Friedrich Ani – „Letzte Ehre“

„Der Zufall ist ein unterschätzter Magier.“

Verhämmerung: Das Wort lässt sich nicht im Duden finden und ist wohl nur all jenen bekannt, die sich fachlich mit Medizin oder Materialkunde beschäftigen. Verhämmerung: Man denkt unweigerlich an Kraft und Gewalt, Verformung und Zerstörung. Mehrfach und an einer Stelle zudem in Versalien geschrieben taucht dieses Wort in dem neuen Roman „Letzte Ehre“ von Friedrich Ani auf. Darin erzählt der mehrfach preisgekrönte Schriftsteller und Drehbuch-Autor von kalter, unerbittlicher und brutaler Gewalt von Männern an Frauen.   

Fälle, die verbunden sind

Ein Thema, das seit Menschenbeginn existiert, aktuell ist und bleibt, allerdings noch immer überschattet wird vom Schweigen und Vergessen. Geschwiegen hat Ines Kaltwasser, eine einsame gescheiterte Schauspieler, nahezu ein Leben lang. Die Frau ist als Kind mit dem Einverständnis des Vaters von mehreren Männern missbraucht worden. Ihr Körper diente zur Befriedigung und als einzige Angriffsfläche. Sie ist mit einem Fall über Umwege verwickelt, in dem das Münchner Kommissariat 101 die Ermittlungen aufnimmt. Ein junges Mädchen, die 17-jährige Finja Madsen, gilt nach einer Party als vermisst. Oberkommissarin Fariza Nasri spricht mit Ines Kaltwasser, wobei die Polizistin zu Beginn noch nicht ahnen kann, dass dieser neue Fall sie zu einem noch ungeklärten Todesfall führen wird. Der dubiose und frauenfeindliche Freund von Finjas Mutter gerät in Verdacht und bildet die Brücke zu jenem Cold Case, bei dem vor mehreren Jahren ein Mann von einem Abhang gestürzt war und ums Leben kam. Nach und nach, Stück für Stück bekommen die weißen Flecken in beiden Geschehnissen ihre Konturen, offenbaren Schreckliches und zeigen auf, dass die Täter meist aus dem näheren Umfeld stammen.

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Nasri, Tochter einer Deutschen und eines Syrers, gilt als gewissenhafte Verhörspezialistin, die klug fragt und geduldig zuhört, sich in die Menschen einfühlen kann. Mittlerweile in den 50ern angekommen, hat sie berufliche wie private Höhen und Tiefen erlebt sowie tragische Schicksalsschläge erlitten. Ihre Erinnerungen an die Vergangenheit zerren an ihr. Sie sinniert beim Blick in den Spiegel über ihr Leben, denkt auf der Yogamatte im Büro an den Tod ihres geliebten Großvaters sowie an die Kindheit zurück. Die Gespräche mit ihrer Mutter geben ihr Halt. Doch der nächste schreckliche Verlust ereilt sie nahezu ohne Vorwarnung: Ihre beste Freundin Catrin wird in der Wohnung lebensgefährlich verletzt aufgefunden; ihr Körper eine einzige Wunde. Was hat diese unmenschliche und blutige Tat mit einem Hinweis zu tun, den das Opfer vor ihrem Tod noch ihrer Freundin gegeben hat? Und welche Geheimnisse hatte sie gegenüber ihren besten Freundinnen, mit denen sie sich regelmäßig in gepflegter Frauenrunde traf?

„Daran sind wir gewöhnt. Oder nicht? Wir üben einen Beruf aus, dessen nackter Wirklichkeit wir keinen Kimono überstreifen, um ihn geschmeidiger erscheinen zu lassen. Wir haben gelernt hinzusehen, hinzuhören, auf alles gefasst zu sein, uns anzupassen ans Unvorstellbare oder tatsächlich Grauenhafte.“

Auch in diesem für sie zudem privaten und überaus emotionalen Fall ermittelt Nasri, die Leser bereits aus dem vorherigen Roman „All die unbewohnten Zimmer“, 2019 erschienen, kennen, da sie dort ihren ersten Auftritt an der Seite der bereits bekannten drei Ermittler Jakob Franck, Polonius Fischer und Tabor Süden hatte. Wird darin die Gesellschaft mit all ihren aktuellen Zerrüttungen sowie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beschrieben, greift sich Ani für sein neuestes Werk ein spezielles Thema heraus: die Gewalt gegen Frauen, die er in all ihrer unbarmherzigen Brutalität beschreibt und der Nasri schließlich selbst begegnet.

Klug konstruiert, hochpsychologisch

„Letzte Ehre“ ist kein Roman, den man innerlich unaufgeregt und nur mit dem Gedanken verbunden, eine spannende Lektüre gelesen zu haben, zur Seite legt. Dieses großartige wie verstörende Buch erschüttert und entsetzt ob seiner beschriebenen Gewalt, vor der man indes nicht die Augen verschließen sollte. Denn sie entspringt nicht der Fantasie, sondern ist pure Realität. Man denke dabei allerdings nicht nur an die von Ermittlungsbehörden verfolgten Fällen von Körperverletzung, Totschlag oder Mord, sondern auch die unzähligen Ereignisse von häuslicher Gewalt sowie sexuellen Missbrauchs, die oftmals im Stillen geschehen, ungesühnt bleiben. Anis jüngstes Werk ist mehr als ein Kriminalroman. Sprachlich ragt es aus dem weiten Feld der Krimi-Literatur heraus, es ist klug konstruiert und erweist sich sowohl als ein facettenreiches Gesellschaftsporträt als auch als hochpsychologisches Porträt einer sensiblen wie starken Frau, die man als Leser nicht loslassen will. Wie wird die Geschichte von Nasri weitergehen? Für dieses nächste Kapitel braucht es mit Blick auf das Ende allerdings auch ein großes Stück Hoffnung.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „LiteraturReich“ und „Missmesmerized“


Friedrich Ani: „Letzte Ehre“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 270 Seiten, 22 Euro

Foto von Charl Folscher auf Unsplash

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