„Leute wollten nur eine gute Geschichte hören, um ihre eigene miese Geschichte zu vergessen.“
Er hat allen den Rücken gekehrt. Seinen Eltern, seinen Geschwistern, seinem Heimatland. Als junger Mann zog es Simon Bekkers von den Niederlanden nach Kanada, um sich ein eigenes Leben aufzubauen, um alle Brücken hinter sich abzubrechen. Nach Jahren der Stille und des Schweigens meldet sich jedoch plötzlich Simons Schwester Hanne. Er soll seinen Neffen Daan aufnehmen. Doch die erste Begegnung führt zu einer Tragödie. Während einer Tour in den Rocky Mountains verschwindet Daan. Mit „Der Verschwundene“ hat die niederländische Schriftstellerin Lot Vekemans einen fesselnden, vor allem aber auch psychologisch tiefgründigen Roman geschrieben.
Eine Unheilvolle Begegnung
Mit Simon und Daan treffen zwei Generationen aufeinander. Simon, ein notorischer Einzelgänger, der Blues liebt, dessen Alltag von Routinen und Ritualen geprägt wird, lernt Daan, den 16-Jährigen mit einem Drogenproblem, kennen. Zwangsläufig. Der Jugendliche, dessen Besuch auf wenig Gegenliebe stößt, bringt Unruhe in den Alltag seines Onkels, der es mitunter schwer hatte, sich in Übersee eine Existenz aufzubauen, und nun in einer Maschinenfabrik als Fräser arbeitet. Daan wünscht sich nichts mehr als eine Tour in die Rocky Mountains, wogegen sich sein Onkel zu Beginn sträubt. Nach einigem Mit-sich-Ringen willigt Simon schließlich ein, obwohl er an einer schmerzvollen Wunde am Bein leidet und längere Touren zu einer Tortur werden. In einem Fast-Food-Restaurant treffen sie auf Chris und seinen Sohn Quinn. Eine unheilvolle Begegnung mit Folgen. Denn Chris treibt nicht nur einen Keil in die schon angespannte Beziehung zwischen Onkel und Neffen, es kommt zu Streit und Gewalt. Und plötzlich sind der Lebemann Chris, dessen Sohn und Daan spurlos verschwunden und Simon um einige Dollar ärmer.

Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Hanne und ihr Mann Robbert reisen von den Niederlanden an, was den nach Jahren ruhenden Konflikt wieder neu entfacht. Die Familie mit all ihren Spannungen und Rissen wird von innen nach außen gekehrt. Dämme brechen. Hanne spricht von einem Fluch in der Familie, Simon erinnert sich an seinen aalglatten Zwillingsbruder Ruud, dem er sich unterlegen fühlt, an seinen Onkel, der ihn hintergangen hat. Nie scheint es in der Familie und über Generationen hinweg harmonisch und einander zugewandt zugegangen sein, nie hat Simon Unterstützung erfahren.
Vekemans, 1965 in Oss geboren, ist sowohl in ihrer Heimat als auch international vor allem als Dramatikerin bekannt. Seit Mitte der 1990er-Jahre verfasst sie Theaterstücke. Ihre gut ein Dutzend Stücke sind weltweit aufgeführt und in zahlreichen Sprachen übersetzt worden. Ihre Werke „Gift“, „Judas“ und „Schwester“ wurden allein in Deutschland mehr als 200 Mal inszeniert. Vekemans wurde für ihr dramatisches Schaffen mehrfach geehrt. 2012 veröffentlichte sie mit „Een bruidsjurk uit Warschau“ („Ein Brautkleid aus Warschau“ 2016, Wallstein Verlag) ihren ersten Roman.
„Diese jahrhundertalte Landschaft, die sich schon unzählige Male erneuert hatte. Wo kein Baum derselbe war wie vor ein paar hundert Jahre, wo Gräser wuchsen, die nach einem einzigen Winter bereits wieder verschwunden waren, wo Waldbrände hektarweise Natur verwüstet hatten, die jungen Pflanzen und neuen Arten. Alles war ständig in Bewegung, und doch schien es, als hätte die Zeit keine Macht über sie. Das konnte man von Menschen nicht behaupten.“
Würde man für Vekemans Roman einen bildhaften Vergleich suchen, wäre ein passender wohl der einer Zwiebel. „Der Verschwundene“ besteht aus verschiedenen Schichten, aus mehreren Themen und menschlichen Geschichten, die die Schriftstellerin eindrucksvoll zu einer Einheit formt. Die Meisterschaft des Romans liegt in dessen psychologischer Tiefe. Ihr gelingt nicht nur ein facettenreiches Porträt eines Mannes, dessen Leben anders verlaufen ist, als er es sich vorgestellt hat und der schier gefangen scheint in seiner alltäglichen Routine aus Arbeit, Einkauf und einsamen und monotonen Stunden in der kleinen Wohnung. Zwei Hunde, die ihm früher begleitet hatten, musste er ob seiner Beinverletzung wieder abgeben, eine frühere Beziehung dauerte nur neun Tage. Mit der Begegnung mit Daan, der Wanderung im Gebirge und der anschließend nervenaufreibenden Suche wird Simon aus seiner selbst eingerichteten Komfortzone geholt und mit der Geschichte seiner dysfunktionalen Familie konfrontiert, die letztlich mit Blick auf Daan bereits negativen Einfluss auf die jüngere Generation hat.
Familie folgt wie ein Schatten
Der Roman ist deshalb weniger ein Krimi, sondern vielmehr ein hochpsychologisches und ineinandergreifendes Doppel-Porträt eines Mannes und seiner Familie, der er immer entfliehen wollte, die ihn allerdings wie ein Schatten verfolgt und ihm schmerzliche Wunden zugefügt hat. Zudem bringt Vekemans die Landschaft und Natur der Rocky Mountains als eindrucksvolle Kulisse und Kontrast zur Millionen-Metropole Calgary dem Leser nahe.
Trotz aller Dramatik, so viel sei verraten, vermittelt der Roman gegen Ende eine hellere und positive Stimmung. Vielleicht kann man der Vergangenheit nicht entfliehen, aber bereit sein für Veränderungen, die letztlich auch Simon mit der Polizistin Lana erfahren wird. „Der Verschwundene“ – der Titel verweist nicht nur auf den vermissten Jungen – ist ein fesselndes und auch bewegendes Buch, mit dem Vekemans ihre Fähigkeiten als Romanautorin erneut beweist.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem YouTube-Kanal des Blogs „Leseschatz“.
Lot Vekemans: „Der Verschwundene“, erschienen im Wallstein Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann; 266 Seiten, 22 Euro
Foto von Nicole Tarasuk auf Unsplash

