Nadia Bozak – „Der Junge“

„Wenn sie stehenbleibt, verbrennt sie.“

Verdorrtes, trockenes, leeres Land, wo die Hitze erbarmungslos brennt. Wer in der Wüste überleben will, braucht wie im ewigen Eis besondere Fähigkeiten, besonderes Wissen. Manch einer bezahlt seinen freiwilligen wie unfreiwilligen Ausflug mit dem Leben. Im Roman „Der Junge“ der kanadischen Schriftstellerin Nadia Bozak gibt es nicht nur Überlebende. Doch nicht nur die Wüste mit ihren Extremen fordert Opfer. Im Grenzland zwischen Mexiko und den USA herrschen weitere Gefahren – vor allem für die Einwanderer und deren Schleuser.

Über die Grenze in den Norden

Chávez, der wegen seines jungen Alters dem Roman seinen Namen gibt, ist beides. Er bringt Kinder und Jugendliche über die Grenze, an der eine unüberwindbare Mauer errichtet wird. Ist die Oro-Wüste ein fiktiver Ort, erinnern die Geschehnisse des Buches sehr an aktuelle Ereignisse. Chávez folgt wie viele seines Alters den Eltern, die bereits über die Grenze in den Norden gegangen sind. Zurückgeblieben sind zwei Generationen: die Jungen und die ganz Alten. Gern sind die Flüchtlinge nicht gesehen. Sie werden von brutalen und erbarmungslosen Kopfgeldjägern wie Ocho gejagt, denn auf die Ergreifung der „Illegalen“ ist eine Belohnung ausgesetzt. Es gibt nur wenige, die die Jugendlichen auf ihrem weiten und lebensgefährlichen Weg durch die Wüste unterstützen. Eine von ihnen ist die Malerin Marianne, die mit ihrer Hündin in einem Trailer lebt, den Jungen Essen und Wasser gibt. Als ihre Tochter sie besuchen will, findet sie den Wohnwagen jedoch verlassen vor. Sie begibt sich in der Wüste auf die beschwerliche Suche nach ihrer verschwundenen Mutter – mit dem Jungen an ihrer Seite.

Aus drei unterschiedlichen Perspektiven wird die Handlung erzählt. Durch die Augen von Chávez, Honey, die mit ihrem Mann in der Stadt lebende Tochter Mariannes, sowie – ungewöhnlich wie spannend – Baez, die Hündin der Malerin, wird das Geschehen geschildert. Ihre Passagen wechseln sich ab. Darin liegt nicht das einzige Besondere und auch Herausfordernde in diesem eindrücklichen Buch. Darüber hinaus wechseln sich meist völlig unvermittelt die Zeitebenen ab. Es braucht einige Seiten, bis der Leser sich in den unterschiedlichen Abschnitten zurechtfindet. Zudem benennt Baez, die halb Hund halb Koyote ist, die Menschen auf ihre ganz eigene Art, so dass es ein weiterer Reiz ist, die Namen den jeweiligen Protagonisten zuzuweisen.

„Gold, die so groß war wie Ma Blau, und der kleine Junge mit großen Schritten vor ihr. Groß, klein, zusammen. Dann waren sie nur noch Punkte, wurden von Felsen verschluckt. Über ihr wanderte die Sonne über den Himmel. Im Leuchten der Wüste war sie und war sie nicht – allein.“

„Der Junge“ ist ein Buch, das zwar gewisse Ansprüche an den Leser stellt, aber auch einen speziellen Sog entwickelt. Auch sprachlich macht der Roman der Kanadierin eine große Freude, ist er doch voller Poesie und großartiger Landschaftsbeschreibungen. Die Wüste wird so selbst zu einem großen und wichtigen Teil des Buches. Bozak beschreibt die Auswirkungen von Hitze und Trockenheit auf Körper und Geist, welche Gefahren bestehen, aber auch welche Pflanzen den Anforderungen der kargen Landschaft trotzen können.

Fremdenhass und Ausbeutung

Die Autorin setzt sich indes nicht nur mit dem Thema Grenzen und die gefahrvolle Flucht als solche auseinander. Anhand des jungen Helden geht sie zudem auf Fremdenhass sowie Ausbeutung ein. Denn Chávez, der in seiner Heimat trotz seines jungen Alters bereits als Tätowierer Geld verdient hat, arbeitet als Erntehelfer auf verschiedenen Farmen, wo er schuftet und nur einen Hungerlohn erhält. Er ist ein Held, den man so schnell nicht vergisst. Er ist strebsam, will sein Ziel erreichen, lernt mit Hilfe von Comics und Büchern die englische Sprache.

„Der Junge“ ist dabei Teil einer Trilogie, die sich mit dem Thema Grenzen und Grenzerfahrungen beschäftigt. Bereits aus der Feder der Autorin erschienen ist der Band „Orphan Love“ (2007), wobei es wünschenswärt wäre, wenn dieser ebenfalls ins Deutsche übertragen wird. Dabei ist es äußerst verwunderlich, dass dieser zweite Teil mit dem Originaltitel „El Niño“ (2014) – in der deutschen Ausgabe in einer überaus schönen Ausstattung erschienen – hierzulande bisher kaum die verdiente Aufmerksamkeit der Kritiker erhalten hat. Bozak, die über Filmtheorie geschrieben hat und an der Carleton University in Ottawa kreatives Schreiben unterrichtet, ist mit „Der Junge“ ein großartiger berührender Roman gelungen, der über Leben, Überleben und Tod sowie Unmenschlichkeit und Menschlichkeit erzählt. Eine Autorin, die man mit ihren Werken über die Frankfurter Buchmesse mit Kanada als Gastland hinaus im Blick behalten sollte.

Eine weitere Besprechung gibt es jeweils auf den Blogs „LiteraturReich“ und „Schreiblust Leselust“.


Nadia Bozak: „Der Junge“, erschienen im Karl Rauch Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Gregor Runge; 352 Seiten, 24 Euro

Foto von Andreas Selter auf Unsplash

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