„Kann die Erinnerung an einen Ort in uns weitergegeben werden?“
Er wächst Tausende Kilometer vom Ort seiner Herkunft auf. Seine leibliche Eltern kennt er nicht, sie wiederum wissen nicht, dass er überhaupt lebt. Jon wird in Kanada geboren, seine Mutter und sein Vater zählen zur indigenen Bevölkerung. Bereits nach der Geburt wird er einem weißen Paar übergeben, das mit ihm wenig später nach Dänemark zieht. Erst als junger Mann wird Jon seine Urheimat kennenlernen – die arktische Baffininsel, wo er schließlich auf die finnische Glaziologin Unni trifft, die vor Ort für ihre Forschungen Untersuchungen am Gletscher „Penny“ durchführt.
Innere Verbundenheit
Es ist eine Art schicksalhafte Begegnung, die den Auftakt zum Roman „Wo das Eis niemals schmilzt“ der finnischen Autorin und Wissenschaftlerin Inkeri Markkula bildet. Jon und Unni verlieben sich Hals über Kopf ineinander, verbringen einige Tage zusammen, während ein heftiger Schneesturm wütet und sie nicht aus dem Haus können. Sie fühlen eine innere Verbundenheit, die allerdings nicht von ungefähr kommt. Auch Unni zählt zur indigenen Bevölkerung, ihre Eltern stammen hingegen aus dem nordischen Lappland.

Die Mutter zog jedoch mit der Tochter in die Nähe von Helsinki, nur in den Sommerferien konnte Unni ihren Vater im Norden Finnlands besuchen, die geliebte Natur und ihr Rentier, ein Geschenk des Vaters, wiedersehen. Wie Jon, der wegen seines Äußeren in Dänemark Rassismus erfuhr, hat auch Unni die Unterdrückung der Indigenen ganz bewusst und schmerzhaft erleben müssen. Sie wurde in der Schule drangsaliert und ausgeschlossen, galt als Außenseiterin. Samisch, die Sprache ihrer Vorfahren, wird sie erst später lernen. Die Liebe zur arktischen Natur und auch die spürbaren Veränderungen führten dazu, dass sie Wissenschaftlerin wird. Während in ihrer Heimat durch die Erderwärmung der Permafrostboden taut, schmilzt auf der Baffininsel, dem größten Eiland des Kanadisch-Arktischen Archipels, der Gletscher in einer rasanten Schnelligkeit.
Überstürzt muss Unni schließlich von der Baffininsel abreisen. Gelegenheit, sich richtig von Jon zu verabschieden, hat sie nicht. Beide werden sich erst viel später wiedersehen – und unter dramatischen Bedingungen. Denn das Hin und Hergerissen sein sowie ein tragischer Einsatz als Rettungssanitäter haben fatale Auswirkungen auf Jons Seele.
Reale Praxis in Kanada
Das Geschehen springt zwischen den Zeiten und Orten, so dass man den Eindruck gewinnen kann, die Zeiten verschwimmen, Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerungen und Erlebnisse sowie Ursache und Wirkung kommen sich immer näher und verschmelzen. Der Leser, die Leserin lernt nicht nur Jon und Unni als Hauptfiguren, sondern auch mit Alasie und Nilak Jons leibliche Eltern sowie Jons Adoptivmutter Helen kennen, die sich mit dem Fall ihres Adoptivkindes beschäftigt und zum Thema Zwangsadoption recherchiert und ihn letztlich dabei unterstützt, mehr über seine Herkunft zu erfahren.
Markkula verbindet in ihrem Buch zwei große Themen auf eindrucksvolle Art und Weise, ohne die Handlung zu überladen: den Klimawandel sowie die Frage nach der eigenen Identität, die Folgen von Traumata und die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, die sich in Kanada und Finnland indes unterschiedlich zeigt. Zwangsadoption, bei der die Kinder den Eltern ohne deren Einwilligung und Wissen entzogen worden sind, ist wohl eine der drastischen Formen der Unterdrückung, die unter der Bezeichnung „Sixties Scoop“ bekannt wurde. Etwa 20.000 Kinder wurden in Kanada in den 1960er- bis 1980er-Jahren ihren indigenen Eltern genommen.
„Sie wussten nicht, dass ich aus einem Land des Packeises und des Permafrosts kam, dass man von einem Fenster aus auf die Fjälls jenseits des Flusses blickte, auf deren Gipfel der Schnee niemals taute, und dass es in der Sprache meiner Großeltern unzählige Wörter für die unterschiedlichen Daseinsformen des Wassers gab.“
„Wo das Eis niemals schmilzt“ sind das umfangreiche Wissen und die Hingabe der Autorin für diese Thema anzumerken. Inkeri Markkula hat in Lappland, Island und auf Spitzbergen gewohnt. Die Autorin und Umweltwissenschaftlerin untersucht speziell die kulturellen und ökologischen Folgen des Klimawandels in (sub-)arktischen Gebieten, insbesondere auf dortige indigene Gemeinschaften. 2016 erschien ihr Debütroman „Two People per Minute“, der für den Helsingin Sanomat Literaturpreis als „Bester Debütroman“ nominiert war.
Die Finnin hat einen sehr vielschichtigen, berührenden und sprachlich sehr schönen Roman geschrieben, der auch die verschiedenen Perspektiven vermittelt und ein Glossar sowie weitergehende Lektüreempfehlungen bereit hält. Wenngleich das Ende der Handlung etwas zu konstruiert und allzu dramatisch wirkt, gibt Markkulas eindrücklicher Roman einen kräftigen Anstoß, sich mit den verschiedenen Themen weiter zu beschäftigen.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „LiteraturReich“.
Inkeri Markkula: „Wo das Eis niemals schmilzt“, erschienen im mare Verlag, in der Übersetzung aus dem Finnischen von Stefan Moster; 352 Seiten, 25 Euro

