Jean Stafford – „Die Berglöwin“

„Die Berge aber trugen die Gefahr unübersehbar in ihren narbigen Gesichtern.“

Berglöwen, hierzulande besser bekannt unter dem Namen Puma, sind kräftige wie bewegliche Katzen. Sie gelten als Einzelgänger und scheu. Ihre Zahl wurde in Nord- und Südamerika vom Menschen drastisch reduziert. Die Ureinwohner des Kontinents schätzen sie, verbinden mit ihnen Stärke, Treue, Mut. „Die Berglöwin“ (im Original „The Mountain Lion“) heißt der 1947 erschienene Roman der amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin Jean Stafford (1915 – 1979), den es dank einer Neuübersetzung nun neu zu entdecken gibt und in dem die schöne Katze eine symbolische Bedeutung erhält.

Zwei besondere Geschwister

Trotz ihrer preisgekrönten Werke war mir der Name der Schriftstellerin bis dato nicht bekannt. Ich wusste weder von ihrem wechselvollen Leben an der Seite des Dichters Robert Lowell sowie später als Frau des Fotografen und Autors Oliver Jensen, noch kannte ich eines ihrer Werke. Umso mehr reizte mich nun diese Ausgabe. Ich staune immer wieder, wie reich die amerikanische Literatur ist, welche großen Namen und ihre Werke erst in den vergangenen Jahren in Deutschland wiederentdeckt und bekannter wurden und mittlerweile geschätzt werden.

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Erzählt wird von den Geschwistern Molly und Ralph, acht und zehn Jahre alt. Ihr Zuhause: ein Vorort von Los Angeles. Eine heftige Scharlach-Erkrankung hat die beiden Kinder gezeichnet. Sie leiden unter Nasenbluten, sind blass und dünn. Ihr Vater ist bereits tot, ihre übervorsichtige, steife, von Konventionen bestimmte Mutter sowie die zwei stolzen wie eitlen älteren Schwestern machen ihnen das unbekümmerte Kinderleben schwer. Molly und Ralph sind Außenseiter in dieser von Frauen dominierten Familie, die in einem Haus mit mehreren Angestellten und umgeben von einer Walnuss-Plantage leben. Bruder und Schwester halten zusammen, zwischen ihnen besteht ein enges Band. Als bei einem seiner regelmäßigen Besuche Grandpa Kenyon, der Stiefvater ihrer Mutter, Weltenbummler sowie Besitzer mehrerer Farmen, plötzlich verstirbt, lernen sie dessen Sohn Claude kennen. Ihm gehört eine Farm in Colorado, die Molly und Ralph wenig später kennenlernen. Als die Mutter mit ihren beiden älteren Töchtern zu einer einjährigen Weltreise aufbricht, werden die beiden Jüngsten erneut auf Claudes Farm geschickt.

Ein Mädchen für sich

Hier ist die Welt eine andere. Sie ist rau, von den Gipfeln der Rocky Mountains, der Weite des Landes und einer nahezu ungebändigten Natur geprägt. Die Menschen hier haben einen anderen Charakter als im sonnenverwöhnten Kalifornien. Die Zeit vergeht, Molly und Ralph entwickeln sich verschieden: Er hilft auf der Ranch und geht mit Claude auf Jagd nach der Berglöwin, die den Namen Goldglöckchen trägt. Molly liest dicke Bücher, meist Klassiker von Dickens bis Hugo. Sie will Schriftstellerin werden und lebt in ihrer eigenen Welt fernab der Ereignisse und der täglichen Herausforderungen auf der Ranch. Sie schreibt verrätselhafte Gedichte, die keiner versteht. Das Mädchen erscheint weder attraktiv noch damenhaft und wirkt fremd für viele, mehr und mehr sogar für ihren eigenen Bruder. Die einst so enge Verbindung zwischen den Geschwistern verliert sich zunehmend aufgrund der verschiedenen Erfahrungen und dem eigenen Blick auf die Welt – so wie sich bereits zuvor die fünfköpfige Familie nahezu aufgelöst hat. Gnadenlos setzt Molly ihren geliebten Bruder auf die Liste der Unverzeihlichen, die sie akribisch führt.

„Er sah mit Abneigung auf seine spindeldürre Schwester, wie sie da auf den Fersen hockte und die Orchideen um sich herum pflückte, und als sie zu ihm aufblickte und ihre demütigen Augen sein Gesicht vor einsamer Liebe streichelten, wollte er verzweifelt aufschreien, denn ihre Liebe war wirklich die einzige Liebe, die er hatte und er empfand sie nur als Mühsal und Last.“

Sind die ersten Szenen noch von Humor geprägt, der sich vor allem aus dem dreisten und allseits wachen Blick der Kinder auf die Erwachsenen und ihre von Regeln erstarrte Welt speist, bekommt der Roman zunehmend einen düsteren Anstrich. Die Entfremdung zwischen Molly und Ralph hat etwas zutiefst Melancholisches. Sie scheinen nach Halt und einer Identität zu suchen, ohne sich dabei gegenseitig Halt zu geben. Nach dem Tod des Vaters wird Claude vor allem für Ralph, der sich allmählich zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlt, zu einer männlichen Bezugsperson, die er mit der Zeit indes kritisch betrachtet.

Präzise, poetische Sprache

Staffords Roman beeindruckt durch seine tiefe Psychologie und der genauen Beschreibung von Gedanken und Gefühlen in all ihren feinen und feinsten Nuancen. Dabei dominiert vor allem der Blick des Jungen, sein ambivalentes Verhältnis zu Claude, zur jüngeren Schwester sowie zu Winifred, der Tochter der Verwalterin, die er heimlich verehrt, die jedoch einen anderen liebt. Die Amerikanerin gestaltet in ihrem zweiten, aus neun Kapiteln bestehenden Roman detailreiche und bildhafte Szenen sowie eindrucksvolle Naturbeschreibungen, eine präzise und poetische Sprache zeichnen ihn aus.

Die Jagd auf Goldglöckchen verwandelt sich zu einem Wettkampf zwischen Ralph und Claude, ein Wettstreit der Generationen, der letztlich zu einem tragischen und überraschenden Ende führt, das erschüttert und schmerzlich nachwirkt, die Jugend beider Geschwister mit einem Schuss von einer Sekunde auf die andere beendet. Es wäre zu wünschen, wenn nach dieser Neuübersetzung weitere Werke der Amerikanerin, vielleicht ihre Kurzgeschichten und Erzählungen, hierzulande erscheinen – womöglich in so einer wunderschönen Ausstattung wie nun dieser, im Schweizer Dörlemann Verlag erschienene Band.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Schreiblust – Leselust“.


Jean Stafford: „Die Berglöwin“, erschienen im Dörlemann Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Adelheid und Jürgen Dormagen und mit einem Nachwort von Jürgen Dormagen; 352 Seiten, 25 Euro

Bild von Rene Rauschenberger auf Pixabay

3 Gedanken zu „Jean Stafford – „Die Berglöwin““

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