Ljuba Arnautović – „Junischnee“

„Einen Menschen ohne feste Wurzeln kann nichts halten.“

Als seine Tochter Nina geboren wird, pflanzt Fjodor einem alten Brauch nach einen Baum. Statt der traditionellen Birke greift er indes fälschlicherweise zu einer Pappel. Trotzdem sorgt der Baum für Freude, für ein alljährliches wiederkehrendes Ereignis: Junischnee heißt der weiße Flaum aus Pappelsamen im russischen Sommer und zugleich der neue Roman der österreichischen Autorin und Übersetzerin Ljuba Arnautović, mit dem sie an die wechselvolle Geschichte ihrer Familie erinnert, in die sich die Ereignisse des 20. Jahrhunderts eingeschrieben haben. 

Vom Schutzbund in die Sowjetunion verschickt

Ihre Eltern lernten sich in einem sibirischen Straflager kennen. Ihre Mutter Nina war Russin, ihr Vater Karl kam als Kind an der Seite seines Halbbruders Slavko von Österreich in die Sowjetunion, wohin sie 1934 nach den Februarkämpfen vom Schutzbund verschickt wurden; ein wohl hierzulande nur wenig bekanntes historisches Kapitel. Ihre Eltern waren Sozialdemokraten. Ihre Mutter Eva wurde verhaftet, gefoltert und aus dem Land ausgewiesen, wohin sie später indes wieder zurückkehrte. Vater Karl floh nach England, um schließlich mit dem ehemaligen Truppentransporter Dunera nach Australien verschifft zu werden, wo er jedoch nur wenige Jahre blieb.

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Waren die ersten Jahre für die Kinder – Slavko wollte studieren, hatte den deutschen Exil-Schriftsteller Erich Weinert als Mentor an seiner Seite  – eine Zeit der Sicherheit und Sorglosigkeit, wandeln sich mit dem Bruch des Hitler-Stalin-Paktes und dem Überfall der Wehrmacht die Zustände für die beiden Brüder. Als sie von den Sommerferien zurückkehren, stoßen sie auf ein leeres Kinderheim. Fortan verschlechtern sich die Bedingungen, die Brüder verlieren sich aus den Augen. Karl erlebt einen Abstieg und ist allein auf sich gestellt. Er wird obdachlos, treibt sich auf den Straßen Moskaus herum, bis er letztlich aufgegriffen wird und als Volksverräter in der berühmt-berüchtigten Lubjanka verhört und vor Gericht gestellt wird. Er kommt in ein Straflager. Aus Karl wird Viktor, der als Mitglied eines kriminellen Clans ums Überleben kämpft. Seine Erlebnisse prägen ihn, fügen ihm innere wie äußere Wunden zu. Erst Anfang der 50er-Jahre wird er aus dem Lager entlassen. Viktor/Karl und Nina gründen mit der Geburt ihrer kleinen Tochter eine Familie. Hin- und hergerissen zwischen zwei Ländern mit verschiedenen politischen Systemen, der Sowjetunion und der früheren Heimat Österreich, wird ihre Liebe auf den Prüfstand gestellt.

Weiter zeitlicher Rahmen

Ljuba Arnautović ist jene erste Tochter, die sowohl in Kursk als auch Wien aufwuchs, das Auseinanderdriften, die Konflikte und die spätere Trennung ihrer Eltern hautnah erleben musste. Ihren Roman lässt sie mit der Geschichte ihrer Großeltern mütterlicherseits beginnen, die trotz eines großen Altersunterschiedes zusammenkommen. Beide stammen aus einfachen Verhältnissen und müssen früh für den Lebensunterhalt der Familie aufkommen. Schon als Kinder arbeiten sie, anstatt die Schule zu besuchen. Damit spannt die Autorin den zeitlichen Rahmen weit, der von der Jahrhundertwende bis an das Ende des 20. Jahrhunderts reicht, als Karl schließlich rehabilitiert wird und er auch vom tragischen Schicksal seines Halbbruders erfährt.

„Die Häuser wirken wie eingegraben in die Landschaft, als hätten sie sich unter der neuen Zeit weggeduckt, als die Einzug gehalten hat.“

Trotz des geringen Umfangs ihres rund 190-seitigen Bandes gelingt es der Autorin, darin anschaulich und eindrücklich die großen Ereignisse des 20. Jahrhunderts, die sich in die Biografien ihrer Familie eingeprägt haben, sowie deren Auswirkungen zu schildern. Vom Aufstieg des Nationalsozialismus und Faschismus in Deutschland und Österreich über den Schatten des Stalinismus bis hin zum Kalten Krieg, in dem sich der Westen und Osten gegenüberstanden. Arnautović zeigt vor allem anhand des Lebenslaufes ihres Vaters deutlich auf, wie menschenverachtende Systeme und politische Willkür das Leben der Menschen bedrohen oder für immer verändern. Karl und seinem Halbbruder wurden alle Möglichkeiten genommen, ein selbstbestimmtes Leben gemäß ihrer Talente und Wünsche zu führen. Die traumatischen Erlebnisse bestimmten die Beziehungen innerhalb und außerhalb der Familie.

Arnautovićs Sprache ist klar und detailreich, sachlich und dokumentarisch, geradezu unemotional – trotz des engen familiären Bezugs und der tragischen Ereignisse. Verhörprotokolle sowie Briefe begleiten die Schilderungen der autobiografischen Handlung, in der auch von den verschiedenen Verhältnissen, in denen die Autorin in ihren ersten Lebensjahren aufwuchs, erzählt wird.

„Junischnee“ ist der zweite Roman der Österreicherin. Mit ihrem Erstling „Im Verborgenen“ (Picus Verlag), mit dem sie die Geschichte ihrer Großmutter Eva erzählt, stand sie 2018 auf der Shortlist Debüt für den Österreichischen Buchpreis. Es wäre spannend und überaus wünschenswert, wenn die Autorin mit weiteren Werken ihre literarische Familiengeschichte ergänzen würde – auch als wichtiger Beitrag einer Erinnerungskultur.

Eine weitere Besprechung gibt es auf „literaturundfeuilleton“ sowie „AstroLibrium“.


Ljuba Arnautović: „Junischnee“, erschienen im Paul Zsolnay Verlag; 192 Seiten, 22 Euro

Foto von Susann Mielke auf Pixabay

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