Raubbau – Annie Proulx „Aus hartem Holz“

„Einst hatten endlose Wälder den Horizont gefüllt. Nun gab es Dutzende Straßen, und der Wald war ein ferner Schatten.“ 

Zwischen zwei Ozeanen ein Meer aus Bäumen: So sollte man sich Nordamerika vorstellen – bevor der Kontinent nach der Entdeckung von Christoph Kolumbus besiedelt wurde. Riesige Wälder wurden in kürzester Zeit vernichtet – wegen des Holzes und für Grund und Boden der Siedler. Welchen Tribut das Land zwischen Atlantik und Pazifik sowie die Ureinwohner zahlen mussten, erzählt die kanadisch-US-amerikanische Autorin Annie Proulx in ihrem neuen Roman „Aus hartem Holz“

Um die Pulitzer-Preisträgerin und Gewinnerin des National Book Award (jeweils für ihren Roman „Schiffsmeldungen“) war es in den vergangenen Jahren ruhig geworden. Zuletzt waren 2011 ihre Memoiren unter dem Titel „Ein Haus in der Wildnis“ erschienen. Jene Jahre scheint sie intensiv für die Recherche für ihr neuestes Werk und dessen Niederschrift genutzt zu haben. Denn wie einige andere ihrer amerikanischen Schriftsteller-Kollegen meldet sie sich mit einem dicken Wälzer zurück, der es wahrlich in sich hat. Sie spannt den zeitlichen Bogen weit und versammelt zahlreiche Helden, die jedoch eines gemeinsam haben: Ihr Leben und das ihrer Familie rankt sich, wie es der Titel schon verrät, um den Wald, die Bäume und das Holz.

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Den Beginn setzen René Sel und Charles Duquet, die im Jahr 1693 ihre französische Heimat verlassen, um in Neu-Frankreich, dem heutigen Ost-Kanada, ihr Glück zu suchen. Zu Beginn Leibeigene eines Lehnsherren, trennen sich nach kurzer Zeit ihre gemeinsamen Wege: René erhält ein eigenes Stück Land, heiratet mit Maria eine Indianerin aus dem Stamm der Mi’kmaq, die zugleich als Heilpflanzen-Kennerin bekannt ist. Charles hingegen flieht und versucht sich erst im Pelzhandel, später in der Holzindustrie und reist sogar ins ferne China. Keiner kann zu dieser Zeit ahnen, dass über die folgenden mehr als drei Jahrhunderte die folgenden Generationen immer wieder aufeinandertreffen, sich die beiden Linien an einer Stelle sogar kreuzen werden. In den beiden Familien spiegeln sich die unterschiedlichen Schicksale und Lebenswege wider: Auf der einen Seite lernen die Sels als Nachfahren ihres Stammes die Unterdrückung, Demütigung und den Schmerz der indigenen Völker kennen, der sich über die Jahre und Jahrzehnte in die Seele der Generationen einschreibt. Im Gegensatz dazu entsteht aus den ersten Bemühungen Duquets ein Familienunternehmen, das mit der Zeit zu „Duke & Sons“, einem Imperium aus einem Netz unzähliger, nahezu über den gesamten amerikanischen Kontinent verstreuter Holzfäller-Lager und Sägemühlen, heranwächst, später als eine Kapitalgesellschaft auch international und in verschiedenen Branchen, so im Hausbau und der Papierwirtschaft, agiert.

„Was er sie lehrte, war kein echtes Leben; es war nur eine Art Spiel, dachte er schwermütig. Die Welt, die er ihnen näherbringen wollte, war vergangen, wie Rauch die ersterbende Glut verlässt, der er entstammt.“

Immer geht es um Profit und die Suche nach begehrten Holzarten und neuen Waldvorkommen, die man ausplündern kann. Die Industrialisierung und neue Maschinen beschleunigen dieses ökologische Desaster. Zeitgleich sorgen die unzähligen Siedler, die ins Land kommen, zusätzlich für das Verschwinden der Bäume, zumeist uralter Bestände. Der Vergleich mit riesigen Heuschrecken-Schwärmen, die rücksichtslos über das Land fallen, wird an keiner Stelle des Buches erwähnt, aber er könnte durchaus das traurige Geschehen beschreiben.  Es ist ein Wettkampf, der vor allem zwei Verlierer kennt: die Natur und die Indianer, die im Einklang mit ihr leben, nach und nach jedoch vertrieben, zu billigen Lohnsklaven missbraucht, Opfer brutaler Gewalt werden und ihre Identität verlieren. Der Leser begleitet dabei das Leben herausragender Personen beider Familien. Jinot Sel überlebt einen riesigen Brand und erlangt das Vertrauen eines Unternehmers, der Äxte herstellen lässt. Beide reisen nach Neuseeland. Dieter Breitsprecher, aus Deutschland stammend und Experte in der Forstwirtschaft, wird mit Lavinia eine Duke heiraten und bringt den Gedanken der Wiederaufforstung über den großen Teich und weiß um die Zusammenhänge zwischen Abholzung und Erosion. Sie ist hingegen die erste Frau, die in dem Unternehmen Zeichen setzen soll.

Doch beide Familien suchen immer wieder tragische Schicksalsschläge heim: mal sind es schwere Krankheiten, mal sind es Unglücke, mal ist es der Krieg. Jede Zeit hat ihre eigenen Gefahren. Viele der Holzfäller und Trifter bezahlen ihren Einsatz mit dem Leben. Und nicht immer herrscht Harmonie in den Familien. Es gibt Streit und Missgunst, vor allem zwischen den Dukes, die nahezu alles haben, während die Nachfahren der Sels immer wieder auf der Suche nach den Familien-Wurzeln und ihrer Identität sind. Nicht nur hier wird deutlich, wem die Sympathie der Autorin gilt. Zwei verschiedene „Töne“ schlägt Proulx an. Erinnern die Kapitel zu den Dukes mit ihrem oft auch leicht bissigen Humor und überzeichneten Charakteren an Charles Dickens – er findet sich im Übrigen mit der Benennung seines Romans „Nicholas Nickleby“ genauso wieder wie der Klassiker „Alice im „Wunderland“ -, zeigen sich die Beschreibungen der Erlebnisse der Sels in einer eher von Melancholie getragenen stets respektvollen Stimmung.

„Aus hartem Holz“ ist ein Pageturner sondergleichen und ein großartiges Epos über die Besiedlung Amerikas, das den Fokus auf zwei bis heute aktuelle wie wichtige Themen lenkt: die Ausbeutung und Verdrängung der Indianer sowie den gewissenlosen Raubbau am unbezahlbaren Schatz der Natur, dem das ökologische Bewusstsein und wirkungsvolle Schutzmaßnahmen, die in den letzten Kapiteln vor allem in der Gestalt der Sapatisia Sel beschrieben werden, gegenüberstehen. Proulx scheut sich nicht, Kritik zu üben, die Fratze des menschenverachtenden Kapitalismus und die Gefahren der Globalisierung, die es nicht erst seit dem 20. Jahrhundert gibt, vor Augen zu führen.  Nur einen kleinen Wunsch hätte der Leser wohl für kommende Ausgaben: einen Stammbaum beider Familien, denn allzu viele Personen und Generationen lernt man kennen.

Auf dem Blog „Leseschatz“ berichtet Hauke Harder ebenfalls über den Roman.


Annie Proulx: „Aus hartem Holz“, erschienen im Luchterhand Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Melanie Walz;  896 Seiten, 26 Euro

Foto: Victor Hanacek/picjumbo

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