Dirk Schümer – „Die schwarze Lilie“

„Was war das Leben anders als eine Maskerade.“

Er ist wieder zurück. 20 Jahre sind vergangen. Aus Wittekind Tentronk ist ein reifer Mann geworden, aus dem einstigen Dominikaner-Novizen ein Agent einer einflussreichen Familie, von Avignon hat es ihn nun nach Florenz verschlagen. Mit „Die schwarze Lilie“ erzählt Dirk Schümer die Geschichte seines Helden aus „Die schwarze Rose“ weiter. Wieder geht es um rätselhafte Morde sowie Geld und Macht. Und wieder gelingt es ihm, ein großartiges Panorama jener Zeit zu schaffen.

Florenz in zeiten der Pest

Man schreibt das Jahr 1348. Florenz hat sich zu einer Finanzmetropole entwickelt. Einflussreiche Bankiersfamilien lenken nicht nur die Geschicke der Stadt, sondern die ganzer Länder. Doch ein Schatten hat sich über die Stadt in der Toskana gelegt. Es ist die Zeit der Pest, unzählige Menschen sterben qualvoll, ganze Familie rafft der schwarze Tod mit sich, der schließlich allein in Europa etwa 25 Millionen Opfer fordern wird und damit ein Drittel der gesamten Bevölkerung.

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Die Söhne des mächtigen Bankiers Pacino Peruzzi kommen nach und nach indes auf andere Art ums Leben. Sie werden ermordet, oft auf bestialische Weise. So findet Wittekind Ruffo, der plötzlich verschwunden war, gekreuzigt außerhalb der Stadt. Vom Patriarchen erhält er den Auftrag, den Täter ausfindig zu machen. Doch das Morden hat erst angefangen. Der Reihe nach werden Peruzzis Söhne getötet, die mehr oder weniger eine Aufgabe innerhalb der umtriebigen wie auch gewissenlosen Bank-Geschäfte der vermögenden Familie haben.

„Wiedersehen“ mit William von Baskerville

Privat hat Wittekind sein Glück gefunden – und die große Liebe: Cioccia arbeitet als Marktfrau, verkauft Obst und Gemüse und hat ein Herz für Waisenkinder. Beide kümmern sich um Monna und Dino, den Jungen Lapo haben sie in ihre Dienste aufgenommen. Neben einer Reihe fiktiver Protagonisten – auch William von Baskerville, der weise Franziskaner-Mönch bekannt aus Umberto Ecos Bestseller „Der Name der Rose“ wird wieder einen Auftritt haben – weckt Schümer wie schon in „Die schwarze Rose“ mehrere reale Personen zum Leben. In einer Taverne trifft Wittekind regelmäßig auf Dante Alighieris Sohn Jacopo, der dem Wein sehr zugeneigt ist.  Zu seinem Freund und Vertrauten wird indes der junge Boccaccio (1313-1375), der davon träumt, ein großes Werk zu schreiben. Das wird er auch: Zwischen 1349 bis 1353 wird er „Das Dekameron“, eine Sammlung aus 100 Novellen, verfassen, die heute zu den Klassikern der Weltliteratur zählt.

„Das Wappen eurer Stadt zeigt die rote Lilie. Diese Blume ist schwarz geworden. Schwarz wie eine Pestbeule, die aufspringt und Florenz mit ihrem stinkenden Eiter überschwemmt. Der Tod sendet seine Pfeile herab. Euch alle wird er ausrotten! Jeden Einzelnen, ohne Erbarmen!“

Die Literatur erhält mit dem Auftreten von Boccaccio und den Verweisen auf Dantes Schaffen eine besondere Rolle. Darüber hinaus offenbart sich Wittekind als Fan der Artus-Sage, kann aber nicht glauben, dass es irgendwann ein Autor schafft, vom Schreiben zu leben. Aber auch kluge Köpfe können sich eben irren. Mehrfach schlägt Schümer, der Germanistik, Philosophie und mittelalterliche Geschichte studiert hat, als Kultur-Journalist tätig war und bereits mehrere Sachbücher verfasst hat, den Bogen zur Gegenwart und spricht wichtige politische wie gesellschaftliche Fragen an, die noch immer Gültigkeit haben.

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Boccacchio, Stich von Raffaello Morghen, 1822

So die Macht der Banken, die mit ihrem Einfluss über das Wohl und Wehe der Stadt und des Landes entscheiden, wichtige Verbindungen zu politischen Gremien pflegen. Allerdings nicht, um der Bevölkerung zu helfen. Vielmehr verschärfen sie mit ihren korrupten Machenschaften die Kluft zwischen Arm und Reich. Welche grenzüberschreitenden Handelsbeziehungen es schon damals gab – auch darüber wird in dem Roman erzählt. Ebenfalls spricht Schümer die Themen Sklaverei und Judenhass in seinem neuesten Werk an.

„Du meinst also, fragte ich, dass die Armen die gesamten Schulden der Republik bezahlen? Und die Reichen mästen sich an den Zinsen, nachdem sie den Staat vorher absichtlich heruntergewirtschaftet haben.“

Diese Kluft spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Gruppen und Schichten in der Stadt wider, denen Wittekind bei seiner Suche nach dem Mörder begegnet. Er lernt so das Armenviertel San Gallo, das Handwerker-Viertel und das Gefängnis Stinche kennen. Und wie im Vorgängerband geht Wittekind auf Reisen: In einem längeren Abschnitt wird von Wittekinds früherem Aufenthalt in Kaffa auf der Krim, das heutige Feodossija, das von den Tartaren belagert wird und wohin letztlich die Spuren der Mordserie führen, erzählt.

Meisterhafter historischer Schmöker

„Die schwarze Lilie“ ist ein meisterhafter Schmöker, in dem man wunderbar eintauchen kann, der dem Leser diese vergangene Welt und die Stadt, die ich nun unbedingt besuchen möchte, in all ihren Facetten vor Augen führt. Er ist bildhaft, er ist spannend, und er ist lehrreich. Und am Ende, als Wittekind vor der Aufklärung der Morde steht, auch sehr berührend, gar herzzerreißend. Denn die Pest schlägt weiter erbarmungslos zu. Wird es einen dritten Teil geben? Es wäre nur zu wünschen. Vielleicht kehrt Wittekind zurück in seine Heimat, wo alles begonnen hat  – nach Köln, wo er einst mit Meister Eckhart in Richtung Avignon aufgebrochen war. Somit könnte sich der Kreis schließen.


Dirk Schümer: „Die schwarze Lilie“, erschienen im Zsolnay Verlag, 608 Seiten, 28 Euro

Foto von Edoardo Busti auf Unsplash

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