Benjamin Labatut – „Das blinde Licht“

„Wann haben wir aufgehört, die Welt zu verstehen.“

Genie: Überragende schöpferische Begabung, Geisteskraft. So erklärt der Duden das Wort, mit dem neben Künstler oft auch hochrangige und einflussreiche Wissenschaftler beschrieben werden. Mit dem Titel verbunden ist auch die Wahrnehmung, die schier übermenschliche Leistung der Hochbegabten nicht beschreiben oder gar erklären zu können. Sie scheinen aus der Welt gefallen zu sein und haben doch die Welt verändert. Vier der herausragenden Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts stellt der chilenische Autor Benjamin Labatut in seinem nicht minder herausragenden Debütroman „Das blinde Licht“ vor. Der Leser lernt darin Fritz Haber, Karl Schwarzschild, Alexander Grothendieck und Werner Heisenberg und ihre ganze eigene Welt kennen.  

Essay trifft auf Erzählung

Jeder steht für ein Fach: Chemie, Mathematik, Physik und Astrophysik. Zugegeben recht anspruchsvolle Materie oder wie es ein bekannter Boxer einmal in einem Werbespot formulierte: „Schwere Kost“. Doch Labatut vermag es eindrucksvoll, in einer Mischung aus Essay und Erzählung mit mehr oder minder fiktionalem Anteil schwierige wissenschaftliche Inhalte verständlich und die Schicksale der vier Koryphäen sowie die postiven wie negativen Folgen ihrer Errungenschaften zu beschreiben. 

DSCF1945

Der in Rotterdam geborene Chilene setzt die Urkatastrophe des vergangenen Jahrhunderts, den Zweiten Weltkrieg, an den Anfang seines Werkes. In jenen sechs Jahren wurden Millionen Leben ausgelöscht und unzählige Städte dem Erdboden gleichgemacht. Zwei der verheerendsten Waffen stehen in Verbindung mit zwei der eingangs erwähnten Wissenschaftler, sogar Nobelpreisträger. Fritz Haber (1868 – 1934) entwickelte nicht nur die Grundlage für künstlichen Dünger, indem er erstmals Stickstoff aus der Luft fixieren konnte. Der Chemiker, der bereits im Ersten Weltkrieg Giftgas-Angriffe geplant hatte, stellte später das gasförmige Pestizid Zyklon her. Während der Wissenschaftler jüdischer Abstammung aus dem Dritten Reich nach England, später in die Schweiz emigrieren konnte, wo er kurz darauf in Basel verstarb, werden Angehörige seiner Familie einige Jahre später nach seinem Tod im Konzentrationslager vergast. Werner Heisenberg (1901 – 1976), dem der letzte und auch längste Text im Band gilt, hat hingegen mit seinen Formeln zur Quantenmechanik und zur Unschärferelation die Physik revolutioniert. Er war am Uran-Projekt der Nazis zur Herstellung einer Atombombe beteiligt. In einem Internierungslager der Briten nahe Cambridge erfuhr Heisenberg schließlich, dass am 6. August 1945 eine Atombombe auf Hiroshima abgeworfen  wurde.  Bis heute ist noch nicht sicher, welche gravierenden Folgen ein Gespräch 1941 zwischen Heisenberg und seinem einstigen Mentor Niels Bohr, der später in die USA flüchtete und am Atomwaffen-Programm der USA in Los Alamos mitwirkte, hatte.      

„Wir haben den Gipfel der Zivilisation erreicht. Jetzt können wir nur noch fallen.“

Labatut zieht geschickt Fäden, verdichtet Ereignisse und Lebensgeschichten. Immer wieder gewinnt der Leser den Eindruck, alles ist miteinander verbunden: Die Protagonisten werden in ihrer jeweiligen Zeit gesehen sowie zu anderen Wissenschaftlern, so unter anderem Albert Einstein, Erwin Schrödinger oder Shin’ichi Mochizuki, in Verbindung gesetzt. Fast als ein Leitgedanken für diesen Band mit dem Untertitel „Irrfahrten der Wissenschaft“ können wohl auch folgende Worte des Astronomen und Physikers Karl Schwarzschild (1873 – 1916) verstanden werden: „(…) nur eine Gesamtschau, wie die eines Heiligen, eines Verrückten oder eines Mystikers, wird uns den Schlüssel an die Hand geben für die Art und Weise, wie das Universum organisiert wird.“

Obsessiver Wissenshunger

Trotz der Kühle der Zahlen und Fakten, der wissenschaftlichen Gedanken und Formeln – der Band wirkt dann besonders eindrücklich, wenn er das spezielle Wesen der vier großen Köpfe, ihren geradezu obsessiven Wissenshunger und ihre „eigenartigen“ Verhaltensweisen, in den Fokus rückt. Nächte ohne Schlaf, Tage ohne Nahrungsaufnahme, völliger Rückzug, scharfe Auseinandersetzungen mit Kollegen, um nur einige zu nennen. Ein besonders drastischer Fall: Alexander Grothendieck (1928 – 2014), Sohn eines Anarchisten und einer linken Journalistin, der sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückzog und sich von einem bürgerlichen Leben verabschiedete – fern seiner Familie und Freunden. Der gebürtige Berliner, der sich intensiv mit Ökologie und Pazifismus auseinandersetzte, warnte vor der Zerstörungskraft der Wissenschaft. 

 

„Das blinde Licht“ entwickelt eine Sogwirkung, man wird hineingezogen in die Lebensgeschichten, in diese Zeit, in die spannende Welt der Wissenschaft, allerdings ohne dass der Inhalt den Leser überfordert. Labatuts fächerübergreifende und tiefsinnige Werk vermittelt wohl mehr Wissen und Zusammenhänge als so mancher Unterricht in der Schule – und die Stunden des intensiven Lernens, womöglich auch die einen oder anderen Notizen schreibend, erlebt man zudem an einem beliebigen Ort, sogar auf dem Sofa. Große Empfehlung!


Benjamin Labatut: „Das blinde Licht“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Thomas Brovot; 187 Seiten, 22 Euro

Fotos: Wikipedia sowie von Elchinator auf Pixabay

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