Im Blutrausch – Wajdi Mouawad „Anima“

„Die Welt ist groß und weit, doch die Menschen gehen immer ausgerechnet dorthin, wo es ihnen die Seele zerreißt“

Sie wissen ganz genau, was wir tun. Selbst wenn wir uns unbeobachtet fühlen. Sie riechen unseren Schmerz, unsere Furcht. Obwohl wir womöglich weit entfernt von ihnen sind. Tier und Mensch vereint zwar der gleiche Ursprung in grauer Urzeit, doch mit den Jahrmillionen der Evolution haben wir uns voneinander getrennt: Wir sind zu Herrschern und zur Bestie geworden. Weil gewalttätig gegen die Natur und gegen uns selbst. Der kanadische Autor mit libanesischen Wurzeln, Wajdi Mouawad, erzählt darüber in seinem erschütternden und einzigartigen Roman „Anima“.

9783423144636Wahsch Dibsch wird von einem Tag auf den nächsten aus seinem beschaulichen und zufriedenen Leben gerissen. Er findet seine hochschwangere Frau vergewaltigt und bestialisch ermordet in der gemeinsamen Wohnung. Mit Hilfe des Gerichtsmediziners Aubert Chagnon wird er über die Tat und die Ermittlungen der Polizei auf dem Laufenden gehalten. Schnell wird klar, wer als Täter in Frage kommt. Wahsch folgt dessen Fährte, deren Ausgangspunkt ein Reservat der Mohawk-Indianer ist. Er wird dort zuerst mit Argwohn und Hass empfangen, schließlich jedoch von einer Frau in ihrem Haus aufgenommen, wo ein zweiter Mord mit dem gleichen Tatmuster geschieht. Wahsch lernt schließlich Coach kennen, jenen Mann, der im Reservat das Sagen hat, der ihm auch erklärt, warum der Mörder von der Polizei gedeckt wird. Die Jagd durch das Land geht weiter: Wahsch bekommt einen Helfer samt Hund an die Seite und wird zudem mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Schreckliche Erinnerungen tauchen aus der Tiefe seines Bewusstseins empor. Er besinnt sich zurück an den Bürgerkrieg im Libanon, wo er als Kind lebendig begraben und glücklicherweise von einem Sanitäter, seinem späteren Adoptivvater gerettet wurde.

Erzählt wird das Geschehen aus vielen verschiedenen und vor allem ungewöhnlichen Perspektiven, unter anderem von Canis latrans oder Lampyris noctiluca, genauer gesagt von Kojote und Glühwürmchen und vielen weiteren sowohl wilden als auch domestizierten Tieren – ob auf zwei, vier oder acht Beinen, ob aus der Luft oder aus einem sicheren Bau heraus. Und sie sind mehr als nur reine Beobachter. Dank ihrer sensorischen Fähigkeiten spüren sie auch Gefühle und Stimmungen anhand des Geruches, der Mimik und Gestik sowie der Stimme. Zu Wahsch bauen einige der tierischen Beobachter und Begleiter eine besondere Beziehung auf, als ob Mensch und Tier sich gegenseitig verstehen und die Nähe zueinander suchen. Im indianischen Glauben gibt es die spirituelle Idee,  dass jeder Mensch ein unsichtbares Tier an seiner Seite hat. Wahsch wird diesen treuen Begleiter nach dem blutigen Aufeinandertreffen mit dem Mörder seiner Frau finden. Dieses Geschöpf wird im dritten Teil des Romans – in den beiden vorherigen kommen mehr als 50 Tiere in mal längeren mal kürzeren Szenen zu Wort – die Erzählerstimme übernehmen und davon berichten, wie Wahsch die wahre Geschichte seiner Rettung in Kindertagen letztlich erfährt. Eine, die auf einer Lebenslüge aufgebaut ist und das Ende eines entsetzlichen Gewaltausbruchs bildet.

„Er sprach von der durchlässigen Linie, die Menschen und Tiere trennt, und von den Linien auf den Gesichtern der Lebenden. Er sprach von den Linien, die uns hervorbringen und uns zerstören, von Falten, Runzeln, Markierungen, Grenzen, Demarkationslinien. Er sprach von Linien, die uns retten, Leitlinien, Notenlinien, Ziellinien, und von den Linien, die uns fehlen, den verblichenen weißen Linien auf der Straße unseres Lebens, den Linien, die für unsere im Labyrinth unseres Selbst verirrten Seelen unsichtbar sind.“

Denn Gewalt ist das große Thema dieses fesselnden und auch sprachgewaltigen Romans, der nichts für Leser mit schwachen Nerven ist. Grausamkeit und Schmerz, Leid und Tod finden sich nicht nur in den Zeiten des Krieges, in Wahschs Kindheitstrauma und in den Taten des Mörders. Gewalt ist letztlich nahezu überall und alltäglich, auch im Umgang mit den Tieren, die gequält werden. Der Autor lässt diese Szenen in all ihren Einzelheiten und in ihrer Körperbetontheit vor dem Auge des Lesers entstehen. Es fließt viel Blut, Körperteile und Organe werden zerfetzt – ohne Erbarmen, ohne Anzeichen von Menschlichkeit, in einem Rausch der Mord- und Machtlust. Allzu deutlich treten die Bilder hervor, deutlicher als es jeder Horrorfilm vermag. Man wird von dieser tieftraurigen und weisen Geschichte wie ein Magnet angezogen. Gleichzeitig stoßen diese entsetzlichen Geschehnisse einen förmlich ab. Sie sind nur schwer zu ertragen und bedrücken, die innerliche Erschütterung ist groß. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier wird klar. Die Tiere töten der Nahrung und des Überlebens Willen – auch Jäger-Beute-Szenen werden detailreich erzählt. Unsere Motivation ist hingegen eine ganz andere und meist von dunklen Gefühlen und Gedanken geleitet, oft auch unberechenbar.

Mouawad, Jahrgang 1968 und als Dramatiker sehr erfolgreich, hat den Bürgerkrieg in seinem Heimatland, dem Libanon, als Kind erlebt. Als Achtjähriger kam er über Frankreich nach Kanada – genau wie der Held in seinem Roman. Wer dieses Werk liest, wird eine besondere Leseerfahrung machen. Doch dafür braucht es einen Willen und eine gewisse Kraft, jene schrecklichen Szenen durchzustehen. Denn es ist nur sehr schwer zu ertragen, gezeigt zu bekommen, zu welch grauenhaften Taten der Mensch fähig ist. Das beweist indes nicht nur dieser außergewöhnliche Roman, sondern die Geschichte und die Gegenwart der Menschheit im Allgemeinen.

 

Der Roman „Anima“ von Wajdi Mouawad erschien bereits als Taschenbuch im dtv-Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Sonja Finck; 448 Seiten, 9,99 Euro

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