Uwe Wittstock – „Marseille 1940“

„Der europäische Kontinent ist wohl verloren.“

Wer das Viertel rund um den Potsdamer Platz in Berlin aufmerksam erkundet, wird womöglich ein Straßenschild länger in Augenschein nehmen, das auf den amerikanischen Journalisten Varian Fry (1907-1967) hinweist. Fry war Fluchthelfer und Initiator eines Netzwerkes, das mit Sitz in Marseille während des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Besatzung Frankreichs Hunderte Menschen vor Verfolgung und Tod bewahrt hat. Uwe Wittstock erzählt in seinem großartigen Band „Marseille 1940“ dessen Geschichte und die vieler anderer.

Ein Land wird zur Falle

Wer sich die Aufzählung derer anschaut, glaubt, ein gut sortiertes Buchregal oder die Lektüreliste von Studenten vor sich zu haben: Ob Heinrich und Golo Mann, Anna Seghers oder Lion Feuchtwanger, Franz Werfel und Hannah Arendt. Sie alle waren nach Hitlers Machtergreifung ins französische Exil geflohen, wähnen sich hier in Sicherheit. Doch im Juni 1940 überfällt die deutsche Wehrmacht im Zuge ihrer Westoffensive das Nachbarland, das fortan geteilt wird.

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Das nazifreundliche Vichy-Regime wird per Waffenstillstandsvertrag verpflichtet, Emigranten an die Besatzungsmacht auszuliefern. Das Land wird regelrecht zu einer Falle für Juden und die Gegner Hitlers wie Kommunisten und Sozialdemokraten. Die meisten von ihnen, Männer wie Frauen, sind in Internierungslagern inhaftiert, wo Hunger herrscht und infolge der schlechten hygienischen Bedingungen unheilvolle Krankheiten sich verbreiten.

Viele Schicksale versammelt

Am 4. August 1940 besteigt Varian Fry einen Clipper, um von Amerika nach Europa zu fliegen. Mehr als ein Jahr wird er in Marseille verbringen, hier ein Netzwerk aus Mitarbeitern und Helfershelfern, das Centre Américain de Secours (CAS), im Auftrag des Emergency Rescue Committee aufbauen, um Exilanten die zweite Flucht zu bereiten. Über Land und über Wasser. Die malerische Stadt im Süden Frankreichs an der Côte d’Azur wird zur Zufluchtsstätte vieler. Am Ende werden es rund 1.000 Männer und Frauen sein, die gerettet werden. Doch es sind nicht die Zahlen, die einen berühren, sondern vielmehr die Schicksale, die dahinter stehen.

Wittstock erzählt viele davon. Das Namensregister am Ende des Bandes ist ein Who’s  Who der damaligen europäischen Künstler- und Intellektuellenszene, wobei ein Teil fast wieder in Vergessenheit geraten ist. Es ist ein erbittertes Ringen um das nackte Leben – und einige werden es nicht in Sicherheit schaffen wie der SPD-Politiker Rudolf Breitscheid oder Luise Strauss-Ernst, die erste Frau des Malers Max Ernst, einige wählen den Freitod wie der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin, als sie keine Hoffnung mehr sehen.

„Er hat sich die Liste mit den zweihundert Namen der meistgefährdeten Künstler und Schriftsteller mit Klebeband an sein Bein geheftet, dazu dreitausend Dollar in bar, um beides in Portugal unkontrolliert durch den Zoll zu bringen.“

Ausführlich beschreibt Wittstock die unermüdliche wie akribische Arbeit des Centre. Viele Steine werden Fry und seinen Helfern in den Weg gelegt. Die Bürokratie ist überbordend, unzählige Papiere und Dokumente sind vorzuweisen für die Aus-, Durch- und Einreise, das Vichy-Regime verschärft mit der Zeit die Judengesetze und selbst die amerikanischen Behörden sehen die Arbeit Frys zunehmend skeptisch und behindern die Rettungsbemühungen. Viele Exilanten erleben eine Odyssee. Von Ort zu Ort, von Lager zu Lager. Mancher Fluchtversuch wird abgebrochen oder scheitert gar. Der Amerikaner und seine Mitarbeiter geraten zunehmend selbst in den Fokus der Polizei. Mit der Zeit werden die Lebensmittel und die Brennstoffe knapp. Es herrscht pure Not in Marseille. Dass viele dem sicheren Tod entkommen konnten, ist auch der Verdienst von Einheimischen: Polizisten drücken ein Auge zu, Einwohner aus Dörfern entlang der Fluchtroute stellen sich schützend vor die Helfer, in dem sie ein gutes Wort für sie einlegen, oder geben ihnen ein Obdach und Lebensmittel.

