Jardine Libaire – „Dein Herz, ein wildes Tier“

„Dass die Raubkatze so knuffige Kuschelohren hatte, schien irgendwie das Allertraurigste an der ganzen Sache zu sein.“

Sie sind ein zusammengewürfelter Haufen windiger Kleinkrimineller, aber auch gescheiterter Existenzen. Eine unfreiwillige Katastrophe sprengt sie auseinander. Im Camp des Drogenbosses Tim in Oklahoma fliegt die Meth-Küche in die Luft. Vier von ihnen, Ernie, Coral, Ray und Staci, rettet der Zufall. Sie waren in der Stadt, um Drogengeld zu holen. Bei der Rückkehr sehen sie, wie das Lager in Flammen aufgeht. Sie fliehen samt der Moneten zusammen nach Texas. In ihrem Roman „Dein Herz, ein wildes Tier“ erzählt die US-Amerikanerin Jardine Libaire von einer besonderen Gemeinschaft.

Neues Zuhause in Texas

Jeder Roadtrip hat mal ein Ende. Im Fall der Vier ist es ein verlassenes und heruntergekommenes Farmhaus in Texas, das sie kurzerhand mieten und erst einmal auf Vordermann bringen müssen. Das Geld hilft, in den ersten Wochen über die Runden zu kommen. Aber dann muss ein Plan her. Statt sich Jobs zu suchen, ein ganz normales Leben zu beginnen, wie Ernie es wünscht, treiben sie weiterhin krumme Geschäfte – immer von der Angst begleitet, aufzufliegen oder von Tim, dessen Geld sie verbraten, ausfindig gemacht zu werden. War die Gruppe unter dem Regime des Bosses noch eher ein loser Haufen, wachsen die Vier eng zusammen. Auch aus einem Grund heraus: Ernie, Ray und Staci kümmern sich um Coral, die von traumatischen Erfahrungen gezeichnet ist.

Corals Eltern waren Tabletten-Junkies. Sie nutzten ihr kleines Kind, dem sie auch unfassbares Leid und Gewalt zufügten, herz- wie schamlos aus, um an Stoff zu kommen. Coral ist taub, stumm und scheu, als sie mit 17 Jahren in Tims Camp abgeladen wird wie ein Päckchen. Im Camp und auch später wird sie mehrfach für Überraschungen sorgen. Sie kümmert sich im Lager um ein Baby, dem sie nahezu eine Mutter wird, nach der Flucht nach Texas nimmt sie sich des Gartens am Haus an und arbeitet hart. In ihr schlummert mehr, als viele ahnen. Auch als Ray und Ernie einen verwahrlosten Geparden, Haustier eines Kriminellen, den die Polizei erwischt hatte, anschleppen. Zwischen Coral und dem nicht mehr ganz so imposanten Slash, beide vom Schicksal gezeichnet, von anderen misshandelt, entsteht eine ganz eigene Beziehung.

„Wir Menschen sind die einzigsten Lebewesen, die an Sicherheit glauben. In Wirklichkeit ist sie nichts als eine Illusion, aber sie ermöglicht es uns, Städte zu bauen und so weiter, weil wir nicht ständig mit Überleben beschäftigt sind.“

Libaires Roman überrascht mit einer für ein Buch, das im Milieu der kleinen wie großen Kriminellen spielt, erzählerischen Ruhe, was nicht heißt, dass die Story dröge wäre. Immer wieder streut sie Überraschungen ein. Ihr Fokus liegt auf den Charakteren und ihren Beziehungen zueinander: ob es nun die wachsende Bindung der Drei zu Coral, die bereits langjährige Liebe zwischen Ray und Staci oder die aufkommenden Gefühle Ernies zu Coral ist.

Darüber hinaus werden in den Gedanken der Helden die Verhältnisse in Tims Camp aufgearbeitet, die dortigen Regeln, die Hierarchie, die Manipulationen des Gurus. Coral und Ernie, Ray und Staci erfahren erstmals eine gewisse Freiheit – eine Freiheit, selbst entscheiden zu können, was sie tun.

Unterstützt Frauen im Gefängnis

Jardine Libaire, geboren 1973 in New York, ist Absolventin des Skidmore Colleges und hat Creative Writing an der University of Michigan studiert. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten in diversen Magazinen. Für ihr Schaffen wurde Libaire mit mehreren Stipendien und Preisen geehrt. 2004 veröffentlichte sie ihr Debüt „Here Kitty Kitty“. Zuletzt erschien ihr Roman „White Fur“; auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Uns gehört die Nacht“ veröffentlicht. Libaire lebt in Austin, Texas, wo sie sich ehrenamtlich für das Hilfsprogramm für Frauen im Gefängnis „Truth Be Told“ engagiert.

„Aber gute Arbeit finanziert sich durch schlechte, das ist einfach so. Dieses Land ist von Kriminellen gegründet worden, von Raubrittern und Taschendieben. Kapitalismus halt. Klar?“

Dieser wohl auch andere offener wie menschlicher Blick auf Personen, die Gesetze aus verschiedenen Gründen gebrochen haben, ist auch dem Roman anzumerken. Keiner der vier Helden wird verurteilt. Vielmehr wird ihr Hintergrund beleuchtet. Denn nicht nur Coral hat eine traurige Geschichte zu erzählen: Ernie wurde in der Kindheit und Jugend durch verschiedene Pflegefamilien gereicht. Staci, eine ehemalige Stripperin, ist dem Alkohol allzu sehr zugeneigt. Ray hat einen Hang zur Aggressivität.

Dass die Figuren, die letztlich eine Art Schicksalsgemeinschaft bilden, zum Abschluss kein wirkliches Happy End erfahren, berührt und beschäftigt den Leser, die Leserin. „Dein Herz, ein wildes Tier“ vereint filmreife Bilder und Dialoge, spezielle Protagonisten und ganz viel Gefühl. Ein Roman, dem man eine Fortsetzung von Herzen wünscht. Denn so einfach will man das eigenwillige Quartett nicht loslassen.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Schreiblust Leselust“.


Jardine Libaire: „Dein Herz, ein wilder Tier“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Eva Regul; 336 Seiten, 25 Euro

Foto von Mike Bird auf Unsplash

4 Kommentare zu „Jardine Libaire – „Dein Herz, ein wildes Tier“

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