Olli Jalonen – „Die Himmelskugel“

„Der Himmel beginnt in den Augen.“

2061 soll er wieder von der Erde aus zu beobachten sein. Rund aller 74 bis 79 Jahre kehrt er zurück – der Halleysche Komet. Benannt ist er nach dem englischen Astronomen, Mathematiker und Meteorologen Edmond Halley (1656 – 1742). Der Finne Olli Jalonen erinnert mit seinem jüngsten, auch preisgekrönten Roman „Die Himmelskugel“ an den bekannten Wissenschaftler, der durch seine vielfältigen Forschungen in die Geschichte eingegangen ist. Doch im Mittelpunkt der Handlung steht eine ganze andere, überaus imponierende weil eigenwillige Person.

Aufgaben von einem berühmten Wissenschaftler

Der achtjährige Angus wächst an der Seite seiner älteren Schwester auf der Insel St. Helena auf. Sein Eltern haben vor Jahren England verlassen, um sich auf dem südatlantischen Eiland niederzulassen. Nachdem der Vater bei einem Arbeitsunfall ums Leben kommt, sorgt sich die Mutter Catherine allein um die beiden Kinder. Angus fällt dabei durch seinen Wissensdurst und ein besonderes Verhalten auf. Jeden Tag zählt er die Vögel, klettert am Abend in die Krone der riesigen Araukarie, um die Sterne zu beobachten. Eine Aufgabe, die er von einem besonderen Gast, der eines Tages die Vulkaninsel besuchte, aufgetragen bekam. Kein Geringerer als der damals schon bekannte Astronom Halley nahm sich während seines Forschungsaufenthaltes des Jungen an. Wenig später lernt Angus vom Pfarrer Martin Burch, der Halley sehr schätzt, Lesen und Schreiben, Fähigkeiten, die damals nur wenige Menschen wirklich beherrschten. Seine Mutter gibt ihm den Freiraum, obwohl er eigentlich auf den Feldern helfen soll. Als die Bedingungen auf der Insel durch den machthungrigen und tyrannischen Gouverneur bedrohlicher werden, auch das Leben von Angus‘ Familie in Gefahr ist, wird der Junge auf einem englischen Schiff als blinder Passagier eingeschleust, um als Bote über die Verhältnisse zu berichten. Nach einer gefahrvollen Reise erreicht der Junge England und begegnet seinem berühmten Mentor in London wieder, um schließlich an seiner Seite eine besondere Rolle einzunehmen.

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Der Roman setzt im Jahr 1679 ein, zwei Jahre nachdem Halley St. Helena tatsächlich besucht hat, um hier unter anderem den Merkur-Transit zu beobachten sowie die Positionen von rund 340 Sternen der südlichen Hemisphäre zu vermessen. Der Leser begleitet dessen jungen Schützling über mehrere Jahre. Angus wächst heran. Sein Ehrgeiz und Klugheit sind außerordentlich. Auch zeichnet ihn eine spezielle Beobachtungsgabe aus, eine Eigenschaft, mit der er auf dem Schiff sowie später in England Respekt erlangen soll. Doch sein Weg zum Gehilfen, Schreiber und Vertrauten Halleys ist steinig und von Herausforderungen sowie Gefahren geprägt. Auf dem Schiff, des Ostindienfahrers „Berkeley Castle“, wird er nach seiner Entdeckung schikaniert und geschlagen. Zuvor hat er tagelang im Korb des Besanmastes ausharren müssen. In England – auf den drastischen Unterschied zwischen London und St. Helena geht der Ich-Erzähler mehrfach ein – wird er zwar von Halley weiter gefördert, doch dessen Gehilfe Clarke lästert über den Jungen und dessen aus seiner Sicht niedrigen Herkunft, nennt ihn einen Yamsbengel. Die Arroganz der Kolonialmacht, in deren Händen sich St. Helena befindet, wird an dieser Figur mehr als deutlich.

