Stefan Moster – „Bin das noch ich“

„Menschen, die Musik machen, brauchen nicht viel, um zufrieden zu sein.“

Eine der wohl meist gestellten Frage ist jene, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Simon Abrameit packt seine Geige ein – mit der leisen Hoffnung, sie bald wieder spielen zu können. Der Berufsmusiker leidet unter einer Krankheit, die während eines Konzerts zu einem Zusammenbruch infolge einer Schmerzattacke in der Hand führt. Mit Hilfe einer Kollegin zieht er sich auf eine finnische Schäreninsel zurück. Stefan Moster erzählt in seinem neuesten Roman „Bin das noch ich“ von einem magischen verlassenen Ort, der einem angeschlagenen Mann eine Art Rettung verspricht.   

Der Musiker und das Meer

Fokale Dystonie heißt die Krankheit, die den Helden ereilt und auch unter dem Namen Musikerkrampf bekannt ist. Die Ursache ist noch nicht hundertprozentig klar, Mediziner vermuten indes den Grund in einer Störung im Gehirn. Auch andere Berufsgruppen können davon betroffen sein, so Chirurgen oder Feinmechaniker. Bei Musikern gilt das Leiden, deren Symptome erst nach Jahren sich abmildern können, mittlerweile als Berufskrankheit. Der Fall einer früheren Querflötistin, die nunmehr als Radiojournalistin tätig ist, brachte Moster dazu, diesen Roman zu schreiben, wie er in einem Interview im aktuellen „mare“-Magazin erzählt.

Moster

Simon bricht seine Konzerttournee ab. Dabei sollten die Monate nach der Corona-Pandemie dem Berufsmusiker wieder Auftritte bescheren. Seine Kollegin Mai bringt ihn auf die Insel ihrer Familie. Aus einer Woche werden mehrere. Simon ist dort allein auf sich gestellt, seine nächsten Nachbarn sind unzählige Meeresvögel, wie jenes Sturmmöwen-Paar, das vor dem Haus auf einem Stuhl brütet. Ohne Ladekabel für sein Handy ist der Musiker zudem von der Außenwelt abgeschnitten.

„Ihm fehlt die Kraft, und so liegt er nackt auf dem Steg in der Sonne, und über ihm wölbt sich eine Kuppel mit dem Widerhall der Rufe von Sturmmöwen, Küstenseeschwalben, Austernfischern, Rotschenkeln und Flussuferläufern.“

An diesem Ort ohne geregelten Tagesablauf beginnt Simon, der als Musiker ein unstetes Leben führt, von Hotel zu Hotel zieht, sich einzurichten. Er bringt sich die Seemannsknoten bei, hackt Holz, beobachtet das Meer durch das Fernglas. In seiner Gedankenwelt kommen nicht nur seine Eltern, der Großvater, die Bäume, die zu Geigen werden, und der Erbauer seines Instruments vor. Er denkt an Darja, eine Kontrahentin bei einem früheren Musik-Wettbewerb, der er Briefe schreibt. Im Gegensatz zu Simon hat sie die bekanntesten Konzertsäle der Welt erobert, nachdem sie aus ihrer russischen Heimat geflohen war.

„Am liebsten würde ich die Geige nehmen und dir meine Verzweiflung vorspielen, dann würdest hören, welche Art sie ist. Sie gleicht nicht der Trauer, die alles in den Schatten stellt, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, sie kommt nicht daher, dass man jemanden verliert, sondern entspringt dem Gefühl, die eigenen Proportionen verloren zu haben.“

Trotz der nahezu immergleichen Geschehnisse auf der einsamen Insel ist der Roman nie eintönig. Statt Geigenklänge erfüllen die unterschiedlichsten Laute der Vögel die Luft, der Wind bläst, das Meer rauscht, der Regen plätschert. Das Eiland ist auf seine Art ein musikalischer Ort. „Bin das noch ich“ ist ein sehr sinnlicher Roman, der zugleich eine erstaunliche Verdichtung aufweist. Denn neben den Erlebnissen des Protagonisten und den bildhaften Landschaftsbeschreibungen weist der Roman noch ein weiteres, indes auch zwangsläufiges Thema auf: die Musik – allen voran Johann Sebastian Bachs Werk „Sei solo“ und das Leben und Schaffen des ungarischen Komponisten und Pianisten Béla Bartók (1881-1945), der 1940 in die USA emigriert war, später an Leukämie erkrankte und sein letztes, selbst vollendetes Werk, das 3. Klavierkonzert, seiner Frau Ditta widmete, in dem er auch Vogelstimmen musikalisch verarbeitete. Zudem erzählt der Roman von prominenten Musikern, die das ähnliche Schicksal wie Simon erfuhren. Wie der US-amerikanische Pianist Leon Fleisher (1928-2020), der ebenfalls ans fokaler Dystonie erkrankte.

Mehrfach als Übersetzer geehrt

Stefan Moster, 1964 in Mainz geboren, kennt Finnland wie seine Westentasche. Das Land der Tausend Seen im Norden Europas ist zu seiner zweiten Heimat geworden. Er lebt im südfinnischen Porvoo nahe Helsinki. Jahre bevor er mit seinem Roman „Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels“ debütierte, erhielt er 2001 den Finnischen Staatspreis für ausländische Übersetzer verliehen. In diesem Jahr wurde er mit dem Alfred-Kordelin-Preis der finnischen Alfred-Kordelin-Foundation geehrt. Zuletzt erschien 2022 sein Band „Das Fundament des Eisbergs. Eine arktische Sehnsucht“.

Der Titel seines neuesten Romans „Bin das noch ich“ verweist auf den großen Konflikt des Helden, sein Ringen um seine Identität, wenn ihm das genommen wird, was ihn letztlich ausmacht: die Fähigkeit zu musizieren, wenngleich er nicht zu den Stars seiner Branche gehört, sondern eher zum Mittelmaß zählt, wie er ehrlich bekennt. Mosters Roman ist ein stilles wie eindrückliches Werk, das berührt, aber noch auf eine ganz besondere Art wirkt: Es sorgt für eine gewisse innere Ruhe, ein Haltmachen in der hektischen Zeit, weil es eben den Leser an einen Ort holt, der prädestiniert ist, um zu sich selbst zu finden.


Stefan Moster: „Bin das noch ich“, erschienen im mare Verlag, 272 Seiten, 24 Euro

Foto von Josep Molina Secall auf Unsplash

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