Zwei Welten – Ursula K. Le Guin „Freie Geister“

„Und zu wissen, dass man sein Leben erfüllt hat, ist seltsam, ungeheuer seltsam.“

Science Fiction führt in der Literatur leider noch immer ein Nischendasein.  Dies wird mit Blick in die Buchbesprechungen der Feuilletons und bei regelmäßigen Streifzügen durch die Buchhandlungen erkennbar. Die Regale mit den Titeln sind meist versteckt und müssen sich die räumliche Nähe zum Bereich Fantasy gefallen lassen. Dabei vermag auch Science Fiction, gesellschaftliche Diskussionen zu entfachen, wie es Romane von renommierten Autoren oder sogar Klassiker können. Eines dieser tiefsinnigen Bücher ist der Roman „Freie Geister“ der amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin, der nun in einer neuen Übersetzung im neuen Programm „Tor“ des Fischer Verlages erschienen ist. 

Mit National Book Award geehrt

Le Guin, 1929 im kalifornischen Berkeley geboren, gilt als die große Dame der amerikanischen Science-Fiction-Literatur. Für ihren Roman „Das ferne Ufer“ („The Farthest Shore“, 1972) erhielt sie den National Book Award, für „Die linke Hand der Dunkelheit“ („The Left Hand of Darkness“, 1969) und eben für „Freie Geister“ („The Dispossessed“, 1974) wurde sie jeweils sowohl mit dem Hugo- als auch mit dem Nebula Award geehrt, zwei der renommiertesten internationalen Ehrungen in diesem Genre.

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Im Zentrum von „Freie Geister“ stehen die beiden Nachbarplaneten Anarres und Urras, die auch die Schauplätze des Geschehens bilden, jedoch nicht unterschiedlicher sein können. Während auf Urras eine reiche Vegetation und Tierwelt existieren, ist die Evolution auf dem kargen Planeten Anarres nicht über Fische und blütenlose Pflanzen hinausgekommen. Er wurde vor über 150 Jahren von Urras aus besiedelt – von Anhängern Odos, einer Frau, die in ihren Schriften den Anarchismus als einzige Gesellschaftsform, in der der Mensch wirklich frei sein kann, beschrieben hat. Sie wurde auf Urras inhaftiert, die Besiedlung des Nachbarplaneten durch ihre Anhänger hat sie nicht mehr erleben dürfen. Auf Anarres leben die Menschen ohne Gesetze und ohne gesellschaftliche Konventionen und Stände. Mann und Frau sind vollkommen gleichgestellt. Besitz gibt es nicht, alles wird geteilt und bei Bedarf von Lagern aus verteilt. Die Arbeit wird je nach Eignung von einer zentralen Stelle zugewiesen. Das gesellschaftliche und politische Leben auf Urras hingegen erinnert sehr an den Kapitalismus auf der Erde: mit Ober- und Unterschicht, privilegierten Bürgern und Menschen in Armut. Der einzige Austausch zwischen beiden Planeten geschieht in Form von Raumschiffen, die wertvolle Erdmetalle, die in den Bergbau-Regionen von Annares gefördert werden, mehrmals im Jahr nach Urras transportieren.

Wissenschaftler und Hoffnungsträger

Held des Romans ist der Physiker Shevek, dessen Kindheit und Jugend sowie späteres Wirken als bekannter Wissenschaftler erzählt wird. Das Geschehen setzt ein mit der Reise Sheveks nach Urras, um dort einen Preis entgegenzunehmen und an einer Universität des Staates A-Jo zu lehren. Seine Hoffnung ist es, dass die Bewohner beider Planeten trotz zweier unterschiedlicher Sprachen stärker miteinander kommunizieren, die Mauern zwischen sich abbauen. Auf Urras hofft man hingegen, dass der Physiker mit seiner Theorie der Zeitlichkeit die technische Entwicklung vorantreiben wird. War Shevek noch zu Beginn seines Aufenthaltes begeistert vom Leben auf Urras, werden mit der Zeit in ihm Zweifel an seiner eigenen Rolle laut. Er flieht aus dem goldenen und sicheren Käfig, den ihm Wissenschaftler bieten, und wird für die Mächtigen und Privilegierten zu einem Sicherheitsrisiko, weil er nicht nur wissenschaftliche Kenntnisse, sondern auch Ideen und Gedanken für einen gesellschaftlichen Wandel mitgebracht hat und für die Armen als Hoffnungsträger gilt.

