Olga Tokarczuk – „Gesang der Fledermäuse“

„Das Loblied auf das Töten ist das Böse.“

Preisverleihungen können erstaunen und für Lektionen sorgen. Im Fall des Literaturnobelpreises ist das wohl nicht anders. Als im vergangenen Jahr die Schwedische Akademie gleich zwei Namen verkündete ob des bekannten Ausfalls der Verleihung 2018 infolge eines ebenfalls bekannten Skandals sorgte der eine Name für heftige Diskussionen, der andere indes für ein Lesefieber. Während über Peter Handke ausgiebig debattiert wurde, wurde Olga Tokarczuk gelesen.  Ihre früheren Bücher erschienen vermehrt in deutscher Übersetzung, so auch ihr bereits im Jahr 2009 veröffentlichter Roman „Gesang der Fledermäuse“, der sogar eingefleischte Krimi-Nicht-Leser überzeugen wird.

Am Rehknochen erstickt

Wo wir damit eigentlich schon beim Thema sind beziehungsweise in die Geschichte einsteigen. Fleisch führt zum Tod von Bigfoot. Der Nachbar von Janina Duszejko, der Ich-Erzählerin, erstickt an einem Rehknochen. Keine schöne Sache, aber die Trauer der älteren Frau hält sich sehr in Grenzen. Auf den ersten Schrecken folgt eine gewisse Freude. Denn Bigfoot war ein Wilderer, der es auf die Tiere der Umgebung abgesehen hatte. Auf jene Geschöpfe, die Janina viel bedeuten. Sie liebt die Flora und Fauna, lebt zurückgezogen in einer kleinen Siedlung abseits der Stadt auf einem malerisch gelegenen Hochplateau nahe der Grenze zwischen Polen und Tschechien. Einst war sie Ingenieurin, begleitete den Bau von Brücken, später lehrte sie in der Schule Englisch. Nun kümmert sie sich um die Ferienhäuser der anderen in deren Abwesenheit und beschäftigt sich mit den Texten des englischen Dichters William Blake (1757 – 1827), den sie und ihr einstiger Schüler Dyzio, nunmehr Polizist in Amt und Würden, sehr verehren.

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Nach Bigfoot sterben weitere Männer, die oft erst einige Zeit später gefunden werden, an einem besonderen Ort, in einer besonderen Körperhaltung. Der Kommissar, der Besitzer einer Fuchs-Farm, der Vorstand der Pilzsammlergesellschaft und der Pfarrer – sie alle segnen das Zeitliche auf eine sehr gewaltvolle Art und Weise. Das Rätselraten beginnt, die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Janina glaubt, dass die Tiere dahinter stecken und sich rächen wollen. Von ihrer Theorie will sie die Beamten überzeugen, sie schreibt Briefe, sucht die Dienststelle auf. Allerdings vergebens. Ein Foto in der Wohnung von Bigfoot ist des Rätsels Lösung, wer hinter der Mordserie steckt und welche Verbindung zwischen den Opfern besteht. Es wird wohl nicht die einzige Überraschung für den Leser sein.

Noch immer Hoffnung auf eine bessere Welt

Denn der Roman hat einen ganz eigenen, sehr vielschichtigen Charakter.  Mit „Gesang der Fledermäuse“ hat die polnische Literaturnobelpreisträgerin einen aberwitzigen, zugleich sehr nachdenklich stimmenden Roman geschrieben, der auf wundersame Weise einen spannenden Krimi mit einer klugen Gesellschaftskritik verknüpft, die über die charismatische Heldin vermittelt wird. Für die meisten ihrer Zeitgenossen ist Janina eine schrullige Frau mit albernen Angewohnheiten. Ihr Auto nennt sie Samurai, in den Stellungen der Planeten kann sie die Zukunft jedes Einzelnen voraussagen, noch immer träumt sie von einer besseren Welt. Sie liebt den ruhigen und beschaulichen Ort an dem sie lebt, die Pflanzen und Tiere, für die sie mehr Zuneigung verspürt als für den Menschen. Ihre Hunde, ihre „Mädchen“,  waren für sie wie Töchter. Ihr wortkarger Nachbar Matoga und Dyzio gehören zu den wenigen Freunden, die sie hat. In den Häusern, um die sie sich in Abwesenheit der Besitzer kümmert, haben auch Tiere ein Zuhause gefunden. Der Marder ist heimisch im Haus der Schriftstellerin, die Fledermäuse im Domizil des Professors. Diese Siedlung, in der längsten Zeit des Jahres nahezu menschenleer, ist wohl nur für jene ein Paradies auf Dauer, die seine Schönheit erkennen.

