Hesse – der Maler: Ausstellung im Kunsthaus Apolda

„Nicht, dass ich mich für einen Maler halte, aber das Malen ist wunderschön. Man hat nachher nicht wie beim Schreiben schwarze Finger, sondern rote und blaue.“

„Der Steppenwolf“, „Narziß und Goldmund“, „Das Glasperlenspiel“, „Siddhartha“: Lang ist die Liste der Werke, die Hermann Hesse (1877 – 1962) zu Weltruhm verholfen haben. Sie sind Teil eines Kanons, stehen auf der Lektüreliste von Schülern und Studenten. Doch dass der Literaturnobelpreisträger und mit 150 Millionen verkauften Bücher einer der erfolgreichsten Autoren aller Zeiten auch gemalt hat, wissen wohl nur wenige. Mich eingeschlossen – bis zu jenem Tag, als ich das Kunsthaus Avantgarde im thüringischen Apolda besucht habe. Noch bis zum 2. Juli ist dort die Ausstellung „Hermann Hesse … aber das Malen ist wunderschön!“ zu sehen. Begleitet werden die erstmals öffentlich gezeigten und im Nachlass des Dichters und Schriftstellers gefundenen Aquarelle von Fotografien des Sohnes Hesses, Martin Hesse.

Hesse war ungefähr in der Mitte seines Lebens angelangt und in einer seelischen Krise, als er die Malerei für sich entdeckte. Der Erste Weltkrieg tobte. Hesse illustrierte handgeschriebene Gedichte mit kleinformatigen Aquarellen, die er an Sammler und Kunstliebhaber verkaufen konnte. Der Erlös floss in Bücher und Hilfsgüter für Kriegsgefangenenlager, später trug das Geld zum Lebensunterhalt bei.  In der Ausstellung zu sehen: zwölf illustrierte Gedichte, darunter „Vergänglichkeit“ und „Welkes Blatt“, sowie die 18 Blätter des illustrierten Märchens „Piktors Verwandlung“. Das Werk, 1922 verfasst, widmete Hesse seiner Geliebten und späteren Ehefrau, der Sängerin Ruth Wenger, und wurde erst nach 1954 vervielfältigt – als Faksimile im Suhrkamp Verlag, Ende der 70er Jahre schließlich mit einer Taschen-Ausgabe des Insel Verlags.

Illustrierte Gedichte und ein Kunstmärchen

Die Landschaftsbilder Hesses nehmen mehrere Räume des Kunsthauses ein. Die malerische Tessiner Landschaft, Hesses Wahlheimat, bot unzählige Motive. Zwar beschreibt er sich in Sachen bildender Kunst als Dilettant, allerdings gelingt es ihm mit den Jahren, einen eigenen, vor allem dem Expressionismus verhafteten Stil zu finden. Mit etwas Fantasie erkennt man in seinen Bäumen große Kugeln Zuckerwatte, erinnern die Berge an riesige Wellen. Alle Bilder faszinieren mit ihrer farbigen Leuchtkraft sowie der Verbindung zwischen Landschaft und Architektur. Zitate an den Wänden des Kunsthauses erzählen von der Konzentration Hesses, mit Farben und Pinsel zu arbeiten, sowie der Verknüpfung von Malerei und Literatur. An einer der Wände über einem großformatigen Foto des Literaturnobelpreisträgers ist zu lesen: „Ich habe eine Anzahl von Manuskripten mit kleinen Handzeichnungen hergestellt. Ihr Wert ist kein artistischer, er liegt einzig darin, daß Gedicht und Bild hier völlig aus einer Hand und Handschrift kommen, aus demselben Empfinden, also eine Einheit bilden, die sonst zwischen Text und ‚Illustration‘ nie da ist.“

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Ein zweiter, nicht minder eindrucksvoller Fokus auf eine eher unbekannte Seite des Schriftstellers setzt die Ausstellung mit Fotografien von Hesses Sohn Martin. 1911 als dritter Sohn des Autors und dessen erster Frau, der Schweizer  Fotografin Maria Bernoulli (1868–1963), geboren, wand er sich während seines Studiums am Bauhaus in Dessau der Fotografie zu, die schließlich sein Beruf wurde. Zu seinen Auftraggebern zählten neben Werbeunternehmen auch Museen, Bibliotheken und Sammler. Der „Poet der Kamera“, wie Martin Hesse genannt wird, hielt den Vater an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Tätigkeiten fest. Als Maler, Weinbauer und Gärtner. Auch Hesses Enkelin Sybille ist auf einigen der Aufnahmen mit ihrem berühmten Großvater zu sehen. Viele der Bilder zeigen den Schriftsteller in stillen, hingebungsvollen Momenten und gewähren Einblicke in eine enge Vater-Sohn-Beziehung. Martin Hesse sollte seinen Vater nur um wenige Jahre überleben: 1968 wählte er den Freitod, infolge schwerer Depressionen.

In der Natur versunken

Einige der Aufnahmen geben Einblicke in eine weitere Leidenschaft Hesses: die Gartenarbeit, die für ihn die Möglichkeit der Meditation, der Versunkenheit in die Natur bot. Die Ausstellung, die von einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm begleitet wird und zu der auch ein Katalog erschienen ist, schlägt damit auch einen Bogen zur thüringischen Landesgartenschau in Apolda, die vom 29. April bis zum 24. September besucht werden kann.


„Hermann Hesse – aber das Malen ist wunderschön“ ist bis zum 2. Juli im Kunsthaus Avantgarde in Apolda zu sehen. Öffnungzeiten: Dienstag bis Sonntag (auch an Feiertagen) jeweils von 10 bis 17 Uhr

3 Comments

  1. Sehe gerade, dass die nächste Ausstellung über Hannah Höch sein wird. Das ist sicher unbedingt sehenswert.
    Und tatsächlich habe ich mich richtig erinnert: Es gab 2001 schon mal eine Hesse-Ausstellung, die ich mir angesehen hatte. Damals lebte ich ja noch in Erfurt.
    Schöne Ostertage!

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