Abhängig – Katrine Engberg „Krokodilwächter“

„Monster verstecken sich im Schatten, nicht in der Sonne.“

Mit Blick auf seine Gestalt ist dieser Vogel ein Winzling, gerade mal rund 20 Zentimeter groß. Doch furchtlos wagt er sich auf den mächtigen Leib der Krokodile, um dort nach Nahrung zu suchen. Für das gefährliche Reptil ist diese Form der Körperpflege willkommen.  Eine tierische „Freundschaft“ der besonderen Art, wie es sie viele unter der Bezeichung „Symbiose“ in der Natur gibt. Doch seinen Namen hat der in Afrika heimische Krokodilwächter aus einem ganz anderen Grund: Er warnt mit seinem Ruf vor Gefahren. Die Dänin Katrine Engberg hat ihr Krimidebüt nach dem Vogel benannt. Und das nicht ohne Grund. Denn diese speziellen Beziehung zwischen dem vermeintlichen David und Goliath gibt es auch in der Welt der Menschen. 

Doch erst im letzten Teil des Romans wird sein ungewöhnlicher Titel erklärt. Dies an dieser Stelle zu verraten, tut für kommende Leser der Spannung während ihrer Lektüre keinen Abbruch. Denn natürlich wird nicht ausgeplaudert, wer die junge Literaturstudentin Julie getötet, ihren reizenden Körper mit einem Messer noch vor ihrem Tod mit zahlreichen Stichen an zahlreichen Stellen übel zugerichtet hat. Die beiden Ermittler der Kopenhagener Polizei, Jeppe Kørner und Anette Werner, sind jedenfalls trotz ihrer Berufserfahrung schockiert, als sie die Leiche im Haus der Seniorin und Vermieterin Esther de Laurenti erblicken. Die ältere Dame lebt allein – mit zwei Möpsen an ihrer Seite. Sie und ihr junger Gesangslehrer, der musikalisch talentierte Kristoffer, reagieren auf unterschiedliche Weise auf den grausigen Mord in dem Haus.  Als wenig später auch Kristoffer tot in einem Kronleuchter im Theater – einer der wohl ungewöhnlichsten Fundorte – entdeckt wird, müssen Kørner und Werner sowie ihr Team gründlich umdenken. Denn bis dato galt Kristoffer als Verdächtiger in ihrem Fall, der sich mehr und mehr als äußerst verzwickt darstellt.

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Denn nichts ist, wie es erscheint, es der erste Eindruck vermittelte. Denn was hat es mit dem ominösen Romanentwurf zu tun, an dem Esther de Laurenti schreibt und der den Mord an Julie sehr detailreich erzählt? Einige Passagen begleiten denn auch den eigentlichen Erzählstrang der Handlung. Welche Rolle spielt in der ganzen Geschichte der Vater der toten Studentin, die nicht jene Person ist, wie viele glauben, und dessen Bekannter, der großspurige Künstler Kingo? Und wie kommen die Fingerabdrücke Kristoffers samt Hinweisen, dass der Täter Gummihandschuhe getragen hat, in Julies Wohnung, wenn der junge Mann nicht der Täter sein kann? Fragen über Fragen, die das Duo vor einer kniffligen Herausforderung stellen und sogar eine Reise auf die kargen und abgelegenen Färöer Inseln erfordern, wo vor einiger Zeit der einstige Freund Julies tot aufgefunden wurde und die ersten Zeichen auf Selbstmord deuten.

Obwohl im Vergleich zu anderen Kriminalromanen, in denen bis zum Schluss die Identität des Täters im Dunkeln bleibt, ist es für das Polizeiteam und damit für den Leser schon früh klar, in welche Richtung die Ermittlungen führen, vermag es Engberg, die Spannung in ihrem Erstling zu halten und sogar zu steigern.  Denn die Suche nach dem Mörder wird von Fragen um die Identitäten jener Menschen, die mit dem Fall zu tun haben, begleitet. Der Roman ist vor allem ein psychologischer, der sehr genau in das Seelenleben der Protagonisten schaut; allen voran Kørner, dessen Charakter sehr stark im Fokus steht und herausgearbeitet wird. Im Gegensatz zu seiner Partnerin Werner, die in einer glücklichen Beziehung lebt, hat er die Trennung von seiner langjährigen Partnerin zu verarbeiten, die ihn verlassen hat. Er stürzt sich in eine Affäre, um sich selbst seine Männlichkeit zu beweisen und Lebendigkeit zu spüren. Des Weiteren hinterfragt er sein Leben, seinen Beruf. Ein Thema, dem sich der Roman immer wieder widmet, ist auch das Verhältnis zwischen Eltern und Kind in all seinen Facetten sowie allgemein die Beziehungen, die von einer Abhängigkeit und sogar einem Machtverhältnis geprägt sind. So kommt dann auch der Begriff Krokodilwächter ins Spiel.

„Einen Krimi zu schreiben ist ungefähr ähnlich schwierig wie der Versuch, einen Zopf aus Spinnweben zu flechten; tausend Fäden kleben an den Fingern und reißen, wenn man sich nicht konzentriert.“

Engbergs Stil ist ein recht eigenwilliger. Ihr Roman ist sowohl von Spannung getragen als auch unaufgeregt zu nennen. Sie braucht keine großen Affekte – bis auf die beiden recht ungewöhnlichen Morde. An einigen Stellen hat man zudem das Gefühl, dass sie die Geschwindigkeit des Erzählens absichtlich drosselt, um Zeit zu gewinnen, Helden und Geschehen weiter auszugestalten, die eine oder andere Finte zu legen. Eine Herangehensweise, die ihre Qualität als Erzählerin unterstreicht und mich sehr beeindruckt – neben einem weiteren markanten Wesenszug dieses Romans: Trotz aller Düsterkeit und Trauer angesichts zweier Morde an zwei jungen Menschen schwingt auch immer etwas Humor mit. Kein verlachender, sondern ein eher herzlicher, menschlicher. Denn der Dänin, die für dieses Debüt für mehrere Preise nominiert war, scheinen ihre Helden sehr am Herzen zu liegen. Deshalb spürte ich als Leser eine gewisse Rührung, vor allem die letzte Szene empfand ich als sehr ergreifend. Und wann findet man das schon in einem spannenden wie komplexen Krimi wie diesem.

Eine weitere interessante Besprechung gibt es auf dem Blog „Peter liest“.


Katrine Engberg: „Krokodilwächter“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg; 512 Seiten, 22 Euro

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