„Wir würden lieber glauben, wir seien frei und könnten uns jeden Moment neu erschaffen. Und dass unser Leben nur von uns selbst abhängt. Der Zusammenhang mit etwas so Ungeheurem und Monumentalem wie dem Himmel irritiert uns. Lieber wären wir ganz winzig, dann wären unsere kleinen Sünden verzeihlich.“

Ein Hauch von Melancholie umweht diese sehr menschliche und anrührende Geschichte, weil sie von der Ausbeutung und Zerstörung der Natur und der zügellosen Gier des Menschen erzählt. Themen, die aktueller denn je sind und leider wohl auch bleiben.  Zugleich enthält sie einen klugen tiefsinnigen, teils auch skurrilen Humor, der sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken anregt. Tokarczuk gelingt es meisterhaft, beide Seiten – das Ernste und das Heitere – zu vereinen, ohne eine abzumildern oder ihr die Wirkung zu nehmen.

Ich habe mich mit diesem Roman, der einen guten Einstieg in das vielfältige Werk der polnischen Schriftstellerin bietet, sehr amüsiert – vor allem bei der herrlich komischen Szene, als  Janina und Matoga als Wolf und Rotkäppchen auf dem Fest der Pilzsammlergesellschaf erscheinen – und viele kluge Passagen notiert. Gern hätte ich mit Janina, die dem Leser so nah erscheint, einen Tee oder einen Pott Kaffee getrunken. Ihr weiterer Lebensweg lässt nachdenken über Schuld und Strafe sowie die oft gestellte Frage, welcher Zweck die Mittel heiligt.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Sätze & Schätze“, „Die lesende Käthe“ und „Petras Bücher-Apotheke“ (Hörbuch)


Olga Tokarczuk: „Gesang der Fledermäuse“, erschienen im Kampa Verlag, in der Übersetzung aus dem Polnischen von Doreen Daume; 320 Seiten, 24 Euro

Foto von Marcin Szmigiel auf Unsplash

8 Gedanken zu „Olga Tokarczuk – „Gesang der Fledermäuse““

  1. wow! Das muss ich lesen! Ich kenne bisher nur „Ur und andere Zeiten“ von ihr, was mir zwar gut gefiel, aber ein wenig zu versponnen war. Dieses hier klingt richtig gut. Danke für deine Rezension!

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  2. Viele lieben Dank für den Tipp. Jetzt weiß ich, welches Buch dieser Autorin ich als erstes lesen werde. Da klafft bei mir nämlich noch eine sehr große Leselücke. Viele Grüße.

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  3. Liebe Constanze,

    mir hat der „Gesang der Feldermäuse“ ebenfalls zugesagt.

    Dieser außergewöhnliche Roman verbindet kriminalistische Spannung mit philosophischen Betrachtungen zur Stellung des Menschen in Natur und Gesellschaft. Einerseits finden wir hier schmerzhaft-glasklare Psychogramme einiger recht unangenehmer Zeitgenossen, andererseits auch einen feinen, schelmischen Humor sowie eine anrührende Zärtlichkeit gegenüber Tieren und tiefe Demut vor der Natur.

    Nachfolgend der Link zu meiner Buchbesprechung:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2020/01/12/gesang-der-fledermaeuse/

    Nachtaktive Grüße von
    Ulrike

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