Vom Schmerz – Stefan Hertmans „Krieg und Terpentin“

„Orte sind nicht nur Raum, sondern auch Zeit.“

Es ist Krieg, der erste der Welt, der erste, der mit Maschinen ausgetragen wurde und zu unfassbar hohen Opferzahlen und Leid geführt hat. Mittendrin in diesem Gemetzel: Urbain Martien. Er dient als Soldat in der belgischen Armee. In den kommenden vier Jahren wird er mehrmals verwundet. Für seine Aufopferungsbereitschaft und seinen Mut wird er mit zahlreichen Orden geehrt, die ihn nur wenig interessieren. Als Erinnerung bleiben Szenen der Gewalt und Zerstörung sowie der Schmerz, den er in seinem Notizbuch in Worte zu fassen versuchte. Sein Enkel Stefan Hertmans hat die Erinnerungen seines Großvaters in seinem berührenden wie erschütternden Buch „Krieg und Terpentin“ verarbeitet. 

Der Belgier Stefan Hertmans zählt zu den bekannten Autoren seines Landes. Für sein in niederländischer Sprache verfasstes Werk, das neben Prosa auch Lyrik und Essays umfasst, wurde er vielfach geehrt. Die Grundlage seines im Original 2013 erschienenen Buches bilden zwei Notizbücher, die sein Großvater ihm vor seinem Tod im Jahr 1981 übergeben hatte. Allerdings vergingen 30 Jahre, bevor Hertmans sich den Aufzeichnungen widmete – und daraus ein herausragendes literarisches Werk entstehen ließ. Dabei liegt der Fokus dieser Notizen auf zwei besonderen Zeiten: der Kindheit Martiens sowie seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, den er in den Schützengräben Belgiens sowie in Lazaretten in England und Nordfrankreich verbracht hat.

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Das Buch ist dabei in mehrere Teile gegliedert. Während der erste und der letzte Teil Erinnerungen Hertmans an seinen Großvater und dessen charismatische Person sowie Eindrücke, die er direkt an dessen Lebensstationen und prägenden Orten gesammelt hat, umfasst, erzählt der Mittelteil von den Kriegserlebnissen. Es gibt bekanntlich schon viele herausragende Literatur zu den dramatischen wie entsetzlichen Ereignissen des Erstes Weltkrieges, dessen Ende sich zin diesem Jahr zum 100. Mal jährt, aber in so einer klaren und vor allem authentischen Bildhaftigkeit, die nichts beschönigt und das Grauen nur verstärkt, gibt es wohl nur ganz wenige Werke. Martien erlebte die Schlacht an der Yser, Gräueltaten, die Zerstörung von Städten und Dörfern, den Hochmut und die Schikanen der Offiziere. Sicherlich rührt diese Eindrücklichkeit auch daher, dass hier die Niederschrift von persönlichem Erleben und deren literarische Verarbeitung nahezu verschmelzen und zwischen dem einstigen Soldaten sowie dem heutigen Autor eine enge Beziehung bestand und noch immer besteht; die zwischen Großvater und Enkel, der sich sehr intensiv mit der wechselvollen Lebensgeschichte, die auch fern des Krieges von Schicksalsschlägen geprägt war, beschäftigte.

„Als ich mir die Bilder ein weiteres Mal ansah, rührte sich in mir etwas, und es war, als erstünde mein Großvater in mir, ergriffe wie ein freundlicher Geist von meinem Körper Besitz, vereinnahmte mich mit all seinen Gefühlen und seiner mir noch immer verschlossene Welt und ließe mich verstört zurück (…)“

Urbain Martien, 1891 geboren, wächst in armen Verhältnissen in Gent auf. Als Kind arbeitet er unter anderem in einer Schmiede und einer Eisengießerei, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Auch das Betteln um Kohlen am Rangierbahnhof zählt zu seinem Alltag. Sein Vater Franciscus ist Kirchenmaler und zugleich Vorbild, um später als Kopist in die künstlerischen Fußstapfen des Vaters zu treten. Die Ehe seiner Eltern ist innig sowie liebevoll und hat einen Standesunterschied überwunden, stammt doch Urbains Mutter Celine aus guten bürgerlichen Verhältnissen. Doch Mutter wie Sohn ahnen nicht, dass dem Leben ihres Mannes beziehungsweise Vaters ein baldiges Ende gesetzt wird: nach einem rund einjährigem Aufenthalt in Liverpool, um in einer dortigen Kirche zu malen, ist die Wiedersehensfreude nur kurz: Franciscus stirbt an Tuberkulose. Die Mutter muss fortan das Geld für sich und die Kinder aufbringen. Urbain entscheidet sich schließlich als Jugendlicher, anstatt Pfarrer zu werden, vier Jahre eine Regimentsschule zu besuchen.

Stefan Hertmans
Stefan Hertmans – Foto: Michiel Hendryckx/wikipedia

Während eines Genesungsaufenthaltes in England macht er sich auf die Suche nach jenem Werk, das sein Vater gemalt hat. Es ist eine Szene, die sehr berührt, allgemein gibt es viele Passagen, die dem Leser die Tränen in die Augen treiben: der frühe Tod des Vaters, der Verlust von Freunden und Kameraden an der Front, die „nicht nur“ von Kugeln zersiebt, sondern förmlich von Granaten zerfetzt werden, das tragische Ende seiner ersten großen Liebe zu Maria, die er nach dem Krieg kennenlernt, sowie allgemein die enge Beziehung zwischen Großvater und Enkel. Hertmans erinnert sich an dessen Gestalt, an seine Stimme, seinen Geruch. Mit sehr viel Herzlichkeit, Hingabe und Wärme schreibt er über dessen Persönlichkeit, dessen tiefen Glauben, Loyalität, dessen inneres Glück zu leben und die Leidenschaft zur Kunst. Selbst als Soldat vergisst er das Zeichen nicht, trotz widrigster und lebensgefährlicher Umstände und obwohl es nur Papier und Kohle gibt.

„Krieg und Terpentin“ bereitet eine unvergessliche Lektüre, ist Anti-Kriegs-Roman und Zeitzeugnis sowie ein berührendes Buch über einen einfachen Menschen und eine Ode an die Beziehung zwischen Großvater und Enkel. Wenn das Leben eines Menschen im Mühlrad der Geschichte nur sehr klein erscheint, bleibt es jedoch nicht unvergessen und wirkt sich auf das Leben folgender Generationen aus. Dieses zudem mit Fotografien und Kopien von Kunstwerken illustrierte Buch ist dafür der Beweis und zugleich Aufforderung an die Jüngeren, sich den Älteren und ihren Erlebnissen und Erfahrungen zuzuwenden und womöglich auch zu bewahren.


Stefan Hertmans „Krieg und Terpentin“, erschienen als Taschenbuch im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm; die gebundene Ausgabe wurde mit dem Titel „Der Himmel meines Großvaters“ bei Hanser Berlin veröffentlicht.

Foto: pixabay

6 Gedanken zu „Vom Schmerz – Stefan Hertmans „Krieg und Terpentin““

    1. Vielen herzlichen Dank, liebe Ruth, für Deine lobenden Worte. Ich denke, auch ich werde das Buch in Erinnerung behalten. Mir hat mit Blick auf dieses Thema auch „Schönheit und Schrecken“ des schwedischen Historikers Peter Englund sehr beeindruckt. Viele Grüße

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