Traum im Frühling – Norwegen als Gastland auf der Buchmesse Leipzig

„Det er den draumen me ber på at noko vedunderleg skal skje, at det må skje (…)“.*

Das sind die ersten Verse aus dem Gedicht „Det er den Draumen“ des norwegischen Lyrikers und Übersetzers Olav H. Hauge (1908 – 1994). Es stand 2019 als Motto über dem eindrucksvollen Gastland-Auftritt Norwegens zur Frankfurter Buchmesse. Allerdings: Der Traum ist noch längst nicht ausgeträumt und findet seine Fortsetzung nun zur diesjährigen Leipziger Buchmesse vom 27. bis 30. März. Zu meiner großen Freude, denn die Literatur des nordischen Landes fasziniert und begleitet mich seit vielen Jahren.

Kronprinzessin Mette-Marit zu Gast

Der Traum geht also weiter. Und Norwegen ist das Land, das mit dem wohl kürzesten Zeitabstand – es sind gerade mal fünfeinhalb Jahre – zwei Gastland-Auftritte auf den zwei großen deutschen Buchmessen ausgestaltet. „Es ist definitiv für uns ein Traum im Frühling“, sagte Messechefin Astrid Böhmisch kürzlich während einer Online-Präsentation. „Es war ein schönes Vorbereiten.“ Neben rund 50 Autorinnen und Autoren wird auch Kronprinzessin Mette-Marit in Leipzig erwartet und am Messedonnerstag den norwegischen Stand eröffnen. Die 51-Jährige ist Lesebotschafterin in ihrem Heimatland. 2019 reiste sie mit ihrem Mann, dem norwegischen Kronprinzen Haakon, im Literaturzug an. „Ein solches Amt würde ich mir auch für Deutschland wünschen“, betonte Astrid Böhmisch.

Im Saal der Nordischen Botschaften in Berlin: Thomas Böhm (r.) im Gespräch mit Vigdis Hjorth und Simon Stranger.

Die Buchmesse sei dabei mehr als nur ein Marktplatz, auf dem sich Autorinnen und Autoren mit ihren Büchern präsentieren. Die Messe sei auch ein „Ort der Begegnungen, um Meinungen und Ideen auszutauschen“, unterstrich Laila Stenseng, Botschafterin Norwegens in Deutschland, während einer Pressekonferenz in den Nordischen Botschaften in Berlin. „Die Kraft der Literatur und des freien Wortes und ihre Bedeutung für Mensch und Gesellschaft sind unbestritten, nicht zuletzt auch für eine resiliente Zivilgesellschaft. Lesen(lernen) und die aller Kunst immanente Ambivalenz der Literatur fördern kritisches Denken und Urteilskraft, eröffnen Räume für Reflexion und Diskurs, die wir in der heutigen Zeit um der aufgeklärten Öffentlichkeit willen besonders brauchen.“ Die Leipziger Buchmesse steht ganz in diesem Sinne auch unter dem Motto „Worte bewegen Welten“.

„Die Kraft der Literatur und des freien Wortes und ihre Bedeutung für Mensch und Gesellschaft sind unbestritten, nicht zuletzt auch für eine resiliente Zivilgesellschaft.“

Laila Stenseng, Botschafterin Norwegens

Die Vielfalt des Gastland-Programms zeigt sich nicht nur in der großen Zahl an Autorinnen und Autoren. Mehrere Themen und Genres stehen im Fokus: Belletristik inklusive historischer Erzählungen und die norwegische Kriminalliteratur genauso wie Sachbücher, Werke für Kinder und Jugendliche sowie die Literatur der Sami, des indigenen skandinavischen Volkes. Neben der Buchmesse fungieren zahlreiche Kultureinrichtungen Leipzigs als Locations von rund 80 Veranstaltungen.

Zu den Höhepunkten zählen: die norwegische Literatur-Gala im Haus des Buches mit Matias Faldbakken, Tomas Espedal, Trude Teige, Erik Fosnes Hansen, Kjersti Anfinnsen und Vigdis Hjorth, moderiert von Joachim Król (26. März, 19.30 Uhr). Die Lesung mit Karl Ove Knausgård im Schauspiel Leipzig (27. März, 19.30 Uhr) sowie die „Norwegische Nacht“-Reihe in der Schaubühne Lindenfels mit einer Vielzahl an sowohl bekannten als auch neuen literarischen Stimmen Norwegens (27. März, 18.45 Uhr & 28. März, 19 Uhr/21 Uhr & 29. März, 19/21 Uhr). Bereits am Wochenende vor der Buchmesse gibt es eine Stadtführung durch Leipzig mit Tore Renberg, der mit seinem neuesten Roman „Die Lungenschwimmprobe“ im Frühjahr mehrere Lesungen in mehreren Städten absolviert.

