Inger-Maria Mahlke „Archipel“

„Seltsam, wie einen das Leben die Bedeutung von Zeit lehrt.“

Inger-Maria Mahlke hat mit ihrem Roman „Archipel“ im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis gewonnen. Mehr und mehr scheinen die Schauplätze der ausgezeichneten Werke das „Weite zu suchen“. Bodo Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“ führt nach Sizilien, Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ nach Brüssel. „Archipel“ setzt den Leser wieder auf eine Insel aus, wie der Titel bereits verrät. Die Autorin erzählt in ihrem Roman eine auf Teneriffa angesiedelte Familiengeschichte. Und das auf besondere und beeindruckende Art und Weise.

Von den Bautes und den Bernadottes

Denn das Buch beginnt mit der jüngsten Vergangenheit im Jahr 2015, um sukzessive weiter in die Zeit bis ins Jahr 1919 zurückzublicken. Im Mittelpunkt stehen die beiden Familien Baute und Bernadotte. Die personelle Klammer setzt dabei Julio Baute Ramos, der zu Beginn als greiser 95-jähriger Mann seine Tage in einem Pflegeheim fristet und dort seiner Pflicht als Pförtner nachgeht, 1919 als Sohn des Apothekers Augusto Baute Gil zur Welt kommt. Seine Tochter Ana, ihr Mann Felipe sowie die Enkelin Rosa besuchen ihn nur sporadisch, weil sie von ihrer Politiker-Karriere eingenommen wird, er als pensionierter Historiker sich die Zeit im Club vertreibt. Ihre Tochter ist nach dem Abbruch ihres Kunststudiums gerade vom Festland wieder auf die Insel zurückkehrt. Dem Leser wird frühzeitig klar, dass zwischen den Generationen Gräben bestehen. Die Ursachen dafür sind ganz unterschiedlicher Natur. Sie liegen teils in den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, aus denen die einzelnen Familienmitglieder stammen, begründet, und in ihren politischen Anschauungen. Teils sind sie auf besondere historische Ereignisse und daraus resultierende Konflikte zurückzuführen.

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Obwohl der Auftritt der einzelnen Personen aufgrund der Vielzahl der Protagonisten oft von recht kurzer Dauer ist, entsteht ein sehr lebendiges facettenreiches Familienporträt. Darin finden sich schillernde wie mächtige Personen wie der Offizier Eliseo Bernadotte-Borges und der erfolgreiche Zeitungsverleger Lorenzo González González, der mit dem Franco-Regime paktiert, genauso wie die Haushälterin Eulalia, deren Mutter Merche bereits in den Diensten der Familie gestanden hat. Beide sind Beispiel für die einfachen Leute. Ein Zweig der Familie hat seine Wurzeln sogar in Irland: Die Brüder Theobaldo und Sydney Moore waren auf die Insel gekommen, um Handel mit Bananen und Tomaten zu treiben. Ihr wirtschaftliches Treiben bildete die Grundlage für die weitere Entwicklung von Teneriffa.

„Er hat Rubén seinen Nachnamen nicht genannt. Den Nachnamen, den er mit sechszehn Straßen, drei Plätzen und einem haben Dutzend Schulen auf den Inseln teilt.“

„Archipel“ erweist sich dabei vor allem als ein Buch der Erinnerungen. In den einzelnen Kapiteln, die im Verlauf an Umfang verlieren, wird neben den Träumen der Personen auch in Rückblicken deren Erinnerungen geschildert, allerdings ohne etwas von der weiteren Handlung vorwegzunehmen. Zudem werden Dokumente zu Speichern von einstigen Geschehnissen. So findet Felipe einen Brief, der auf den Unfall-Tod seines Bruders hinweist, von dem seine Frau Ana indes nichts weiß. Bekanntlich kommt eine Familiengeschichte nicht ohne Schicksale und Tragödien aus, auch diese nicht. Die Familienmitgliedern werden heimgesucht von schweren Krankheiten und Unfällen. Felipes Bruder Jose wird in einem Lager für Homosexuelle inhaftiert.  Der umgekehrte Verlauf der Handlung macht jedoch Unmögliches möglich: Tote, die nur noch durch die Erinnerungen ihrer Nachkommen lebendig sind, erfahren dank des Zauberkräfte der Fiktion eine faszinierende Auferstehung.