„Wer ein Versprechen bricht, leugnet die Realität der Vergangenheit und damit die Hoffnung auf eine wirkliche Zukunft. Wenn Zeit und Denken jeweils eine Funktion des anderen sind, wenn wir Geschöpfe der Zeit sind, dann sollten wir das auch wissen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Verantwortlich zu handeln.“

Doch Le Guin zieht den Anarchismus auf Anarres keineswegs der Gesellschaft auf Urras vor. Vielmehr muss Shevek erkennen, dass die reale Umsetzung von Odos Ideen keineswegs ideal sind, sondern viele Schattenseiten hat. Weder leben die Menschen auf Anarres in völliger Freiheit, noch ist jeder Mensch dem anderen gleichgestellt. Es herrschen hierarchische Machtgefüge und -beziehungen, die Einfluss auf das Leben aller haben: Shevek kann seine wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht frei und ohne Einschränkung publizieren, da sein einstiger Mentor Sabul ihm vor allem aus Missgunst Steine in den Weg legt. Mehrere Jahre wird er von seiner Frau Takver und seiner Tochter getrennt, weil beide in verschiedenen Regionen des Planeten arbeiten müssen. Wo ein Bewohner eingesetzt wird und nützlich ist, errechnet ein Computer, selbst die Namen der Neugeborenen spuckt der Rechner aus.

Achtbändiger Zyklus

„Eine zwiespältige Utopie“ heißt denn auch der Untertitel des Romans. Zwei Ideologien aus zwei verschiedenen Gesellschaften stehen sich gegenüber. Mit mehreren Hinweisen ordnet die amerikanische Autorin für den Leser das Geschehen zur Erde, auf der wir bekanntlich leben, ein. Urras und Terra, die Erde, wurden in Vorzeiten von den menschenähnlichen Bewohnern des Planeten Hainisch besiedelt. „Freie Geister“ bildet einen Band des insgesamt acht Werke umfassenden Hainish-Zykluses, kann allerdings auch unabhängig von den weiteren Titeln gelesen werden. Shevek trifft auf Urras zudem eine Abgesandte und Botschafterin der Erde, die ihm schließlich die Rückkehr auf Anarres ermöglicht und ihm auch von der düsteren Gegenwart der Erde und der Vernichtung der Menschheit erzählt. An einigen Stellen finden sich zudem Verweise auf Einstein und seine Relativitätstheorie. Die Vergangenheit, Sheveks Kindheit, Jugend und das Wirken auf Annares, sowie die Gegenwart, seine Erlebnisse auf dem Nachbarplaneten, verwebt die Autorin sehr geschickt. Abwechselnd springt der Leser während der Lektüre zwischen den Zeiten und Planeten, wird so ein Spannungsbogen geschaffen und zugleich die beiden Gesellschaftsformen gegenübergestellt. Am Ende trifft das Gestern mit dem Heute – die Entscheidung für die Reise nach Urras und der Stadt sowie die Rückkehr Sheveks – aufeinander. Sind die Beschreibungen der Schauplätze plastisch und erschaffen sie eindrucksvolle Bilder einer Fantasie-Welt, findet sich der Gedankenkosmos dieses herausragenden Romans in den zahlreichen Dialogen, die viele tiefsinnige Passagen beinhalten. Wer in Büchern gern Notizen macht, die Seiten mit bunten Post-its markiert, wird mit diesem Roman sehr viel Arbeit und Vergnügen haben – vor allem zur Freude all jener, die sich mit Gesellschaftsformen und Utopien beschäftigen. „Freie Geister“ widmet sich den Themen Zeit und Vergänglichkeit, dem Menschen in der Gesellschaft, Liebe und Freundschaft, Macht und Moral.

Amerikanische Traditionsmarke

Dass der Fischer Verlag mit seinem 2016 ins Leben gerufenen Programmbereich „Tor“ mit Titeln aus dem Genre Science Fiction und Fantasy in Anlehnung an die amerikanische Traditionsmarke nun auch diesen Klassiker wieder zurück ins Bewusstsein bringt, ist ein großes Glück; verbunden mit der großen Hoffnung, dass Science Fiction endlich aus ihrem Schattendasein herausgeholt wird. Dafür braucht es begeisterte Leser, dafür braucht es anspruchsvolle Titel. Mit „Freie Geister“ und den weiteren Werken Le Guins, die hoffentlich nach und nach wieder aufgelegt werden, gibt es mehr als nur eine Basis, sondern einen Schatz, den es zu heben gilt.


Ursula K. Le Guin: „Freie Geister“, erschienen im Fischer Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karen Nölle; 432 Seiten, 14,99 Euro

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