Davide Coppo – „Der Morgen gehört uns“

„Tragödien sind sorgfältig gedeckte Tische, nicht das spontane Stückwerk eines schlechten Tages.“ 

Er sitzt seine Strafe ab. Neun Monate Arrest. Bald wird er 18. Ettore blickt zurück, auf das was geschehen ist, wie es geschehen konnte. Dass er einem Jugendlichen ein Springmesser in den Leib gestoßen, ihn schwer, gar lebensbedrohlich verletzt hat. Der italienische Journalist und Autor Davide Coppo erzählt in seinem Debüt „Der Morgen gehört uns“, wie ein Jugendlicher nach rechts driftet, Teil einer neofaschistischen Gruppierung wird und zunehmend Gewalt und Hass verfällt.

suche nach Halt und Identität

Ettore lebt unweit von Mailand in einem kleinen Ort. Nach dem Sommer soll er von der Mittelschule auf das Gymnasium wechseln. Was bedeutet: Andere Lehrer, andere Mitschüler, die Großstadt anstatt das vertraute Land. Seine Mutter setzt ihn wegen der Leistungen unter Druck. Der Junge fühlt sich überfordert, von keinem so richtig angenommen. Eines Tages lernt er Giulio kennen, der in einer faschistischen Jugendorganisation namens „Federazione“ aktiv ist. Ettore auf der Suche nach Identität und einem Halt imponieren der Gemeinschaftssinn und die Kameradschaft. Er saugt die Ideologie samt ihrer Feindbilder und ihres Märtyrer- wie Opferkultes förmlich auf, liest, was er bekommen kann, in Büchern, im Internet, wodurch er den Beinamen „Intellektueller“ erhält. 

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Die Gruppe organisiert Info-Stände, geht zu Demos. Doch das reicht Ettore längst nicht mehr, als es in seiner Schule zu einem Eklat kommt. Während einer Veranstaltung wird eine Auschwitz-Überlebende von einem wenige Jahre älteren Schüler, der den Holocaust leugnet, verbal attackiert. Der Vorfall geht Ettore nicht aus dem Kopf, in ihm hat sich Frust, Wut und Hass aufgestaut. In dem aggressiven Schüler, der schließlich von der Schule geworfen wird, sieht er ein Vorbild. Ettore will mehr, vor allem moralische Grenzen hinter sich lassen. Nach einem Fußballspiel, bei dem es zu Schlägereien kommt, genießt er zunehmend die Euphorie, die die rohe Gewalt in ihm freizusetzen vermag. 

„Sie waren Wölfe, wir bloß Welpen.“ 

Mehr und mehr gerät er auf seinem Irrweg ins Abseits. Er verliert den vertrauten Kontakt zu seiner Großmutter Elsa, die für ihn Kindermädchen, Mutterersatz und Lehrerin gewesen war. Seine Mutter nennt ihn „verfluchter Fascho“, seine Freundin Olimpia geht ihm aus den Weg. Selbst Giulio distanziert sich von Ettore, bis der auf einen jüngeren Schüler aus gutem Hause trifft, der ihn in seinem Handeln nicht nur bestätigt, sondern auch anfeuert. 

FAsziniert von Kriegsschilderungen  

Der Leser begleitet den jungen Helden einige wenige Jahren. Ettore ist zugleich Ich-Erzähler und schildert seine Geschichte als eine Art ehrliche Abrechnung rückblickend selbst. Es ist das Herausragende an Coppos Debüt, dass der Autor die Gedankenwelt Ettores in all ihren Facetten und Widersprüchen darstellt, die Entwicklung von einem sensiblen und talentierten, zu einem gewaltbereiten Jugendlichen aufzeigt, der zwar die Widersprüche der faschistischen Ideologie erkennt, von ihr allerdings nicht abrückt, sondern leere Phrasen von einer neuen Welt und einer neuen Menschheit nur nachplappert.

Seine Entwicklung ist ein längerer Prozess, der mit der Faszination für die Kriegsschilderungen seines Großvaters und die Bilder von Massenaufmärschen in der Schule beginnt und mit einem Gewaltakt als Schlusspunkt einer Radikalisierung endet – getragen von einer fehlenden Perspektive und vom Mangel an Menschen, die ihn begleiten, Halt und Sicherheit geben. Weder die Eltern, die mit sich selbst beschäftigt sind, noch Lehrer und Mitschüler kommen noch an ihn heran. 

„Ich naschte den Hass, ohne zu ahnen, wie er mir bekommen, welche neuen Kräfte er mir verleihen würde.“

„Der Morgen gehört uns“ – der Titel stammt aus einem im Roman erwähnten Lied – kann als Buch der Stunde gelten: nicht nur weil Italien sich als Gastland fünf Tage lange auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse unter dem Motto „Verwurzelt in der Zukunft“ präsentierte, sondern auch mit Blick auf das Erstarken des Faschismus in Europa.  Seit 2022 steht mit Giorgia Melloni eine Post-Faschistin an der Spitze der italienischen Regierung. In anderen Ländern streichen Rechtsextreme Wahlerfolge ein, und wir brauchen da gar nicht so weit schauen: Diese erschreckende Entwicklung geschieht direkt bei uns.  

Nah am Hier und Jetzt

Coppos eigene Erfahrungen in der Jugend und auch eben jene politische Entwicklung haben ihn zum Schreiben seines Debüts animiert, wie er in einem  Interview mit dem „fluter“, dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, verrät. Coppo, Chefredakteur der Sportzeitschrift „Rivista Undici“, schreibt daneben für weitere Medien. Dass der Roman nicht in die dunkle Geschichte des 20. Jahrhunderts führt, sondern von der jüngsten Vergangenheit erzählt, rückt ihn näher zum Hier und Jetzt, macht ihn auch als Lektüre für Jugendliche interessant. Und einmal mehr hat der vor drei Jahren gegründete Kjona Verlag ein „Händchen“ bewiesen und einem eindrücklichen Buch, das ausgezeichnet aktuelle politische wie gesellschaftliche Debatten und Entwicklungen begleiten kann, den Weg in hiesige Breiten ermöglicht.    

Eine weitere Besprechung gibt es auf „Rezensöhnchen“.


Davide Coppo: „Der Morgen gehört uns“, erschienen im Kjona Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Jan Schönherr; 240 Seiten, 24 Euro 

Foto von Artem Xromov auf Unsplash

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