Einzigartiges Fördersystem

Weitere Orte sind die Grieg-Begegnungsstätte, die Deutsche Nationalbibliothek und die Leipziger Stadtbibliothek, die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, das Theater der jungen Generation sowie das Werk II. Eine Plakatkampagne innerhalb der Stadt wird den Gastland-Auftritt bewerben. „Unser Traum ist es, dass jeder in Leipzig sagen kann, dass Norwegen das Gastland ist“, sagte Andrine Pollen, Senior Adviser von Norla (Norwegian Literature Abroad). Die Organisation ist wie in Frankfurt Organisator des Gastlandauftritts im Auftrag der norwegischen Regierung.

1978 gegründet, unterstützte Norla seit 2004 die Übersetzung von mehr als 8.000 norwegischen Büchern in mehr als 70 Sprachen. Der deutschsprachige Raum bildet den größten Markt für die Literatur des skandinavischen Landes. Wenngleich norwegische Bücher mitunter erst Jahre nach der Originalveröffentlichung ins Deutsche übertragen werden, fungieren die Buchmessen wie eine Art Katalysator: Neuerscheinungen werden zeitnah übersetzt, und generell vergrößert sich die Zahl der Bücher, wenn sich ein Land als Gastland präsentiert, was auch im aktuellen Beispiel von Norwegen ein Blick in die Frühjahrsvorschauen verrät.

Das norwegische Literatursystem gilt als einzigartig. So gibt es die staatlich finanzierte Abnahmereglung, bei der jährlich zwischen 550 und 1.500 Exemplare aus einer Liste von etwa 600 Neuerscheinungen angekauft  und öffentlichen Bibliotheken zugeführt werden. „Dies dürfte weltweit wohl einzigartig sein,“ so Annike Pollen. Diese finanzielle Subvention gibt den Verlagen den Spielraum, auch Bücher zu veröffentlichen, die keinen großen wirtschaftlichen Erfolg versprechen. Darüber hinaus könnten sich so Autorinnen und Autoren auch in anderen Genres ausprobieren, erklärt Pollen. Was der Leipziger Schriftsteller Matthias Jügler („Maifliegenzeit“), der in Oslo studiert hat, an der norwegischen Literatur und dem dortigen System mag, hat er kürzlich sehr eindrücklich in einem Beitrag in der FAZ in Form einer Liebeserklärung beschrieben.

Alles begann mit „Yesterday“

Und wann hat meine Liebe für die norwegische Literatur begonnen? Wie bei so manchen mit einem Buch. Es ist schon viele Jahre her, als ich den Roman „Yesterday“ von Lars Saabye Christensen über eine Gruppe Jungen in Oslo zur Beatles-Zeit las. Mittlerweile haben sich zu diesem Roman nicht nur weitere Bücher des Schriftstellers gesellt. Mein Blick fällt nunmehr auf eine kleine norwegische Bibliothek, darunter norwegische Originalausgaben wie eine illustrierte großformatige Ausgabe der Volksmärchen von Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe.

Über Knut Hamsun und seinen Einfluss auf die deutsche Literatur der Jahrhundertwende schrieb ich meine Magisterarbeit – trotz vielleicht auch wegen seines hoch ambivalenten Lebens und Schaffens. Edvard Hoem erzählt in „Die Geschichte von Mutter und Vater“ indirekt auch die Geschichte, die ähnlich in meiner Familie geschehen war. Im Lesekreis las ich wiederholt Per Pettersons Roman „Pferde stehlen“. Einer meiner Lieblingsschriftsteller – wie auch Roy Jacobsen, Karl Ove Knausgård, Lars Mytting und Jan Kjærstad, dessen jüngster Roman „Eine Zeit, zu leben“ kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Und nun Leipzig: Obwohl ich nur einen Tag auf der Messe sein kann, bin ich voller Vorfreude auf den dortigen Trubel und vor allem die Bücher, die mich in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren begleiten werden. Denn: Der Traum geht weiter!


Foto: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze

* „Das ist der Traum, den wir tragen daß etwas Wunderbares geschieht, geschehen muß (…).“ Übersetzung von Klaus Anders

5 Kommentare zu „Traum im Frühling – Norwegen als Gastland auf der Buchmesse Leipzig

  1. Liebe Constanze, ich freu mich sehr für Dich! Es ist immer etwas sehr Besonderes, wenn die Region im Mittelpunkt steht, zu der man sich literarisch hingezogen fühlt. Ich denke Leipzig bietet mit seinen wunderbaren locations eine tolle Bühne. Da stehen ja einige Highlights an. Mir war das Literatursystem gar nicht bekannt – das ist einfach grandios. Es sollte Vorbild sein.
    Ich wünsche dir einen unvergesslichen Messetage. Wir sehen uns dieses Jahr leider nicht in Leipzig aber ich bin sehr gespannt auf deinen Bericht und lese hier mit!
    Bis ganz bald und liebe Grüße
    Vera

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    1. vielen Dank, liebe Vera, für Deine Zeilen. Auch wenn ich nur einen Tag in Leipzig sein kann, freue ich mich sehr auf die Zeit. Schade, dass Du es nicht schaffst, nach Leipzig zu kommen. Ja, das Literatursystem und auch die Förderung von Kunst und Kultur in Norwegen ist beachtlich. Generell würde ich mich wünschen, wenn das Lesen hierzulande noch mehr Unterstützung erfahren würde. Liebe Grüße

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