Stefan Hertmans – „Der Aufgang“

„Vielleicht möchte man durch den Besuch eines Ortes der Erinnerung, selbst wenn die Erinnerung nicht die eigene ist, den Lauf der Geschichte für einen Augenblick aufhalten.“

Ein Tag im Spätsommer 1979 in Gent: Während eines Spaziergangs durch das Stadtviertel Patershol entdeckt Stefan Hertmans ein historisches Patrizierhaus. Wenig später erwirbt er das Gebäude; obwohl es kein Palast, sondern verwinkelt, kalt und feucht ist, und Hertmans damals gerade mal 28 Jahre alt und knapp bei Kasse ist. Was er damals noch nicht ahnen konnte – in dem Haus wohnte einst der berüchtigte SS-Offizier Willem Verhulst mit seiner Familie. Der Autor begibt sich auf die Spuren der Vorbewohner, seine Recherche-Ergebnisse, literarisch verarbeitet, münden schließlich in sein meisterhaftes Buch „Der Aufgang“. 

Intensive Recherche

Während der Lektüre musste ich dann und wann an eine Matroschka denken. Wie sie mehrere hölzerne Puppen in ihrem Körper vereint, so enthält Hertmans Werk mehrere Geschichten, die alle auf realen Ereignissen und Personen basieren, jedoch ergänzt werden durch die Fantasie des Autors, wie er im Anhang schreibt. Hertmans hat persönliche Dokumente gelesen, Akten gewälzt, hat Interviews mit Familienmitgliedern, so unter anderem mit den bereits betagten Kindern von Verhulst, geführt. Nur einen konnte er dazu nicht mehr befragen: Verhulsts Sohn Adriaan. Der renommierte Historiker und zugleich Mentor Hertmans an der Universität von Gent verstarb 2002.

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Doch wer war nun dieser Willem Verhulst? Der Sohn eines Diamantschleifers erblindet nach einem schweren Anfall. Die Behinderung zeichnet ihn fortan. Er wird zum Außenseiter, der in der Schule verprügelt und gedemütigt wird. Er zieht sich zurück in seine eigene Welt, trägt eine Augenklappe. Als Gärtnerlehrling wird er zum flämischen Nationalisten, der gegen den belgischen Staat aufbegehrt. Er tritt einer Separatistenbewegung bei, mit Hitlers Machtergreifung hegt er Sympathien für ein großdeutsches Reich. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Belgien beginnt Verhulsts Karriere: Er wird SS-Offizier, Spion für den Reichssicherheitsdienst, sorgt als Direktor des städtischen Drahtfunksenders für Propaganda. Auf Listen notiert er die Namen von Widerständlern und Juden. Ohne mit der Wimper zu zucken und Gewissensbisse verrät er Menschen aus seinem Umfeld, die er damit in den sicheren Tod schickt; ein Schreibtischtäter, der sich nicht die Hände schmutzig macht. Mit Stolz trägt er die Uniform mit dem Totenkopf. In dem Haus versammeln sich bekannte Nazis. Vor dem Zusammenbruch des Dritten Reichs flieht Verhulst nach Deutschland, wird später mit seiner Geliebten verhaftet und in seiner Heimat schließlich zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. 1953 wird er begnadigt.

Dabei lebt dieses Buch von einem besonderen Kontrast: Verhulsts zweite Frau – zuvor lebte er mit Elsa, einer Jüdin, zusammen, die früh an Krebs verstarb – ist das ganze Gegenteil. Harmina Margaretha Wijers, Tochter eines niederländischen Großbauern und von allen Mientje genannt, verabscheut jede Form der Gewalt. Sie engagiert sich in der Kirchengemeinde, interessiert sich für Kunst und Kultur, sie versucht zu verhindern, dass ihre Kinder Adriaan, Suzy und Letta die Ideologie der Nazis aufnehmen. Doch das unfassbare Leid, die massive Zerstörung wird auch Gent und die Familie ereilen, die Stadt wird bombardiert, der Keller des Hauses wird zur Zuflucht. Was der Krieg vernichtet, verschlingt – auch darüber schreibt der Belgier.

„Mientje geht hinauf auf den Dachboden, zieht die Hitler-Büste unter den alten Kleidern hervor und betrachtet den unbeholfen gestalteten Kopf, dann schwingt sie den Hammer, den sie bei sich hat, hoch in die Luft und lässt ihn auf den Schädel niedersausen, immer wieder, bis nur noch Gipsstaub übrig ist.“

Hertmans Stil ist ein Mix aus journalistischer Reportage und fiktivem Roman. Er beschreibt atmosphärisch Begegnungen und Orte, die er während seiner Recherche aufsucht. Er fährt sogar in jene deutsche Kleinstadt namens Neuenstein, in der Adriaan und seine Schwester Letta im Rahmen einer Kinderverschickung einen Sommer verbringen. Mit diesem unnachahmlichen Stil lässt der Belgier niederländischer Sprache Geschichte erlebbar machen. Er holt den Leser, der zum Beobachter des Alltags und besonderer Ereignisse wird, in das Haus der Familie. Die bildhaften und unvergleichlich lebendigen Szenen werden dabei oft aus verschiedenen Perspektiven beschrieben; nicht ohne eine gewisse Lakonie trotz des schweren Themas. Wem Hertmans Sympathie zufällt, kann man schnell ahnen. Es ist jedenfalls nicht der großmäulige Held, der seine Familie im Stich lässt, um seine Haut zu retten, der auch nach Kriegsende weder seine Ideologie infrage stellt, noch irgendeinen Funken von Reue zeigt.

Komplex und brisant

„Der Aufgang“ ist dabei nicht das erste Buch, in dem Hertmans reale geschichtliche Ereignisse oder Personen aus seinem Umfeld zum Anlass nimmt. In „Krieg und Terpentin“ erzählt er die Geschichte seines Großvaters und dessen Erlebnisse im Ersten Weltkrieg. Monieux, ein Bergdorf in der Provence, in dem er seit Jahren lebt, sowie ein Dokument aus dem 11. Jahrhundert bilden den Hintergrund für „Die Fremde“. Bereits mit diesen beiden Werken hat sich der Belgier in meine Liste der Lieblingsautoren geschrieben. Und auch sein neuester Streich ist trotz seiner Komplexität und der brisanten Thematik – die Kollaboration in anderen europäischen Ländern ist oft noch immer ein heißes Eisen und zumeist noch nicht umfassend historisch aufgearbeitet – ungemein fesselnd und zugleich lehrreich.

Das Buch versammelt sowohl die Vita eines SS-Schergen und die Geschichte seiner Familie als auch die Historie eines Genter Hauses. Darüber hinaus erfährt der Leser einiges über den Autor. Was Hertmans, der 1981 mit dem Prosaband „Ruimte“ debütierte und für sein Schaffen mehrfach mit Preisen geehrt wurde, mit seinem Buch zudem vermittelt: Jedes Haus hat wohl eine interessante Geschichte zu erzählen. Man muss sie nur aufspüren, wenn sie einen nicht auch überraschend ereilt.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es auf dem Blog „Buch-Haltung“, eine Rezension des Hörbuchs auf „literaturleuchtet“.


Stefan Hertmans: „Der Aufgang“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm; 480 Seiten, 26 Euro

Foto von Danny De Vylder auf Unsplash

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