„Das Schreiben formte die Tage.“
Daphne du Maurier und ihr Haus in Menabilly, Edith Whartons Villa „The Haunt“, Toni Morrisons Hausboot: So wie Schriftstellerinnen namhaft wurden, so bekannt wurden oft auch ihre Häuser, in denen ihre Werke entstanden sind. Schreiben fordert Rückzug, formt den Drang nach einem persönlichen Raum. Über Autorinnen und ihre Schreibräume erzählt die Norwegerin Kristin Valla in ihrem Buch „Ein Raum zum Schreiben“ – verknüpft mit ihrer eigenen Suche nach einem geeigneten Ort, die sie nach Südfrankreich führte.
Kleines Haus im kleinen Ort
Roquebrun – ein Dorf zwischen Toulouse und Montpellier gelegen, hier wachsen Orangen und Zitronen und Wein, malerische Gassen, der Fluss Orb und eine mittelalterliche Burg prägen das Ortsbild. Frankreich hat es Valla schon seit jeher angetan, bereits in der Kindheit trug sie in sich den Wunsch nach einem eigenen Haus, das sie in Roquebrun schließlich durch eine Maklerin findet: das Domizil einer Schweizer Familie, in das nun die Norwegerin einziehen will – Tausende Kilometer von ihrer Heimat und ihrer Familie entfernt. Ihren Job als Journalistin hat sie an den Nagel gehängt, um sich voll auf ihr Schreiben zu konzentrieren. Vor zehn Jahren hat sie bereits mehrere Romane veröffentlicht. Dass dieses Gebäude marode ist, feuchte Wände hat und von Termiten vereinnahmt wurde, dass der Ort ganz anders als Oslo ist, stört sie vorerst nicht.
Doch in den nächsten Wochen und Monaten wird dieser große Traum auf die Probe gestellt. Tränen fließen, Zweifel kommen auf. Valla hält indes fest an ihrem Haus. Mitreißend beschreibt sie ihre Energie und ihren Optimismus, grundehrlich indessen ihre Ängste und Fehler. Und dieses Haus ist mehr als nur ein Haus, es ist das Symbol eines Neuanfangs, eines Wendepunktes, eines Bewusstseins der eigenen Persönlichkeit – als Frau, als schreibende Frau. Valla zieht einen markanten Strich zwischen dem Schreiben als Journalistin und dem Schreiben als Verfasserin von literarischen Texten. Das Haus in Roquebrun ist ein Ort, den sie selbst formen und gestalten kann.
Zahlreiche Autorinnen – und ihre Schreibräume
Ihre eigenen Erfahrungen, Erlebnissen und Beschreibungen von Einwohnern des Ortes verbindet sie mit den Biografien von Schriftstellerinnen, die sich ebenfalls einen Raum zum Schreiben geschaffen haben: Die Liste ist lang, umfasst norwegische Autorinnen, aber auch Schriftstellerinnen aus anderen Ländern, bekannte und weniger bekannte Namen sowie Schreibende aus unterschiedlichen Zeiten – vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart.

So lernt man unter anderem auch Halldis Moren Vesaas (1907-1995), die Frau des jüngst auch hierzulande wiederentdeckten Schriftstellers Tarjei Vesass (1897-1970), kennen. 1929 erschien mit „Harpe og dolk“ das Debüt der Lyrikerin, die einige Jahre in der Schweiz lebte und arbeitete. Sie engagierte sich später im norwegischen Kulturrat, schrieb Kinder- und Jugendbücher sowie ihre Memoiren. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach mit Preisen geehrt.
Weit in die Geschichte indes geht es mit Christine de Pizan (1364-1429), Tochter des Hofastrologen des Königs von Frankreich. Mit 15 Jahren mit dem königlichen Notar verheiratet, begann sie nach dem Tod ihres Mannes zu schreiben. Prosa, Lyrik, den ersten Text über Jeanne d’Arc. Mit ihrem Schreiben ernährte sie ihre Familie und sich selbst. Überhaupt: Viele der im Buch erwähnten Frauen können sich ihre Räume und Häuser durch ihre kreative Arbeit überhaupt erst finanzieren. Manche ziehen von Ort zu Ort, manche besitzen zur gleichen Zeit mehrere Anwesen. Wie Krimiautorin Agathe Christie (1890-1976), die unter anderem im Greenway House am River Dart im englischen Devon lebte, schrieb und bekannte Gäste empfing. Wie Rudyard Kipling und Henry James. Für die literaturhistorischen Passagen hat Valla viel gelesen und recherchiert. Am Ende des Bandes finden sich ihre Quellen.
„Was ich wollte, war, an diesem Ort zu verschwinden. Mich dort einzuschließen, bis die Wörter kämen, bis ich wieder zur Autorin würde (…)“.
Valla, 1975 geboren, aufgewachsen im norwegischen Nordland und Absolventin der Journalistenschule Oslo, debütierte im Jahr 2000 mit ihrem Roman „Muskat“, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Sie schrieb für mehrere Zeitungen und Magazine. In Deutschland erlangte sie Bekanntheit mit ihrem Roman „Das Haus über dem Fjord“ (mare Verlag). In ihrem Band „Die Schüsse von Tiflis“ (Wallstein) widmete sie sich dem Leben der Künstlerin Dagny Juel.
„Stein auf Stein gelegt, von Händen, die ich nicht kenne. Ein ziemlich kleines Haus, und doch groß für seine Zeit. Eine schreibende Frau wohnt in diesem Haus. Es gibt sie.“
„Ein Raum zum Schreiben“ ist ein Buch, das auch vor Augen führt, wie Frauen sich für eine freie kreative Tätigkeit einsetzen und sich auch oft dafür erklären müssen. In der Kombination aus persönlichem Bericht und interessanten Einblicken in die Literaturgeschichte ist Valla ein atmosphärisches wie lehrreiches Buch gelungen, das bereichert und zugleich auch als eine Ode für einen fast unscheinbaren, aber liebenswürdigen Ort in der französischen Provinz gelesen werden kann.
Kristin Valla: „Ein Raum zum Schreiben“, erschienen im mare Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs; 272 Seiten, 25 Euro
Foto: Guillaume „Frozman“ Calas/Wikipedia



Vielen Dank für diesen spannenden Lesetipp!
Kat
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Sehr gern geschehen, vielen Dank für den Kommentar und viele Grüße
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