Kristin Valla – „Das Haus über dem Fjord“

„Nur Papa sank, kam nie an die Oberfläche, hatte etwas in sich, das ihn schwer machte.“

Es sind nur wenige Sekunden, in denen die zehnjährige Elin ihren Vater und ihre beiden älteren Brüder Thomas und Vegard für immer verliert. Auf dem Weg zu einer Familienfeier kommen sie infolge eines Erdrutsches ums Leben. Das Mädchen und ihre Mutter sind an jenem Tag daheim geblieben. Mehr als 20 Jahre später und nach dem Tod der Mutter kommt die nunmehr erwachsene Elin einem streng gehüteten Geheimnis auf die Spur, das die gesamte Familiengeschichte nicht nur infrage stellt. In ihrem berührenden wie atmosphärischen Roman „Das Haus über dem Fjord“ erzählt die Norwegerin Kristin Valla von Trauer und Schmerz und welche Folgen die Geheimnisse der Eltern auf die nächste Generation haben können.

Erinnerungen an Einst

Elin kehrt zurück in den Ort ihrer Kindheit, in das Haus der Familie, das trotz seiner Schönheit und Größe nunmehr verlassen ist. Hoch oben im Norden des Landes, während sie seit ihrer Jugend im Süden, in Oslo lebt und mittlerweile als Journalistin eines Modemagazins arbeitet. Die Verbindungen in die Heimat sind nahezu abgebrochen. Nach dem Tod ihrer Mutter Wenche räumt sie das Haus aus, um es zu verkaufen. Nicht nur beschwören die Gegenstände in den Zimmern und die Begegnungen mit Nachbarn und Bekannten Erinnerungen an die Vergangenheit herauf. Ein historisches Foto, das ihren Vater als jungen Mann an der Seite eines Fremden zeigt, und ein unbekannter Name in einem Mantel ihres Vaters sorgt bei ihr für Verwirrung. Elin, die nach ihrer Rückkehr Ola, ihre einstige Jugendliebe und damals enger Freund ihrer Brüder, wieder näher kommt und mit ihm eine Beziehung beginnt, begibt sich auf eine Spurensuche. Sie ist eine ehrgeizige und noch immer bodenständige Frau, die nicht von der glitzernden Modeszene und der Welt der Reichen und Schönen gänzlich vereinnahmt wurde.

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Während einer beruflichen Stippvisite in Paris, um Modenschauen zu besuchen, kommt sie den Antworten auf ihre dringendsten Fragen zunehmend näher. Denn in der Stadt hatte ihr Vater einst studiert. Doch erst während einer Reise in den Süden Frankreichs erfährt sie das ganze Ausmaß des Geheimnisses und die Gründe, weshalb die Familie, vor allem die Kinder, davon nichts erfahren durften. Bjørn hatte nicht nur seine Frau Wenche geliebt… Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, denn diese überraschende Wendung des Romans führt die Handlung zu einem speziellen Thema, auf das der Leser zwar zu Beginn seiner Lektüre wohl nicht gefasst ist, das allerdings der Tragödie zu Beginn des Romans später ein wenig ihrer dramaturgischen Schlüssigkeit nimmt und womöglich für Fragen sorgt.

„Ich dachte, dass es vieles gab, was ich über meine Eltern nicht wusste, nichts darüber, welche Sehnsüchte und Lüste sie mit sich herumgetragen hatten, welche Enttäuschungen sie hinuntergeschluckt hatten, worüber sie sich vielleicht hinter verschlossenen Türen zu weinen erlaubt hatten.“

Der Roman, der auf Zeitsprüngen und den Wechsel zwischen Vergangenheit und erzählter Gegenwart basiert, überzeugt allerdings in ganz anderer Hinsicht voll und ganz. Die norwegische Autorin hat eine ganz eigene Art, Szenen und Orte mit ihren Besonderheiten und Veränderungen im Laufe der Zeit atmosphärisch und bildhaft zu beschreiben. Sie gibt sowohl den verschiedenen Schauplätzen als auch dem Haus eine spezielle Stimmung. Auch die Schilderungen der Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren sind einfühlsam, so werden auch die unterschiedlichen Stimmungen in der Verbindung zwischen der Heldin sowie Ich-Erzählerin und ihrem neuen Partner greifbar. Außerdem reichert Valla ihr Werk mit interessanten Themen an: Sie erzählt von der Eisen-Förderung in der Region – so war Elins Vater in einer Eisenhütte beschäftigt – sowie von der Geschichte des Hauses im Zweiten Weltkrieg, das von deutschen Wehrmachtssoldaten besetzt wurde. Die einstige Bestimmung jenes Gasthauses in Südfrankreich, das die Heldin aufsucht, um hier zu übernachten, ist ergreifend.

Für PReis nominiert

Dabei sind die persönliche Verbindung und das Wissen der Autorin zu jener nordnorwegischen Gegend rund um Mo i Rana während der Lektüre deutlich zu spüren. Hier ist Kristin Valla 1975 geboren worden. Auch ihre frühere Tätigkeit als Mode-Journalistin schlägt sich in ihrem bereits dritten Roman – im Original mit dem Titel „Ut av det blå“ in dem von dem norwegischen Autor und Abenteurer Erling Kagge gegründeten Verlag erschienen – nieder, wobei jene recht detaillierten Passagen rund um die Modeszene gerade in der zweiten Hälfte durchaus hätten reduziert werden können. Für ihren Roman war Valla 2019 für den Preis des norwegischen Buchhandels nominiert.

„Das Haus über dem Fjord“ ist ein Roman, der einen nachdenken lässt über Verlust, Trauer und Schmerz, über das Erwachsenwerden nach einer unfassbaren Tragödie. Ein solch verheerender Erdrutsch wie im Buch beschrieben geschah am 30. Dezember 2020 in der Gemeinde Gjerdrum, rund 40 Kilometer von der norwegischen Hauptstadt Oslo entfernt. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben, als ein ganzes Wohngebiet verwüstet wurde. Experten machten als Ursache Quickton aus. Jenes Sediment, das zu Beginn des Buches beschrieben wird und Sinnbild sein kann für all jene folgenreichen Geschehnisse, die ein Leben aus den Angeln heben können: „Ein Kartenhaus, so würden die Forscher es später beschreiben, so verletzlich, dass schon die geringste Überbelastung oder äußere Einwirkung den Ton in Bewegung setzen könnten.“

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „leseschatz“.


Kristin Valla: „Das Haus über dem Fjord“, erschienen im mare Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs; 320 Seiten, 24 Euro

Foto von Kym Ellis auf Unsplash

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