„Durch Lesen und Schreiben erlangt man ein Wissen, das zweierlei ist. Ringsum gibt es Sichtbares und Messbares, aber in Gedanken gibt es Unsichtbares, das man noch nicht messen kann.“

Jalonen lässt das Geschehen aus der Sicht des Jungen schildern, der die Rolle des Ich-Erzählers übernimmt. Liegt in der Perspektive eines Kindes bereits ein besonderer Reiz, verleiht der Finne darüber hinaus dem jungen Erzähler einen speziellen Ton, der wohl den Stil des 17. Jahrhunderts mit der kindlichen Sprache eines Heranwachsenden vereinen soll. In seinem Bericht, der ab und an von Kommentaren weiterer Protagonisten durchbrochen wird, fließen sowohl seine überdurchschnittliche Klugheit als auch seine besondere Beobachtungsgabe, aber an einigen Stellen auch eine gewisse Naivität ein. „Die Himmelskugel“ gehört zu jenen eindrücklichen historischen Romanen, die das Interesse wecken, sich mehr mit den verschiedenen spannenden Themen auseinanderzusetzen: mit dem Leben und Schaffen Halleys, der 1719 zum königlichen Astronomen der Sternwarte Greenwich ernannt wurde und sich mit der Bewegung von Kometen beschäftigt hatte; die eigentliche Entdeckung des Halleyschen Kometen 1758 wurde einst dem sächsischen Amateurastronomen Johann George Palitzsch zu gesprochen. Aber die interessante Geschichte der Insel, die bis ins 16. Jahrhundert hinein unbewohnt war und die nach der Mutter jenes Portugiesen benannt wurde, der 1502 auf dem vulkanischen Eiland anlandete, findet sich in Teilen in diesem auch lehrrichen Roman. Mehr als drei Jahrhunderte später sollte St. Helena zum Verbannungsort Napoleons werden, der hier auch 1821 starb.

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Edmond Halley um etwa 1687 auf einem Gemälde von Thomas Murray (1663–1735)

Dass der Roman in die Zeit der Aufklärung führt, wird überaus deutlich. Nicht nur aufgrund der unterschiedlichen Positionen zwischen Kirche und Wissenschaft, über die sich schon der junge Held den Kopf zerbricht. Auch auf die Bedeutung von Lesen und Schreiben, wie wichtig es ist, die Welt und ihre Erscheinungen genau zu beobachten, wird an mehreren Stellen verwiesen. Halley vergleicht den Jungen, allgemein jedes Kind, mit einem leeren Gefäß, das mit Wissen gefüllt werden kann, noch eigene Erfahrungen sammeln muss. Die kurzen Verweise auf den Inhalt vor jedem der insgesamt sechs großen Teile des Buches erinnern an die Romane der damaligen Zeit.

Finlandia-Preis für Roman

Für seinen Roman erhielt Jalonen, der 1954 in Helsinki geboren wurde und zu den bekanntesten Autoren seines Landes zählt, 2018 den renommierten Finlandia-Preis, eine seit 1984 vergebene Auszeichnung der Finnischen Buchstiftung. Bereits 1990 war der Finne für seinen Roman „Isäksi ja tyttäreksi“ geehrt worden. Sein Debüt feierte Jalonen 1978 mit einer Novellen-Sammlung. Seine Werke werden in zahlreichen Sprachen übersetzt, zuletzt in deutscher Übertragung erschien sein Roman „Von Männern und Menschen“ (mare Verlag, 2016). Sein neuestes Werk ist eine großartige, wunderbar zu lesende Parabel über die Möglichkeiten mit Ehrgeiz, Offenheit und Neugierde die Welt zu entdecken und seine Träume und Ziele zu erreichen – auch wenn diese auf den ersten Blick sehr fern erscheinen.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „AstroLibrium“ sowie „Buchbube“.


Olli Jalonen: „Die Himmelskugel“, erschienen im mare Verlag, in der Übersetzung aus dem Finnischen von Stefan Moster; 544 Seiten, 26 Euro

Foto von Greg Rakozy auf Unsplash

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