikipedia

4 Comments

  1. Was mich dazu noch sehr begeistert hat, ist die Tatsache, dass O’Nan seinen Fitzgerald einfach kennt – also die Texte – und durchdrungen hat und die Person Fitzgerald einfach authentisch darstellt, ohne zu sagen, so sei es gewesen. Ein grandioses Buch!

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