Katrine Engberg „Blutmond“

„An manchen Tagen war die Menschheit ein Verein, in dem man nur ungern Mitglied war.“

Ein Toter macht noch keinen Mord. Das scheint die Kopenhagener Polizei zu denken, als im Ørstedpark die Leiche eines Mannes gefunden wird. Er wird zuerst als Obdachloser gehalten, der vermutlich die kalte Januarnacht nicht überlebt hat. Doch die Obduktion bringt Überraschendes ans Tageslicht: Bei dem Toten handelt es sich um keinen Geringeren als den berühmten und glamourösen Modezaren Alpha Bartholdy, der qualvoll an den Folgen einer Säure gestorben ist. Die beiden Ermittler Jeppe Kørner und Anette Werner nehmen ihre Ermittlungen auf. Und auch in ihrem zweiten Fall aus der Feder der dänischen Autorin Katrine Engberg müssen die beiden bei der Suche nach dem Mörder um mehrere Ecken denken.

Denn dieser Fall hat es wieder mal in sich. Und das in einer Zeit, als sich in der dänischen Hauptstadt zur Modewoche die Berühmten und vermeintlich Berühmten versammeln und zugleich eine Mondfinsternis ansteht; bekanntlich ein Omen für Unglück und Unheil und Tod. Es sind höchst unruhige Tage, auch im Leben von Jeppe, dessen Freund Johannes, ein bekannter Schauspieler, plötzlich verschwindet. Was hat er mit dem Mord zu tun und vor allem mit dem Opfer? Auch wenn die Handlung nur wenige Tage umfasst, brauchen Jeppe und Anette eine geraume Zeit, um überhaupt an die ersten klaren Informationen zu gelangen. Bei ihren Ermittlungen, unterstützt von ihren Kollegen Tomas Larsen und Sara Saidani, stochern sie erst einmal im Nichts. Ihr Interesse richtet sich unter anderem auch auf die krummen Geschäfte des betrügerischen und zwielichtigen Unternehmers Søren Westi. Doch die charismatische und lebenserfahrene Krimi-Schriftstellerin Esther de Laurenti, die bereits in Engbergs Debüt „Krokodilwächter“ eine besondere Rolle gespielt hat und nun mit ihrem schrulligen Nachbarn Gregers in einer Wohngemeinschaft lebt, gibt den alles entscheidenden Hinweis, der in die gemeinsame Vergangenheit von Alpha, Johannes und der Sängerin Christel Toft führt, die wenig später ermordet wird.

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Engberg hat auch mit ihrem zweiten Roman bewiesen, dass sie eine wunderbare Erzählerin ist. Ihr gelingt es voll und ganz, den Leser bei Leselaune und die Spannung zu halten. Dieses Gefühl während der Lektüre, das Buch nur schwerlich zur Seite legen zu können, hat mehrere Gründe. Zum einen sind Jeppe und Anette nicht die großen  Superhelden, sondern vielmehr zwei Menschen aus Fleisch und Blut sowie mit Schwächen und Fehlern. Jeppe schlittert nach seinem Beziehungs-Aus in ein leidenschaftliches Verhältnis zu einer jüngeren Frau, die er während seines Australien-Trips kennengelernt hatte. Anette leidet unter gesundheitlichen Problemen, die sie auch psychisch belasten. Das macht sie menschlich und für den Leser mit dem zweiten Fall auch greifbarer. Man hat den Eindruck, die Beziehung zwischen der Autorin und ihren beiden Helden ist eine engere geworden. Zum anderen schreibt Engberg Szenen, die sehr viel Atmosphäre haben und als Bild im Kopf bleiben. Kopenhagen wird mit seinen Straßen, Plätzen und Gebäuden zu einem eindrücklichen Schauplatz. Ich hätte während der Lektüre gern einen kleinen Koffer gepackt, ein Flug gebucht… Zudem sind die Dialoge lebendig. Immer wieder finden sich auch heitere Passagen zum Schmunzeln.

„Das Leben geht in seiner Unvollkommenheit einfach weiter.“ 

Doch eine kritische Bemerkung habe ich dann doch: Allzu schnell steht der Mörder fest, wie ein Kaninchen, das plötzlich aus dem Hut des Zauberers gezogen wird. Gerade bei dieser Handlung, die gefühlt mehrmals Haken schlägt, um den neugierigen, mitermittelnden Leser bei Laune zu halten, erschien mir es nur schwer nachvollziehbar, obwohl mir das Motiv des Täters letztlich klar war. 

Trotz allem hat mir Engbergs zweiter Streich spannende Lesestunden bereitet. Ein Lob geht an dieser Stelle an die Gestalter im Diogenes-Team: Das Buch ist ein markanter Hingucker, schlicht, aber ungemein schick. Im vergangenen Jahr kam das dritte Buch der Dänin, die in ihrer Heimat als auch als Tänzerin, Choreographin und Regisseurin bekannt ist, mit dem Originaltitel „Glasvinge“ (übersetzt: „Glasflügel“, der Name einer Schmetterlingsart) heraus. Die Vorfreude hat begonnen!

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Peter liest“„leseschatz“ und „herzensbücher.blog.“


Katrine Engberg: „Blutmond“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg; 480 Seiten, 24 Euro

Foto: pixabay

8 Gedanken zu „Katrine Engberg „Blutmond““

  1. Hallo,

    das Zitat am Anfang trifft es ja schon auf dem Punkt, manchmal würde ich aus dem Verein Mensch auch am liebsten austreten…

    Das klingt sehr interessant, allerdings zögere ich noch ein bisschen, etwas von der Autorin zu lesen – einer Freundin von mir, die normal einen sehr ähnlichen Lesegeschmack wie ich hat, hat „Krokodilwächter“ überhaupt nicht gefallen. Allerdings einer anderen Freundin von mir dafür sehr gut, deswegen schwanke ich noch hin und her!

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, das Zitat ist mir auch gleich ins Auge gefallen. Ich bin manchmal auch recht unschlüssig, wenn die Meinungen so auseinandergehen. Aber ich denke, es ist da wichtig, einfach mal anzufangen und sich seine eigene Meinung zu bilden. Aufhören geht ja immer. Viele Grüße und Danke für Deinen Kommentar

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  2. Das hört sich — abgesehen vom angesprochenen kleinen Makel — sehr vielversprechend an. Trotzdem fange ich die Serie natürlich lieber mit dem ersten Band an. „Krokodilwächter“ gibt es ja inzwischen als Taschenbuch, wie ich gerade entdeckt habe.

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