„Ohne die Hilfe dieser Franzosen, ohne ihren Mut, Fremde aufzunehmen und zu verstecken, hätte kein Flüchtling länger als ein paar Wochen in Frankreich überleben können.“

Nach seinem vielbeachteten Band „Februar 1933. Der Winter der Literatur“, im August 2021 erschienen, erzählt Wittstock wieder von dieser dunklen und grausamen Zeit. Seine Recherche-Arbeit ist immens. All die Geschehnisse, die er chronologisch begleitend von geschichtlichen Exkursen schildert, finden sich in Briefen, Tagebüchern und Autobiografien sowie Sachbüchern. Der Autor griff zurück auf die Bestände mehrerer Archive und Bibliotheken, so auch die Sammlung des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt/Main.

Kleine Details und Begegnungen

„Marseille 1940“ versammelt unzählige kleine Details, Szenen und Begegnungen. Heinrich Mann kommt nach Frankreich nur mit einem Koffer und einem Regenschirm. Im Auto eines schwedischen Diplomaten lässt Lion Feuchtwanger als Frau verkleidet nach der Flucht aus einem Internierungslager Polizeisperren hinter sich. Hannah Arendt und Walter Benjamin spielen zusammen Schach. Die Geschichte des Manuskripts des Romans „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers erscheint nahezu abenteuerlich. Darüber hinaus gibt es Einblicke in die Beziehungen zwischen den Künstlern und Gelehrten, die Freundschaften pflegen oder sich eher als Konkurrenten verstehen.

Trotz der Flut an Namen und Geschehnissen ähnelt die Lektüre des Sachbuches die eines fesselnden Romans. Szenerien werden beschrieben, Dialoge geführt. Darüber hinaus beinhaltet der Band zahlreiche historische Aufnahmen sowie zwei Karten. Am Ende ist man an Wissen reicher, berührt von der Masse an ähnlichen Schicksalen, der Todesangst und des Elends und wird vielleicht mehr zu der einen oder anderen Person erfahren oder Werke wie Seghers „Transit“ lesen wollen, die die Flucht via Marseille beschreiben.

Fry, der mit all seinen Stärken und Schwächen geschildert wird, ist nach dem Krieg und seinem allzu frühen Tod mit nur 59 Jahren nahezu in Vergessenheit geraten, obwohl er Hunderte Menschen, eine Vielzahl mit Rang und Namen, gerettet hat. Nach der Rückkehr fiel er bei vielen in Ungnade. Weder konnte er an seine frühen journalistischen Erfolge anknüpfen, noch erfuhr er noch zu Lebzeiten eine angemessene Ehrung. Erst 1994 verlieh die Internationale Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem ihm den Titel „Gerechter unter den Völkern“.

Eine weitere Besprechung ist zu finden auf dem Blog „LiteraturReich“.


Uwe Wittstock: „Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur“, erschienen im Verlag C. H. Beck; 351 Seiten, 26 Euro

Foto von Wojciech Rzepka auf Unsplash

8 Kommentare zu „Uwe Wittstock – „Marseille 1940“

  1. Klingt spannend. Transit von Anna Seghers gehört zu den Büchern, die mir noch heute nachgehen, auch in der modernen Verfilmung von vor zwei Jahren. Frage mich, wie wir heute mit Flüchtlingen umgehen, und wo ein Varian Fry heute arbeiten würde?

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      1. Transit musst du unbedingt lesen. Ich habe dafür den Wittstock noch vor mir.
        Danke für den interessanten Beitrag.

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    1. Unbedingt! Ich finde auch, Wittstocks Buch weckt das Interesse sich mit den Schicksalen. mit den Menschen und ihrem Schaffen mehr zu beschäftigen. Ich habe nebenbei online mir die Vita mancher Person angeschaut, weil ich sie nicht kannte. Gerade auch die Mitarbeiter und Helfer des Netzwerks haben teils beeindruckende Biografien. Viele Grüße

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