Der verlorene Sohn – David Whitehouse „Der Blumensammler“

„Erinnerungen ließen sich viel leichter ertragen, wenn man sie nicht als Ganzes, sondern nur als zersplitterte Bruchstücke in sich hineinließ.“

Was braucht es, um ein einfaches Leben aus den Angeln zu heben und es auf eine andere Spur zu setzen? Im Fall von Peter Manyweathers war es nur eine kurze Liste mit sechs Blumennamen, die sein Dasein als Reinigungsspezialist auf den Kopf stellt. Dieses Blatt Papier, gefunden in Form eines Briefes in einem Buch in der Bibliothek, lässt ihn nicht mehr los. Von einer besonderen Weltreise, zwei Männern, deren Leben auf spezielle Weise verbunden ist, und die Kraft der Erinnerungen erzählt der Engländer David Whitehouse in seinem neuen Roman „Der Blumensammler“.

Der Titel des Buches in seiner deutschen Fassung – das englische Original heißt „The Long Forgotten“ – verrät schon viel, um was es in dem Roman geht. Eben jener Peter macht sich auf die Suche nach den Pflanzen, die jener Brief auflistet und die als ausgestorben oder als sehr rar gelten und meist eine Besonderheit haben. Dafür lässt der Reinigungsfachmann aus New York kurzerhand seinen Ein-Mann-Betrieb, der sich auf Zwangsräumungen nach Todesfällen „spezialisiert“ hat, von einer neu angestellten, aber durchaus sehr fähigen und engagierten Praktikantin weiterführen und geht auf Reisen in weit entfernte Länder.  An der Seite weiß der Amerikaner mit Hens als Kompagnon einen Wissenschaftler, konkret einen Doktor der Psychologie, an seiner Seite. Beide hatten sich in der Bibliothek kennengelernt. Ihre Touren gestalten sich mit der Zeit zu Abenteuern. Auf der Suche nach der sogenannten schafsfressenden Pflanze in Chile, bei der Peter auch eine besondere Frau kennengelernt, gerät er sogar in Lebensgefahr. Später wird er das wahre Gesicht von Hens erkennen, wie er auch in jener Dame eine Verbündete für das Leben findet.

btr

In einem weiteren Teil der Geschichte wird von Dove berichtet. Der junge Mann arbeitet in einer Rettungsleitstelle. Ihn quälen nicht nur eine verlorene Liebe, sondern Erinnerungen an seine Kindheit, die plötzlich bei Kopfschmerzattacken wie von Geisterhand auftauchen. Er ist ein Findelkind, der von den Pflegeeltern Maud und Len mit viel Zuneigung und einer bedingungslosen Liebe aufgezogen wurde. Ein Notruf aus einem Pflegeheim stellt schließlich die Verbindung her zu einem Mann, der dort seit Jahren lebt und dessen Vorleben vollkommen unbekannt ist. Last but not least handelt eine dritte Ebene von Jeremiah Cole, der als Meereswissenschaftler bei einer Expedition verunglückt. Während seiner Bergung  wird ein mysteriöser Flugschreiber entdeckt.

„Wir sind alle nichts weiter als ein Gebilde aus organischen Substanzen. Am Ende sind wir alle gleich. Eine Erkenntnis, die ein wenig Trost spendete, dachte er. Daran klammerte er sich.“

All diese Geschichten verwebt Whitehouse zu einer großen, wie – das soll natürlich nicht verraten werden. Erst gegen Ende werden alle Karten auf den Tisch gelegt, wobei der eine oder andere Leser womöglich schon eine Vorahnung haben wird. Doch das trübt die Spannung und die Lesefreude an diesem Buch, der sogar leichte Züge eines Thrillers zeigt, nicht. Whitehouse gelingt der Geniestreich, mit jeder Episode nicht nur eine weitere Etappe von Peters Blumenreise um den Globus sowie ein Kapitel aus Doves Kindheit und Jugend zu erzählen, sondern auch die Story der drei besonderen Männer reißverschlussartig zusammenzuführen. Spannend und zugleich herausfordernd für den Leser ist es auch, sich auf die Recherche nach den erwähnten Pflanzennamen zu begeben. Gibt es sie wirklich? Sind sie nur Geschöpfe der Fantasie, die Whitehouse bei einem Besuch eines botanischen Gartens ausgebrütet hat?

Nach seinem viel gelobten Bestseller „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“, 2015 ebenfalls bei Tropen erschienen, stellt der Engländer erneut eine abenteuerliche Reise sowie eine ergreifende Vater-Sohn-Beziehung in den Mittelpunkt. Allgemein lebt dieser Roman neben der überaus lebendigen Sprache und den charakterstarken Protagonisten von der Ausgestaltung der Beziehung der Helden zueinander. Whitehouse webt da sehr geschickt an einem Netz zwischen den Menschen. Vielleicht wird der eine oder andere diese facettenreiche und ergreifende Story etwas konstruiert und gegen Ende angesichts trauriger Verluste und schicksalhafter Begegnungen beziehungsweise Wiedersehen gar kitschig finden. Für Leser, die sich unterhalten und auch gefühlsmäßig angesprochen werden wollen, die sich auch nicht scheuen, die eine oder andere Träne zu vergießen, ist dieses Buch über die Kraft der Erinnerungen und starke Bindungen im Leben eines jeden die perfekte Lektüre für Herbst- und Wintertage, wenn die Flora in unseren Gefilden ihren Rückzug antritt.


David Whitehouse: „Der Blumensammler“, erschienen bei Tropen, in der Übersetzung aus dem Englischen von Dorothee Merkel; 346 Seiten, 20 Euro

Foto: pixabay