Katie Hale – „Mein Name ist Monster“

„Das Überleben ist eine zeitaufwendige Sache.“ 

Die Welt ist eine andere geworden. Die Menschheit hat sich nahezu vollständig ausgelöscht. Krieg und eine Seuche, deren Erreger mittels Bomben verstreut wurde, haben Länder, Städte, Dörfer und ihre Einwohner vernichtet. Monster hat die Katastrophe jedoch überlebt. Im Eis, auf Spitzbergen, wo sie in einem Saatgut-Tresor arbeitete. Mit einem Boot macht sie sich auf die beschwerliche Reise über das Meer nach Schottland, in ihre Heimat. Mit „Mein Name ist Monster“ legt die preisgekrönte britische Autorin Katie Hale ihren Debüt-Roman vor. Ein Buch über düstere Zeiten, aber auch helle Momente, das sich einreihen könnte in eine Liste bekannter Titel.

Verfallener Bauernhof als Oase

Nach dem Inferno ist Monster auf sich allein gestellt. Nach ihrer Ankunft in Schottland erreicht sie zu Fuß einige Zeit später ihren Heimatort. Ihre Eltern sind schon seit Langem tot, das Haus steht leer. Monster hält nichts mehr. Trotz Gefahren wie streunende hungrige Hunde, die sie anfallen, läuft sie weiter – bis sie einen verlassenen Bauernhof erreicht, ihr neues Zuhause, eine Oase inmitten einer verlorenen Welt, die sich nach und nach die Natur zurückerobert. Monster richtet sich ein. In einer nahe gelegenen Stadt findet sie Kleidung und Nahrung. Während ihrer Streifzüge trifft sie eines Tages auf ein Mädchen. Aus der Einzelgängerin wird eine Mutter, die sich aufopferungsvoll um das Kind kümmert, ihr die Sprache sowie weiteres wichtiges Wissen neu vermittelt und ihm schließlich ihren Namen gibt.

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Mit „Mein Name ist Monster“ hat Hale, die für ihre Gedichtbände mehrfach geehrt wurde, ein Buch mit einer speziellen, beklemmenden und teils verstörenden Handlung und zwei unvergesslichen weil starken Frauenfiguren geschrieben. Mutter und Monster berichten über das Geschehen und die eigenen Erlebnisse jeweils aus ihrer Perspektive, die unterschiedlich nicht sein kann. Die Erzählweise in Passagen verschiedener Länge ist kühl und knapp, indes suggestiv und zieht den Leser in ihren Bann – trotz oder vielmehr wegen der Monotonie des immergleichen Alltags, der vom Überleben in einer trostlosen, menschenfeindlichen Gegenwart gezeichnet ist. Während Mutter/Monster in ihren Erinnerungen auf ihr früheres Leben, so auch auf ihren besonderen eigenwilligen Charakter, blickt, fokussiert sich das Kind auf die Gegenwart.  Das Mädchen entwickelt sich, stellt die Ansichten ihrer Beschützerin infrage und geht zunehmend ihre eigenen Wege. Allein streift sie durch die Gegend. In einem Krankenhaus ereignet sich schließlich ein Zwischenfall, mit dem das Leben der beiden Frauen sich von Grund auf verändert. Eine weitreichende Begebenheit, die den Leser jedoch verwirren kann und wohl auch Fragen offen lässt. Allerdings ist die dystopische Literatur auch dafür bekannt, nicht alle weiße Stellen einer Handlung aufzufüllen und alles ausführlich zu erklären.

„Stille bedeutet Anfang und Weitermachen. Sie bedeutet, dass es nicht nur mich und Mutter gibt, sondern auch andere Menschen, die nicht tot sind. Sie bedeutet noch einen Moment und noch einen und noch einen, weil es in der Stille keinen Anfang und kein Ende gibt, nur diese Art von immer, die Mutter Hoffnung nennt.“ 

In diesen besonderen, besonders herausfordernden Zeiten sind dystopische Romane beliebte Lektüre. Klassiker wie „Die Pest“ von Albert Camus werden wieder aus den Regalen geholt und gelesen. In den unterschiedlichsten Ausgaben, im mehr oder minder verstaubten Zustand.  Aber braucht es denn einen Anlass wie diesen, um sich wieder und häufiger diesem Genre zu widmen? Ich denke: nein! Denn gerade diese Literatur zeigt uns auf, wozu Menschen in Ausnahmesituationen und Katastrophen fähig sind – im Schlechten wie im Guten. Alles ist möglich. Es ist kein Beweis für eine Endzeitstimmung und Schwarzmalerei, sich jederzeit und eben auch in guten Zeiten mit Unheil und Verderben zu beschäftigen, womöglich etwas Demut angesichts einer stets fragilen Welt zu entwickeln.

Entwicklung des Menschen

Ein wenig mehr hätte ich mir indes inhaltlich über den Saatgut-Tresor gewünscht, in dem Monster als Ingenieurin vor der Katastrophe und ihrer Rückkehr nach Schottland arbeitet und den es wirklich gibt. Ein spannendes Thema, das Schauplatz eines Romans sein könnte. 2007 nahm die Anlage, auf der zum norwegischen Archipel Svalbard gehörenden Insel Spitzbergen gelegen, ihre Arbeit auf, ein Jahr später wurde sie ganz offiziell eröffnet. Rund 250 Länder haben hier Samen von Pflanzen, darunter die wichtigsten Lebensmittel der Welt, eingelagert. Der Tresor soll die Nahrungsgrundlage im Fall einer Katastrophe absichern und leistet einen wichtigen Beitrag zum Schutz der biologischen Vielfalt angesichts des Artensterbens. Die Kosten tragen der Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt (Global Crop Diversity Trust) mit Sitz in Bonn sowie der norwegische Staat. Die globale Erwärmung und damit das Auftauen des dortigen Permafrostbodens verursachen indes Probleme, so dass in der Vergangenheit ein Umbau nebst Nachrüstung notwendig wurde. Die Anlage in der Arktis ist die weltweit größte, rund 1.400 ähnliche Tresore existieren auf der Erde.

Ich habe mich bei der Lektüre des Romans sowohl an den Klassiker „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe – ein Zitat findet sich daraus zu Beginn des Buches – erinnert als auch an die Evolution des Menschen. Aus der Jägerin und Sammlerin Monster, die durch das Land streift, wird eine sesshafte Mutter, die Gemüse anbaut, Tiere hält und ihrer Tochter lebensnotwendiges Wissen vermittelt. Hales großartiger Erstling hallt lange nach, erzählt vom harten Kampf um die Existenz, von Menschlichkeit und Trauer, aber auch von einer leisen Hoffnung, die wachsen kann.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Bookster HRO“.


Katie Hale: „Mein Name ist Monster“, erschienen im S. Fischer Verlag, aus dem Englischen von Eva Kemper; 384 Seiten, 22 Euro

Foto von Philipp Reiner auf Unsplash

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