Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen“

„Gerade der Rhythmus der Worte erzeugte in mir eine unbekannte Art von Rausch (…).“

Wurzen – die Stadt an der Mulde. Bekannt für Joachim Ringelnatz, Kekse und Kurzkoch-Reis; der Milchreis ist im Übrigen sehr empfehlenswert. Wurzen ist die Große Kreisstadt des Landkreises Leipzig, die Messestadt mit ihrem Trubel ist also sehr nah, sowie die Geburtsstadt des Schriftstellers Bernd Wagner. Hier kommt er 1948, drei Jahre nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, zur Welt, hier wächst er auf und verbringt Kindheit und Jugend. Sowohl dieser sächsischen Stadt in der Provinz als auch der Geschichte seiner Familie widmet er sich auf sehr persönliche Weise in seinem aktuellen und autobiografischen Roman „Die Sintflut in Sachsen“.

Von Krieg und Teilung

Dabei ist es ein trauriger Anlass, der den Erzähler und Autor, mittlerweile im bunten Berlin-Kreuzberg heimisch geworden, dazu bringt, ihn sogar vielmehr zwingt, die mittlerweile fremd gewordene Heimat wieder aufzusuchen. Seine Mutter hat einen schweren Schlaganfall erlitten und liegt im Krankenhaus. Erinnerungen kommen auf, finden ihren Weg in die Gedankenwelt des Autors, der die jüngste Vergangenheit mit einem weit früheren Ereignis zu Beginn seines Romans kombiniert und mehr als 60 Jahre überwindet: Sein Vater Rudolf kehrt aus dem Krieg zurück, unversehrt und auf besonders durchtriebene Weise. Das Land ist gezeichnet von der Zerstörung und zu einer Trümmerlandschaft geworden, ganze Straßenzüge sind verwüstet. Der Osten wird zur sowjetischen Besatzungszone erklärt, aus der 1949 die DDR entsteht.  Ein Jahr zuvor wird Max geboren, der Ich-Erzähler der Romans, der zweifellos dem Autor entspricht, wie er selbst in einem Interview bestätigt hat. Er ist der Benjamin der Familie, Bruder von drei älteren Geschwistern, Hans und Christa sind treue Angehörige der sozialistischen Gemeinschaft der Deutschen Demokratischen Republik, Rosi ist hingegen als Jugendliche weit vor dem Mauerbau in den Westen „abgehauen“.

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Doch nicht nur die Teilung Deutschlands hat sich in die Familie gegraben – Wagner verlässt zudem selbst wenige Jahre vor der Wende die DDR -, auch der Krieg hat Spuren hinterlassen. Vieles wird verschwiegen, vieles bleibt für den Jungen rätselhaft und für den späteren Erwachsenen ein Thema, das ihn weiter umtreibt. Allen voran die Haltung der Familie zu den Verbrechen der Nazis, zur Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Dieser Kontrast zwischen der Sicht des Kindes und Jugendlichen sowie der Blick als Erwachsener erscheint prägend für die Handlung. Episodenhaft erzählt Wagner von Kindheit und Jugend, von seinem Werden zu einem Schriftsteller. Denn die Sprache und die Literatur haben es ihm früh angetan, angestachelt von den Deutschlehrern sowie seiner Schwester Rosi, die ihn aus dem Westen mit Büchern versorgt, die es in der DDR nicht einmal als Bückware „unter dem Ladentisch“ gibt, sondern über die Grenze geschmuggelt werden muss.

Wer im „Osten“ aufgewachsen ist, wird viele dieser markanten Erinnerungen teilen: der besondere Duft der Westpakete, das blutreiche Ereignis Haus- und Hofschlachtung, der Versuch, eine verunstaltete Fichte oder Tanne in einen halbwegs adretten Weihnachtsbaum zu verwandeln, in dem Löcher in den Stamm gebohrt und diese mit Ästen bestückt werden.  Dabei waren die Eltern keineswegs „angesehene“ DDR-Bürger. Sie führten eine Schmiede, in der Pferde beschlagen wurden und Räder für Wagen entstanden waren und die einst Großvater Max, Waisenkind und Geselle, von seinem damaligen Chef und Besitzer als Erbe in die Hände gelegt bekam. Eigenständige Handwerker, die eigene Betriebe geführt haben, waren dem Arbeiter-Bauern-Staat, der sich der sogenannten volkseigenen Produktion verschrieben hatte, ein Dorn im Auge. Die geografischen wie ideologischen Grenzen seines Heimatlandes lernt der Erzähler schnell kennen. Auch die cholerische Ader seines Vaters, der regelmäßig Stammgast der Kneipen ist, prägt Kindheit und Jugend.

