Ross Macdonald – „Wer findet das Opfer“

„Der Tod schnatterte mir ins Ohr.“

Ob er in der heutigen Zeit womöglich überlebt hätte? 1954 gab es weder Handys für den schnellen Notruf noch Rettungshubschrauber. So stirbt Tony Aquista trotz eines Helfers, der ihn im Straßengraben am Highway aufliest, wenig später im Krankenhaus. Lew Archer, seines Zeichens Privatdetektiv, der eigentlich auf dem Weg nach Sacramento ist, sammelt den jungen Mann in der kalifornischen Pampa nahe der Kleinstadt Las Cruces auf.

Paul Newman als Lew Archer

Der Privatdetektiv bleibt in Las Cruces, der Tod des erschossenen Truckfahrers treibt ihn um. Der fünfte Fall der Archer-Reihe aus der Feder des US-amerikanischen Autors Ross Macdonald (1915-1983) nimmt seinen Lauf. 1954 mit dem Titel „Find a Victim“ erschienen, kann der Band nun in einer Neuübersetzung wiederentdeckt werden. Wie Macdonalds umfangreiches Schaffen selbst, dessen Werke der Diogenes Verlag seit einigen Jahren neu verlegt. Ein Krimi-Autor, der zu den Großen des englischsprachigen Raums zählt und regelmäßig mit seinem ebenfalls berühmten Kollegen wie Landsmann Raymond Chandler (1888-1956) verglichen wird. Mehrfach wurden seine Werke mit Preisen gekrönt, einige sogar verfilmt. In die Rolle des Lew Archer schlüpfte einst kein Geringerer als Hollywood-Legende Paul Newman.

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Macdonald, der unter dem Namen Kenneth Millar am 13. Dezember 1917 in Kalifornien zur Welt kam, seine ersten Lebensjahre in Kanada verbrachte und später als Dozent an Privatschulen und der University Michigan lehrte, gilt als einer der ersten Krimi-Autoren, die Elemente der Psychoanalyse in ihren Werken verarbeitet haben. Der Mord an Tony ist einer von mehreren, mit denen es der Privatermittler im Laufe der Handlung zu tun hat, und die sämtlich vor allem mit aufgestauten Emotionen und mit vergangenen Verbrechen und privaten Konflikten zu tun haben. So viel sei an dieser Stelle verraten.

„Ich arbeite in einem schmutzigen Gewerbe. Ich kann mich nur vorsehen und versuchen, so sauber wie möglich zu bleiben.“

Mehrere Personen, die Archer nach und nach kennenlernt, sind in diese Geschehnisse verwickelt. Wie der Hotelbesitzer Donny Kerrigan, der krumme Geschäfte mit Alkohol macht und seine Frau betrügt. Auch das Verschwinden der Hotelmitarbeiterin Anne Meyer, Tochter des Spediteurs, für den Tony gearbeitet hatte, beschäftigt den Privatdetektiv.

Kein ungefährlicher Job

Archer nimmt die Ermittlungen auf, erst auf eigene Faust, dann ganz offiziell im Auftrag von Meyer – misstrauisch beäugt von Sheriff Brand Church. Archer verfolgt Personen, gerät mit einigen von ihnen aneinander. Es fliegen die Fäuste – und die Kugeln. Kein ungefährlicher Job für den Privatdetektiv, der sich zudem noch zu Kerrigans Frau hingezogen fühlt. Auch sie ist ein Grund, weshalb es ihn in der Provinz dann doch länger hält.

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Ross Macdonald (Foto: Archiv Diogenes Verlag)

Die Kleinstadt, die schon bessere Tage erlebt hat, in der Gerüchte und Lügen die Runde machen, ist kein einfaches Pflaster für Archer, der die Rolle des Ich-Erzählers einnimmt, aber nicht allzu viel von sich verrät. Er ist geschieden, Kriegserlebnisse treiben ihn noch immer um. Archer ist ein feiner, anständiger Kerl, der Wahrheit und Gerechtigkeit verteidigt, der einen „inneren Wertekompass besitzt“, wie die Krimi-Autorin Donna Leon in ihrem Nachwort schreibt. Sein Umfeld registriert er mit sehr viel Feingefühl. In den Gesprächen erweist er sich als unheimlich schlagfertig und mit einem besonderen Sinn für Humor ausgestattet. All das schlägt sich nieder in der herausragenden Sprache des Romans.

Archers fünfter Fall ist ein sehr verstrickter, der an ein Wollknäuel erinnert, in dem das Ende nicht gleich sichtbar ist. Denn neben den Tötungsverbrechen spielen auch das Verschwinden eines mit Whisky beladenen Trucks sowie ein Banküberfall eine gewisse Rolle. Trotzdem hat der Leser nicht das Gefühl, sich von einem Cliffhanger zum nächsten in atemberaubenden Tempo zu hangeln.

Vielmehr schlägt die Story eine eher ruhige Gangart ein, mit der man sich in der heutigen hektischen wie von aufmerksamkeitsheischenden Effekten gesättigten Zeit wohl erst einmal wieder vertraut machen muss.  Doch es lohnt sich. Denn Stück für Stück setzt sich der Fall zusammen. Erst am Ende wird das Geheimnis des Täters und seines Motivs klar. Überraschungen inklusive!


Ross Macdonald: „Wer findet das Opfer“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Stegers, mit einem Nachwort von Donna Leon; 320 Seiten, 19 Euro

Foto von Photo Person auf Unsplash

2 Kommentare zu „Ross Macdonald – „Wer findet das Opfer“

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