„Die immer noch scharfen Bruchkanten, in denen die Statuenhälse enden, die breiten Kratzer in den Friesen, wo die Namen waren, sind zum Denkmal des Entfernten geworden. Gelöscht ist auf ewig gespeichert.“

Dass Mahlke für ihren Roman die kanarische Insel ausgewählt hat, kommt indes nicht von ungefähr. Ihre Mutter stammt von dort, sie selbst ist dort aufgewachsen, hat viel Zeit dort verbracht. Geschickt webt sie in diese Familiengeschichte auch eine Historie des Eilands ein – von den ersten Investoren, die das günstige Klima ausnutzen wollen, über die Zeit des Bürgerkrieges und des Franco-Regimes bis zum Beginn des Tourismus und dessen spätere Folgen. Auch die Wirtschaftskrise in Spanien und auf den Kanaren sowie Korruption spielen zu Beginn eine Rolle, später der Konflikt in der West-Sahara. Kolonialisierung und Faschismus sind zwei große, wiederkehrende Themen des Romans.

Sinnlichkeit und Szenerien

Dabei ist es nicht einfach, sich in diesen vielschichtigen und komplexen Roman hineinzulesen. Auch die verkürzte, verknappte Sprache hat ihren Anteil daran. Doch wer einmal „Fuß gefasst“ hat, wird dem Reiz des Buches nicht widerstehen können, weiterlesen zu müssen –  zurück in die Zeit zu reisen. Denn die Besonderheit liegt nicht nur in der ungewöhnlichen Konstruktion des Geschehens. „Archipel“ ist ein sehr sinnlicher Roman, in dem Farben, Gerüche und Töne eine besondere Bedeutung haben, zudem sowohl das Äußere einer Person sowie die einzelnen Orte sehr bildhaft beschrieben werden. Spanische Begriffe finden oft Anwendung. Deshalb ist neben einem Personenverzeichnis auch das Glossar am Ende des Bandes sehr hilfreich. Mahlkes Werk fordert den Leser heraus, doch wer sich dieser Herausforderung stellt, wird belohnt. „Archipel“ ist ein ganz großartiger Roman.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Sätze & Schätze“, „Querleserin“, „Poesierausch“ und „letteratura“.


Inger-Maria Mahlke „Archipel“, erschienen im Rowohlt Verlag; 432 Seiten, 20 Euro

Foto: pixabay

7 Gedanken zu „Inger-Maria Mahlke „Archipel““

  1. Hallo,

    ich habe vor Verleihung des Preises einige der nominierten Bücher gelesen – und dabei natürlich zielsicher NICHT „Archipel“ ausgewählt. (Fast jedes Jahr gewinnt ein Buch, das ich nicht gelesen habe.)

    Gut zu wissen, dass das Buch so komplex ist und der Einstieg dadurch nicht unbedingt einfach ist, dann werde ich mich nicht zu schnell entmutigt fühlen.

    Eine wunderbare Rezension, die einen sehr guten Eindruck bietet!

    LG,
    Mikka

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Mikka, vielen Dank für Deinen Kommentar. Ja, der Roman fordert schon heraus. Aber wenn man einmal hinein gefunden hat, entsteht ein Sog. Warum hattest Du den „Archipel“ damals nicht ausgewählt? Viele Grüße

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  2. Oh ja, großartig – da stimme ich zu. Ich musste auch erst etwas reinlesen, aber sobald man dann die Bezüge zwischen den Figuren versteht und die Geschichte(n) erfasst, kann man sich nicht mehr entziehen.
    Vielen Dank für den Link!
    Grüße, Birgit

    Gefällt 1 Person

  3. Ich finde zwar auch, dass Mahlke sehr talentiert ist, dass sie gute Geschichten erzählen kann und einen guten Stil hat. Freude gemacht hat mir das Buch dennoch nicht viel. Ich hatte Probleme zu verstehen wer wer ist, in welcher Zeit was spielt und war dann ziemlich entnervt. Zu Ende gelesen habe ich es trotzdem, denn -wie gesagt – sie schreibt ja gut.
    Ich würde empfehlen das nur zu lesen wenn man Mal viel Zeit am Stück hat.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, liebe Elvira, für Deinen Kommentar. Ich muss Dir vollkommen zustimmen, dass dieser Roman nicht so leicht zu lesen ist. Ich habe mir Notizen gemacht und griff auch immer wieder auf die Personenliste zurück. Hilfreich wäre da vielleicht ein Stammbaum gewesen. Ich habe das Buch während meines Ostsee-Urlaubs gelesen und hatte also Zeit dafür. Viele Grüße nach Berlin

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