„Zu den Eigenschaften des Lebens schien die fatale Tendenz zu gehören, sich zu verflüchtigen, sei es durch den Tod, durch das Abhaun in den Westen oder in die Kneipe, wie im Falle meines Vaters.“

Die spätere Wende und die folgenden Jahre – Wagner ist längst in West-Berlin zu Hause und hat mehrere intime Beziehungen erfahren – können die nahezu fünf Jahrzehnte Mangelwirtschaft nicht aufholen. Die einstigen Großbetriebe, die Hunderten, manchmal Tausenden von Männern und Frauen eine Arbeit geboten haben, gibt es meist nicht mehr. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Auch darüber schreibt der Schriftsteller, der zu seinen Geschwistern, die im Osten geblieben sind, ein gespanntes Verhältnis hat. Während die Mutter im Krankenbett den niedergeschriebenen Erinnerungen ihres kreativen Sohnes stolz lauscht und die eine oder andere ergänzende Bemerkung macht, lebt die einst enge Freundschaft mit Dittscher, mit dem Wagner in der Jugend durch dick und dünn gegangen ist und der nicht auf den grünen Zweig gekommen ist,  indes wieder auf.

Humor vs. Melancholie

Wagner, der seit den 70er-Jahren Texte unterschiedlicher Genres veröffentlicht und nach seinem Studium in Erfurt als Lehrer in einem märkischen Dorf gearbeitet hat, lässt den durchaus sympathisch wirkenden Ich-Erzähler in einer stets farbigen und bilderreichen sowie einer sowohl augenzwinkernden als auch groben Sprache berichten. Für die traurig stimmenden Tragödien in der wechselvollen Familiengeschichte findet er hingegen einen melancholischen, dem Anlass und der tiefen Trauer würdigen Ton. Auch das Sächsische, der leider unpopulärste deutsche Dialekt, wird keineswegs vergessen: Die Protagonisten dürfen nuscheln und die Konsonanten weicher erklingen lassen, auch sächsische „Fachbegriffe“ wie „Gusche“ oder „ditschen“ finden Eingang. Erst das Ende erklärt den Titel des Romans: Die große Flut im Sommer 2002, auch Jahrhunderthochwasser genannt, die Verwüstung in zahlreiche Städte und Dörfer gebracht hat, schließt als ein markantes Natur-Ereignis der jüngsten Vergangenheit den Bogen der Familien- wie Stadtgeschichte, die über rund 60 verflossene Jahre auf beeindruckende und sehr persönliche Weise erzählt. Wobei der Roman keineswegs nur den einstigen DDR-Bürgern eine eindrückliche Lektüre bereiten wird.


Bernd Wagner: „Die Sintflut in Sachsen“, erschienen bei Schöffling & Co.; 432 Seiten, 24 Euro

Foto: pixabay

3 Gedanken zu „Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen““

  1. Ich danke Dir für diese Rezension und Empfehlung. Das klingt nach einem Roman, der mich sehr interessieren wird – wieder, wie schon einmal – sowohl weil ich Romane, in denen persönliche und familiäre Geschichte mit historischen Ereignissen verknüpft werden, viel abgewinnen kann, als auch wieder durch biografischen persönlichen Bezug – von Wurzen hat mein Opa viel erzählt, ich selbst lebte meine ersten Lebensjahre in Halle.
    „Das Weiszheithaus“, das Du vor einigen Wochen rezensiert und empfohlen hast, habe ich übrigens mit Interesse gelesen, auch wenn ich durchaus hier ein Personenregister mit Seitenangabe gut gefunden hätte, im den Lebensweg einzelner Personen über die Kapitel weg besser verfolgen und noch einmal zur entsprechenden Seite zurückblättern und noch einmal lesen zu können.

    Gefällt 1 Person

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