Lars Elling – „Die Prinzen vom Birkensee“

„Finde den Schlüssel und verlasse das Bildarchiv. Werde sehend.“ 

Wie ein grüner Gürtel umgibt die Marka Oslo. Nördlich der norwegischen Hauptstadt breitet sich die Nordmarka aus. Ein riesiger Wald mit Hügeln und Seen – so groß wie etwa Halb-Berlin. Die beiden Brüder Arnstein und Truls werden von ihrem Vater in die Nordmarka geschickt. Nicht nur für wenige Tage, sondern für mehrere Wochen. Dort sind sie allein auf sich gestellt. Sie müssen sich ihre Nahrung selbst jagen oder fangen. Die beiden Jungen haben zueinander eine enge Bindung, sie sind Gefährten, Vertraute. 70 Jahre später, im betagten Alter, sprechen sie indes kein Wort mehr miteinander. Ein Zaun zieht sich durch das gemeinsame, einst elterliche Grundstück im Kvartsveien, das Haus ist geteilt. Und Arnsteins Enkel Filip fragt sich warum.     

Kunstwerk auf Cover

Mit seinem Debüt „Die Prinzen vom Birkensee“ verarbeitet der Norweger Lars Elling eine Familiengeschichte. Von Hause aus ist er bildender Künstler, seine Werke sind über die Grenzen Norwegens gezeigt worden – so auch in Berlin und New York. Er ist Autor von Bilderbüchern, darüber hinaus hat er Kinderbücher illustriert. Auf dem Cover der deutschsprachigen Ausgabe von „Die Prinzen vom Birkensee“ ist ein Ausschnitt des Gemäldes „Kniven in vannet“ (übersetzt: „Das Messer im Wasser“) aus dem Jahr 2009 abgebildet. Es bleibt nicht die einzige Verbindung zwischen Ellings künstlerischem Schaffen und seinem autobiografisch geprägten literarischen Erstling

Filip, der jugendliche Held, liebt Fußball und die Musik von Bryan Ferry. Der 18-Jährige trägt das Haar wie der Sänger. Sein linkes Bein ist länger als das rechte, was ihm einen speziellen Gang verleiht. Es sind die 80er-Jahre. Was Filip sieht und was ihm erzählt wird, will er auf Papier skizzieren. Sein Kopf ist angefüllt mit Bildern. Nach dem Auszug seiner älteren Schwestern Turid fühlt er sich allein und zurückgelassen. Als sich Arnsteins Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert, sucht Filip ihn immer wieder in seiner Wohnung auf, obwohl das Verhältnis zwischen Großvater und Enkel zuvor nicht das beste war. Filip mag den barschen Stil seines Großvaters nicht. Doch Arnstein beginnt, von seiner Kindheit zu erzählen, und Filip hört ihm zu. 

„Man muss nicht ganz zu Ende sterben. Wer sagt denn, dass es die Endstation ist? Die Schienen gehen schließlich weiter.“ 

Arnsteins Bericht führt in das Jahr 1914. Sein Vater, ein glühender Anhänger des deutschen Kaisers Wilhelm II., ahnt, dass bald Krieg kommen wird. Von seinen Kindern fordert er Disziplin und Aufopferung. Er schickt seine beiden jüngeren Söhne Arnstein und Truls in die Weite der Nordmarka – für heutige Verhältnisse unfassbar, damals indes gängig. Früh hat er ihnen Überlebenstaktiken sowie ein umfangreiches Naturwissen beigebracht. Im elterlichen Regal stehen die Bände von „Brehms Tierleben“ – mit den ersten sechs Bände in den Jahren 1864 bis 1869 erschienen – in deutscher Sprache. Der älteste Sohn, der geistig behinderte Tom Even, bleibt bei seinen Eltern zurück – vorerst.

Die Brüder verkaufen Maiglöckchen und Bärlauch auf dem Markt. Sie fangen Fische, Krebse und Vögel, sammeln Pilze, klauen die Vorräte der Waldarbeiter und rauchen Tabak – sie sind mehr Erwachsene als Kinder. Sie fühlen sich groß und erhaben, nennen sich Fürsten, Prinzen, Herzöge und Barone. Doch sie sind nicht allein: Die unterschiedlichsten Menschen leben und arbeiten in der Marka: Bauern, Köhler und Flößer. Ellings Buch, das die Perspektiven von Großvater und Enkel ins Zentrum rückt, andere Figuren wie bei einem Bild eher in den Hintergrund oder an die Seite setzt, ist zugleich ein eindrucksvolles Porträt dieser Gegend und ihrer Menschen.  

Gegenentwurf zum Grauen 

Die großartige Naturlandschaft – poetisch, bildhaft und sinnlich von Elling in Sprache übertragen – gibt sich wie ein friedlicher Gegenentwurf zum kommenden Grauen des Ersten Weltkriegs, der sich von 1914 bis 1918 über den Globus wälzte und Millionen Menschen in den Abgrund riss. Wenngleich die Zeit der Brüder im Wald nicht nur idyllisch ist: Mit Schlingenfallen fangen und töten sie unzählige Vögel, was an ein Massaker erinnert. Und dann geschieht letztlich die unfassbare Tragödie, die dazu führt, dass sich Arnstein und Truls für immer entzweien, was später mitunter zu absurden Ereignissen führt: Alljährlich befinden sich die beiden Familien in einem Apfelkrieg. Keiner kümmert sich um die Äpfel, weil sich zwischen dem Apfelbaum und den heruntergefallenen Früchten eben der eingangs erwähnte Zaun befindet.      

„Alles, was ich zeichne, ist wie ein Stempel aus Gummi. Landschaft mit schneebedeckten Tannen.“ 

Elling, 1966 geboren, studierte an der Kunstakademie in Bergen mit dem Fokus auf Buchillustration. Er gestaltete das Kinderbuch „Rot, Blau und ein bisschen Gelb“ von Bjørn Sortland, das 1996 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Sein Romandebüt, im Original mit dem Titel „Fyrstene av Finntjern“ bereits 2022 in Norwegen erschienen, entstand während der Pandemie, als das kulturelle Leben weltweit nahezu gänzlich eingefroren wurde.

„Die Prinzen vom Birkensee“ ist ein berührender wie meisterhaft erzählter Roman über die Frage, wie Ereignisse in der Vergangenheit noch immer auf die Gegenwart wirken und damit die nächsten Generationen beeinflussen, und ist zugleich ein kluges Buch über Geheimnisse und das Schweigen, über Leben und Tod sowie die reiche Natur, die vergänglich ist – so wie eben auch das Leben eines Menschen.  


Lars Elling: „Die Prinzen vom Birkensee“, erschienen im Penguin Verlag, in der Übersetzung von Frank Zuber; 336 Seiten, 24 Euro

Foto von Kris-Mikael Krister auf Unsplash

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